Impulse zur Fastenzeit | Pfarrgemeinde Herz Mariae

„Das Schönste, was wir erleben können, ist das Geheimnisvolle.“

 

Albert Einstein


 

Das letzte Abendmahl | Intro

Am Morgen des fünften Juni 1542 bestellte Rembrandt Harmenszoon van Rijn einen Notar, um das Testament seiner Frau Saskia aufzunehmen. Schwer krank, starb sie tatsächlich kurz darauf, am 14. Juni. Sie hatte ihren Mann zum Alleinerben eingesetzt mit der Klausel, dass alle Ansprüche bei Wiederverheiratung verfallen, bzw. an ihre Familie zurückfallen sollten. Rembrandt hält sich wohl nicht nur deshalb an Saskias Wunsch, nie wieder zu heiraten. Dafür, dass er Saskia wirklich geliebt hat, sprechen die zahlreichen Gemälde und Zeichnungen, in denen er die Geliebte verewigt hat.

Rembrandt begann dennoch ein Verhältnis mit der Amme seines kleinen Sohnes Titus. Geertje Dircs war noch zu Lebzeiten Saskias eingestellt worden. Diese sollte er – es gab später Streitigkeiten vor Gericht – verlassen, um (1647/48) eine Beziehung mit Hendrickje Stoffels zu beginnen. Sie arbeitete im Haushalt mit. 

Wegen der testamentlichen Verfügung, der Liebe zu Saskia, aber auch aus Standesgründen, heiratete Rembrandt Hendrickje Stoffels nicht, obwohl sie schwanger wurde mit ihrer gemeinsamen Tochter Cornelia. Hendrickje wurde vor den Kirchenrat zitiert wegen Unzucht mit dem Maler. Zur Strafe wurde sie vom Abendmahl ausgeschlossen. - Aus heutiger Sicht eine leichte Strafe…

Rembrandt, Saskia im Bett, ca. 1638, Feder mit Bister, Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Kupferstich-Kabinett, Dresden
 

Aus heutiger Sicht eine leichte Strafe…?

Neben den Zehn Geboten gibt es für katholische Christen die Fünf Gebote der Kirche. Bei diesen sogenannten Kirchengeboten handelt es sich um christliche Weisungen, die das Wachstum der Gottes- und Nächstenliebe aller Gläubigen fördern wollen. So steht es im Gotteslob, dem katholischen Kirchengesangbuch.

Das dritte der fünf Kirchengebote lautet: „Du sollst wenigstens zur österlichen Zeit sowie in Todesgefahr die heilige Kommunion empfangen.“ Erläuternd heißt es weiter im Gotteslob (29,7): „Der Empfang des Leibes Christi stärkt die Gläubigen, er verbindet sie mit dem auferstandenen Christus und untereinander. Die heilige Kommunion ist die Nahrung der Christen auf dem Weg zu Gott.“

Die heilige Kommunion ist u.a. Spendung und Empfang der in einer Eucharistiefeier geheiligten Gaben von Brot und Wein, die den Leib und das Blut Christi repräsentieren - heilige Speisen. Eucharistie des Gedächtnisses Jesu Christi wird bezogen auf das Abendmahl, das Jesus nach der Darstellung der Evangelien mit seinen Jüngern kurz vor seinem Leiden und Sterben feierte. Sie vergegenwärtigt das Kreuzesopfer Jesu und bewirkt die sakramentale Gemeinschaft zwischen Christus und dem Gläubigen sowie der Gläubigen untereinander. Voraussetzung für den Empfang der Kommunion ist, getauft zu sein.

Leib Christi

Der Priester vergegenwärtigt mit den Gläubigen die Begegnung mit Christus unter den Gestalten von Brot und Wein. Die Gläubigen kommunizieren meistens nur unter der Gestalt des Brotes. „Jesus, der Herr, nahm in der Nacht, in der er ausgeliefert wurde, Brot, sprach das Dankgebet, brach das Brot und sagte: Das ist mein Leib für euch. Tut dies zu meinem Gedächtnis!“ (1 Kor 11,23–24)

Und, wenn Anzahl der Gläubigen und Zeit es erlauben: „Ebenso nahm er nach dem Mahl den Kelch und sagte: Dieser Kelch ist der Neue Bund in meinem Blut. Tut dies, sooft ihr daraus trinkt, zu meinem Gedächtnis!“ (1 Kor 11,25)

Blut

Der Begriff “Blut Christi” wird im Neuen Testament mehrmals verwendet. Er steht für den aufopfernden Tod Jesu am Kreuz. Das vergossene Blut des Erlösers und Retters verweist auch darauf, dass Jesus für (uns) Sünder geblutet hat und gestorben ist. Damit sind alle Menschen gemeint, über Jahrhunderte hinweg zu allen Zeiten, wenn sie an Jesus und die Erlösung durch seinen Kreuzestod glauben. Dafür steht das symbolische Eingießen des Weines in den Kelch. Das Blut Christi bildet die Basis des Neuen Bundes.

Ort des Lebens

Schon in der Antike wurde Blut heiliger Charakter zugesprochen; denn Blut galt als Ort des Lebens (Lev 17,11.14). Das Herz ist es, das Blut durch den Körper pumpt. Somit steht Blut in Beziehung zu Gott - der Liebe.

Beim Auszug aus Ägypten hieß es im zweiten Buch Mose, dass man etwas von „dem Blut“ nehme und damit die beiden Türpfosten und den Türsturz an den Häusern bestreiche, in denen man es essen will. Das Blut war nicht nur ein Hinweis auf das verheißene Land, sondern ein deutlicher Hinweis auf das neue Leben. Das Blut des "fehlerfreien, männlichen, einjährigen Lamms“ (2.Mose 12,7) als Zeichen der Rettung sollte später am Berg Sinai für das Volk Israel bestätigt werden, als Gott sich offenbarte und Moses von Gott die Zehn Gebote erhielt. Vor dem Auszug war das Passahfest eingesetzt worden, das Mahl, das von nun an immer wieder an die Befreiung aus Ägypten erinnern sollte. Dies war auch schon ein Hinweis darauf, die Anteilhabe am Blut Christi als Geschenk anzunehmen und als geheiligter Mensch in den Himmel zu gelangen, Anteil am ewigen Leben, am Leben Christi, an seiner Auferstehung zu haben.

Mit dem Blut verbanden sich automatisch das Verbot des Mordes, das Verbot des Blutgenusses und Verwendungen des Blutes im Kult.

Das Blut Christi als Mittel zur Erlösung von Sünden hat nämlich seinen Ursprung im mosaischen Gesetz des Alten Testamentes. So musste einmal im Jahr, zum „Großen Versöhnungstag“, ein Priester ein Blutopfer von Tieren am Altar des Tempels für die Sünden der Menschen erbringen. „Und es wird fast alles mit Blut gereinigt nach dem Gesetz, und ohne Blutvergießen geschieht keine Vergebung.“ (Hebräer 9,22) Der Sündenbock – daher kommt das Wort - wurde bis zur Zerstörung des Jerusalemer Tempels (70 nach Christus) symbolisch beladen mit den Sünden des Volkes Israel und "in die Wüste geschickt". Dies diente der jährlichen Versöhnung zwischen Gott und Mensch.

Christus hingegen opferte sich nun einmalig selbst – dafür steht das Blut -, um alle (ewigen) Sünden, Erbsünde genannt, zu tilgen. Der Tempelkult (des Jerusalemer Tempels) des Judentums wurde abgelöst.

Jesus machte klar, dass der getaufte Mensch selbst Tempel Gottes ist. Die rituellen Opfer für Sünde wurden unnötig; denn Jesus holte die Menschen wieder in die ständige Liebe Gottes hinein. Sie konnten wieder Umgang haben mit Gott.

Dafür opferte Jesus sich auf, um diejenigen für die er sich opferte, in göttliche Gunst zu bringen. Dazu schrieb Apostel Paulus: „zum Lob seiner herrlichen Gnade. Er hat sie uns geschenkt in seinem geliebten Sohn.“ (Eph 1,6). „Ein Brandopfer braucht Ihr nicht“ mehr.

Jesus verkündete damit den unbegreiflichen Gott als liebenden, gütigen, barmherzigen Gott. Damit enstand auch ein neues (ideales) Menschenbild: keine Gewalt mehr, keine Rache, sondern Barmherzigkeit, Verstehen, verzeihen, statt verurteilen – die Botschaften Jesu… innerhalb des Wohlwollens. Dies hatte Paulus verkündet: „…denn als unser Paschalamm ist Christus geopfert worden..“ (1 Kor 5,7).

Erbsünde mitgedacht

Solange die katholische und die evangelische Kirche an einer Erlösung durch das Blutopfer Christi festhielten, sei die Erbsünde mitgedacht, auch wenn man gerne von der Erbsünde Abstand nehmen würde. Erlösung sei immer Erlösung von der Sünde, sagte Wolfgang Mölkner in einem Interview des Deutschlandfunks. (1)

Befreiung von der Befreiung?

Das Christliche ohne das Blut, das Leiden und den Kreuzestod denken… Geht das?

Der Titel CHRESTOS wurde erstmalig im Jahr 318 über dem Toreingang wahrscheinlich einer Kirche in einem syrischen Dorf entdeckt. Es bedeutete soviel wie "Dem Herrn und Erlöser Jesus, dem Guten". CHRISTOS ist das griechische Wort für „der Gesalbte“. Es ist der Titel für den von Gott zur Erlösung aller Menschen Gesandten und Sohn Gottes und somit das Bekenntnis zum gekreuzigten Jesus als Messias. („Messias“ ist dem Hebräischen und Aramäischen angelehnt und findet sich schon als Bezeichnung für „den Gesalbten“ im Tanach. Das Leiden und Sühnesterben des Messias war im Alten Testament, wie etwa von Jesaja (Jes 53) prophezeit.) Der Begriff bestätigt den Glauben an die Heilsverheißungen Jesu Christi im Dienste Gottes als „Knecht“ Gottes, „Gottesknecht“.

Nach dem griechischen Titel benannte sich die Gemeinde der Christen, die der im Mittelmeerraum umherreisende, predigende Apostel Paulus (mit)begründete. Paulus von Tarsus kannte sich bestens im Judentum aus; er war griechisch gebildeter Jude mit römischem Bürgerrecht. Jude war und blieb er. Der Glaube an den Messias bedeutete für ihn nicht das Ablegen des Judentums, aber den streitbaren Willen zur radikalen Veränderung des Judentums durch den jüdischen Messias  – als Angebot. Er wendet sich aber nicht nur an die Juden, sondern an alle, auch die Heiden: „Es gibt nicht mehr Juden und Griechen, nicht Sklaven und Freie, nicht männlich und weiblich; denn ihr alle seid einer in Christus Jesus. Wenn ihr aber Christus gehört, dann seid ihr Abrahams Nachkommen, Erben gemäß der Verheißung.“ (Galater 3,28.29)

Das Selbstverständnis der christlichen Religion rührt aus der bedingungslosen Liebe Gottes gegenüber den Menschen sowie der gesamten Schöpfung. Gott offenbart sich in der Gestalt seines Menschen-Sohnes, um diese Liebe erfahrbar zu machen, Gott und Mensch in Beziehung zu setzen in der Welt und allen Facetten des Menschseins.

Jesus ohne Christus? Für Christen?

Jesus Christus. Nicht Jesus oder Christus, sondern Name plus Titel. Der historische Jesus und gleichzeitig der, an den man glaubt – den Auferstandenen. Nun gibt es also Christen, die sich von tradierten Vorstellungen, lösen, „emanzipieren“ wollen. Sie erkennen die Erbsünde nicht an, den nach christlicher Theologie durch Adam und Eva herbeigeführten Unheilszustand, an deren Folgen seither jeder Mensch teilhat. Dies äußert sich darin, dass der Mensch in der Tradition der Ureltern (auch schwere) absichtliche Fehler begeht – sündigt. Dies bedeutet, entgegen des Heilsplans Gottes zu leben. Konsequenzen sind Eigenschaften wie Neid und Eifersucht als Neigungen zum Bösen, das Spüren von Begrenztheit und Sterblichkeit. Das Vermögen zu erkennen ist eingeschränkt und der (positive) Wille ist geschwächt. Zerstörerisches Wirken wird – bis zum Mord – zugelassen.

Befreien von der Freiheit?

Diese Menschen wollen sich „befreien“ von der Erbsünde, weil sie für den Verlust von Freiheit stehe. Mit Freiheit ist wohl gemeint, alles, was uns möglich scheint, tun zu können. Doch hatte nicht gerade der Sündenfall, der Aufstand gegen Gott, Freiheit herbeigeführt? Adam und Eva verloren aus Stolz und Hochmut sowie ein Missrauen gegenüber Gott das Paradies, die vollkommene Harmonie. Dieser „Zustand“ war und ist das vollkommene, beiderseitige Einvernehmen zwischen Gott und Mensch. Die Gewissheit der übernatürlichen Bestimmung, eines vorgezeigten Weges zum Paradies, war verloren. Ab nun mussten sie und ihre Nachkommen eigenmächtig und „vernünftig“ handeln oder durften sie es?

Angebot darin war, die Freundschaft mit Gott wiederherzustellen, sich als „Mittätige“ Gottes, im Sinne Gottes Handelnder zu bekennen und zu erweisen, und dies als gottgewollte Aufgabe zu begreifen, der man sich nicht entziehen kann. Gefahr darin ist der Missbrauch der Freiheit, die dem Menschen von Gott geschenkt wurde, damit der Mensch sich in echter freier Liebe Gott zuwenden kann.

Zweiter Adam

Paulus nennt Jesus den „zweiten (auch letzten) Adam“ und bezieht ihn damit auf den ersten Menschen in der biblischen Schöpfungsgeschichte und Gottes Zuversicht in diesen: „Gott, der HERR, machte dem Menschen und seiner Frau Gewänder von Fell und bekleidete sie damit. (1.Mose 3,21)

Paulus beschreibt Jesus aber als etwas völlig Neues: Gegenüber dem aus Erde geschaffenen, durch seine Sünde den Tod für die Menschen auslösenden Adam (Röm 5,12) komme Jesus „vom Himmel“ (1 Kor 15,47), um für die Menschen den Tod zu überwinden (Röm 5,17f).

Jesus wirkt selbst; er macht vor. Seine Zuversicht zu seinem Vater drückt er aus in seinem Bekenntnis vor seinem Tod „Dein Wille geschehe“ und „Vater, in Deine Hände habe ich…“

Den Sinn des Kreuzes Christi mit dem Hinweis auf sein Erlöserblut brachte Paulus zum Ausdruck.

Freiheit des Menschen

Der italienische Renaissance-Philosoph Giovanni Pico della Mirandola (1463-1494) definiert die Freiheit des Menschen als Selbstbestimmung über das eigene Leben und die damit verbundene Unsicherheit. Das Leben gelte es zu „führen“. Des Menschen Fähigkeit zum Guten setzt seine Fähigkeit zur Sünde voraus. (2)

Mit der Taufe, in der so begründeten Gemeinschaft mit Jesus Christus, wird die Erbschuld getilgt; es sind die sekundären Folgen der Erbsünde, die dem Menschen zur „sittlichen Bewährung“ belassen werden; durch Jesus Christus verlieren die Sündenfolgen ihren Strafcharakter. Sie werden zum Anlass und Mittel, mit der Gnade Gottes das Heil zu erwirken. „…es ist da ein Wort, das die Bibel vom ersten bis zum letzten Buch durchzieht wie ein roter Faden. Es ist Gottes oder Jesu eigenes Wort oder das der Propheten oder Engel. Es ist an Einzelne gerichtet, an kleinere oder größere Gruppen oder an das ganze Volk. Es ist das mit Abstand häufigste Wort der Bibel: Fürchtet euch nicht! Fürchte dich nicht!“ (3) Dieses "Wort" enthält keine moralischen Anweisungen. Als falsche Freunde der Freiheit machen Gröschner und Mölkner Moralapostel aus. Dies seien Menschen und Institutionen, die ihre eigenen Werte absolut setzten. Regelrechte Feinde der Freiheit sind für sie die Sündenprediger in den Religionen. (4)   

Laut Pico della Mirandola ist der Mensch nicht nur Produkt der Welt, sondern wie Gott ein Schöpfer: Er ist das, was er aus sich macht – plastes et fictor, sein eigener „maker and moulder“ (5). Er lässt Gott zu Adam sprechen: „Du sollst dir deine (Wohnung) ohne jede Einschränkung und Enge, nach deinem Ermessen, dem ich dich anvertraut habe, selber bestimmen. Ich habe dich in die Mitte der Welt gestellt, damit du dich von dort aus bequemer umsehen kannst, was es auf der Welt gibt, (…) damit du wie dein eigener in Ehre frei entscheidender, schöpferischer Bildhauer dich selbst zu der Gestalt ausformst, die du bevorzugst.“ (6)

Mirandola wird konkret. Durch das Denken wird der Mensch zu seinem eigenen Kunstwerk – aber nur „im Kopf“. (7)  Menschlich sei also die Fähigkeit, die Freiheit zu nutzen und Wahrheit im Angesicht Gottes zu suchen. Dies kann Mirandola zufolge, nur denkend geschehen. (Er geht sogar so weit, zu behaupten, wer kein philosophisches Leben lebe, die vita contemplativa also missachte, sei im Grunde kein Mensch.) Aus Denken entsteht jedenfalls Handeln.

Die menschliche Kreativität ist es, die Würde (im Gesetz festgehalten und gestärkt nach Art.1 GG) ermöglicht. Würde ist nach Definition des Wörterbuchs der „Achtung gebietende Wert, der einem Menschen innewohnt, und die ihm deswegen zukommende Bedeutung“, „die menschliche, persönliche Würde" (1a). Sie bildet das Bewusstsein des eigenen Wertes [und dadurch bestimmte Haltung], „eine steife, natürliche Würde" (1b).

Gemäß Mirandola ist es nicht nur würdig, seine Kräfte zu entfalten, sondern unwürdig, sie nicht zu entfalten. Ist dies, weil renaissancehaft mit dem Aufkeimen eines neuen bürgerlichen Selbstbewusstseins, zu hoch gedacht? Man müsste heute das Recht des Menschen hinzufügen, seine Kräfte nicht zu entfalten. Daraus resultiert u.a. modernes Demokratieverständnis.

Nach Pico della Mirandola sollte der Mensch bewusst versuchen, Gott immer näherzukommen, auch wenn er ihn niemals ganz erfassen kann. Denn nur Gott besitzt unmittelbare Einsicht in die Dinge, weil er alles und zudem alles zugleich weiß. Doch der Zugang ist vielfältig. Es geht um das „Erkennen“ (Auseinandersetzung, Definitionen, Unterscheidungen), auch das Erkennen seiner eigenen Grenzen.

„Du kannst zum Niedrigeren, zum Tierischen entarten; du kannst aber auch zum Höheren, zum Göttlichen wiedergeboren werden, wenn deine Seele es beschließt.“ (8) Dies meint den Auftrag, zu generieren, auch immer wieder zu regenerieren anstatt zu degenerieren.  Im Prozess des „Gottgleicher-Werdens“ belastet ihn (den Menschen) auch keine Erbsünde (…). (9) Der Mensch enthält als Abbild Gottes wie Gott alles in sich… 

Für das Mängelwesen Mensch ist nun ein Neubeginn jederzeit möglich auf dem Weg mit Jesus zur „himmlischen Herrlichkeit“. (10)

Bevor die ersten Christen sich als Christen bezeichneten, nannten sie sich „Anhänger des Weges“. Jesus selbst hatte gesagt: „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben“ (Joh 14,6).

Dafür steht das Blut Christi. Es ermöglicht nicht nur den Gläubigen die Sündenvergebung (diese verkörpert das Abendmahl) und die Hoffnung auf ein ewiges Leben (diese verkörpert die Eucharistie), sondern „um wie viel mehr wird das Blut Christi, der sich selbst als makelloses Opfer kraft des ewigen Geistes Gott dargebracht hat, unser Gewissen von toten Werken reinigen, damit wir dem lebendigen Gott dienen.” (Hebräer 9,14) 

Nicht nur die (alttestamentlichen) wiederkehrenden Opfergaben waren sinnlos geworden, um die Erlösung zu erhalten; auch unsere Werke dienen nicht dazu, Gott zu gefallen.

Weil uns das Blut von Christus errettet hat, sind wir zur neuen Kreatur geworden. „Wenn also jemand in Christus ist, dann ist er eine neue Schöpfung: Das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden.“  (2.Korinther 5,17) und durch Sein Blut sind wir von der Sündenlast befreit, um Gott zu dienen, Ihn anzubeten und Ihn für immer bei uns zu haben – von Anfang an.

Was bliebe übrig? Ein Leben nach dem Tod allein denken?

In der europäischen Philosophiegeschichte gibt es vor allem seit der Aufklärung zahlreiche Gegenkonzepte zur Erbsündenlehre: Jean-Jacques Rousseau (1712-1778) vertrat die Ansicht, dass der Mensch von sich aus gut wäre und nur durch Gesellschaft und Kultur schlecht würde.

In seinem Buch Homo Deus schreibt Yuval Noah Harari (* 1976) dem Menschen gottgleiche Fähigkeiten zu. Sein Buch endet mit der Frage: „Sind Organismen Algorithmen oder sind wir mehr?“

Ohne die Erbsünde wäre Ostern wohl nicht erklärbar.

Christine Striegel

Jacopo Tintoretto, Das letzte Abendmahl, ca. 1593, Öl auf Leinwand, 568 x 365 cm, San Giorgio Maggiore, Venedig
 

(1) Religion im Netz | Zu viel Blut, zu viel Sünde | Rolf Gröschner und Wolfgang Mölkner im Gespräch mit Christiane Florin, 25.03.2019
(2) „Über die Würde des Menschen“ von Pico della Mirandola. In: Agora 5(12), 1959, S. 330
(3) Vgl. Vera Krause, Köln, Katholische Hörfunkarbeit Morgenandacht, 08.04.2019
(4) Religion im Netz | Zu viel Blut, zu viel Sünde | Rolf Gröschner und Wolfgang Mölkner im Gespräch mit Christiane Florin, 25.03.2019
(5) Cassirer, Ernst,: Giovanni Pico della Mirandola. A Study in the History of Renaissance Ideas (Part I, II), 1942. In: Journal of the History of Ideas 3(2-3), S. 320
(6)  Über die Würde des Menschen. Lateinisch-Deutsch. Übersetzt von Norbert Baumgarten. Herausgegeben und eingeleitet von August Buck. Hamburg, 1990, S. 5-7
(7) Thumfart, Alexander: Die Perspektive und die Zeichen: Hermetische Verschlüsselungen bei Giovanni Pico della Mirandola. München, 1996, S. 443,445
(8)  Über die Würde des Menschen. Lateinisch-Deutsch. Übersetzt von Norbert Baumgarten. Herausgegeben und eingeleitet von August Buck. Hamburg, 1990, S. 7
(9) Buck, August: Die Rangstellung des Menschen in der Renaissance: dignitas et miseria hominis. In: Archiv für Kulturgeschichte 42(1), 1960, S. 19f.
(10) Gönna, Gerd von der: Nachwort. In: Giovanni Pico della Mirandola: Oratio de hominis dignitate. Rede über die Würde des Menschen. Lateinisch-Deutsch, (Textgrundlage editio princeps). Herausgegeben und übersetzt von Gerd von der Gönna. Stuttgart, 1997, S. 114 f.

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