Impulse | Pfarrgemeinde Herz Mariae

Der Fall Schlecker | Urteil am 27.11.2017

Aufstieg und Fall der Schleckers bieten alle Zutaten zur Tragödie – oder zum Christlichen Trauerspiel?

Anton Schlecker (2.v.l.) mit seiner Frau Christina (r.) und seinen Kindern Meike (l.) und Lars (2.v.r.) | Quelle: dpa

Es wurde verkündet, das Urteil im Schlecker-Prozess…

Ich horchte auf, denn in diesem Fall fühle ich mich gewissermaßen mit dem Richterspruch verbunden. Am Vorabend des ersten Prozesstages trafen mein Mann, einige Freunde und ich den Schlecker-Sohn in einer Kneipe in Berlin an, fröhlich mit Freunden, noch nicht absehend, wie dieser Prozess ausgehen würde. Dieses „Gasthaus“, kann man sagen, denn es besteht seit Ende des 18. Jahrhunderts, gilt als Künstlerkneipe und ist mir durch meine vielen Jahre in Berlin wohlbekannt. Seit den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts gibt es dort eine „Bildergalerie”, die ständig erweitert wird. So zieren heute ca. 500 Künstlerportraits die patinabelegten Wände des Lokals.

Die Gäste jedenfalls, die dort verkehren, verzehren immer noch gern lieber eine Erbsensuppe als einen Burger… Ich habe leider nicht darauf geachtet, ob ein Schlecker-Porsche vor der Tür stand; denn mit einem Porsche der Tochter, die in London lebt, soll Anton Schlecker heutzutage unterwegs sein.


Enthält der Fall Schlecker alle Merkmale einer Tragödie? Kennzeichnend für die Tragödie ist der schicksalhafte Konflikt der Hauptfigur. Ihre Situation verschlechtert sich ab dem Punkt, an dem die Katastrophe eintritt. In diesem Fall bedeutet das Wort Katastrophe nur die unausweichliche Verschlechterung für den tragischen Helden. Allerdings bedeutet diese Verschlechterung nicht zwangsläufig den Tod des Protagonisten. - Das Scheitern des Helden ist in der Tragödie unausweichlich; die Ursache liegt in der Konstellation und dem Charakter der Figur. Der Keim der Tragödie ist, dass der Mensch der Hybris verfällt und dem ihm vorbestimmten Schicksal durch sein Handeln entgehen will. (Die Hybris bezeichnet eine extreme Form der Selbstüberschätzung oder auch des Hochmuts. Man verbindet mit Hybris häufig den Realitätsverlust einer Person und die Überschätzung der eigenen Fähigkeiten, Leistungen und Kompetenzen, vor allem von Personen in Machtpositionen. Quelle: Wikipedia)


Jedenfalls trägt das unglückliche, nein, strafbare Agieren des Familienoberhauptes Anton Schlecker am Ende den Kindern seiner „Gründerfamilie“ eine bittere Haftstrafe ein und lässt ihn selbst auf Bewährung davon kommen.

Teil der „Handlung“ ist übrigens, dass Lars und Meike Schlecker 1987, als Kinder eines reichen Mannes, in die Hände von Entführern fielen und gegen eine Millionensumme wieder frei kamen. Damals Opfer, heute Opfer - und Täter zugleich? Diese Unglücksverstrickung, Unglücksverkettung, diese vermengte Opfer-Täterschaft zwischen den Generationen. Dennoch: Handelt es sich wirklich um eine Tragödie?


Oder könnte man den Fall als „Christliches Trauerspiel“ verbuchen? Denn im Gegensatz zur Tragödie, die nach Walter Benjamin die „Nachahmung einer guten, in sich geschlossenen Handlung mit guter Sprache und Abwechslungsreichtum in der Geschichte“ darstellt, bedient sich das Trauerspiel geschichtlicher Figuren. Und christlich? Der englische, römisch-katholische Theologe und Kardinal John Henry Newman (1801 – 1890) betont in seinen Schriften immer wieder die Geschichtlichkeit des Menschen im Hinblick auf die Offenbarung. Verwirklichung (des Glaubens) ohne Einbettung in die (christliche) Geschichte funktioniert nicht! Das christlich geprägte Abendland stellt somit auch eine „Geschichte des Gewissens“ dar. Im Rahmen des Erstkommunionunterrichts wird immer wieder über die Zehn Gebote gesprochen und wie adaptiert sie in unserem Denken, übrigens im Wesentlichen in allen Religionen, und in unserer Rechtsprechung sind.


Rührt daher das große Interesse der Öffentlichkeit? Im Schlecker-Verfahren ging es um viel Geld, das beiseite geschafft wurde – auch von den Unternehmerkindern Lars und Meike Schlecker. Beide haben Wirtschaft studiert und waren im Unternehmen tätig, können sich wohl nicht darauf berufen, nur „Marionetten“ ihres Vaters gewesen zu sein, auch wenn es sich so darstellt. Das Geschäftsgebaren des Unternehmers generierte, dass seine Kinder nichts weiter als Strohleute im Netz seines Drogerieimperiums waren. Der Patriarch hielt wohl immer die Fäden in der Hand. Dafür, dass die Kinder die Geschicke der Firma bzw. Firmen womöglich, zumindest teilweise, lediglich „auf dem Papier“ leiteten, ließe sich daran erkennen, dass sie zu jener Zeit zumeist in London und Berlin lebten.

Dennoch: Haben sich Lars und Meike Schlecker die Zeit für Buße im Gefängnis, und damit die Möglichkeit zur Einsicht, verdient? Im Hinblick auf Ursachen, Tatsachen und Auswirkungen? Hier denke ich an unser Kommunionplakat. Im Spiel „Kommuniopoly“ wird das Gefängnis durch den Beichtspiegel ersetzt. Aus dem „Gefangensein“, wenn man etwas falsch gemacht hat, erhält man die Chance, Buße zu tun, von Sünden freizukommen und sich anschließend darüber zu freuen, immer Start und Ziel, „LOS“ vor Augen. Nach Newman bedeutet das Tun der (christlichen) Menschen (alle Menschen prägen die Geschichte) die göttliche Wahrheit auf sich selber anzuwenden. Dies kann man exemplarisch, und besonders Kinder können das, beim Spiel „tun“. - Wie das geht, erkläuterte Ehrendomkapitular Prof. Dr. Christoph Müller in seiner Festpredigt zur Firmung in Herz Mariae am 25. November. Im Sinne der Gnadenlehre des Paulus sei es wichtig, das Besondere, das „Seligmachende“ und das Persönliche in sich zu entdecken, als Wert des Glaubens.


Und wie steht es um Anton Schlecker selbst in „unserem“ Trauerspiel? Das Urteil für ihn klingt nach „Lebenslänglich“. Denn wie muss sich ein Vater fühlen, der seine Kinder letztlich ins Gefängnis gebracht hat - statt seiner selbst? Fühlt er Schuld? Kann er eine solche loswerden? Sein zerstörtes Lebenswerk und sein persönliches Scheitern dürften da ohnehin in den Hintergrund getreten sein. Dass die Verhöhnung der Opfer, die kaum ihresgleichen findet, allem voran die Ausbeutung der sogenannten Schlecker-Frauen, das In-den-Ruin-Führen ihrer Familien und zahlreicher Gläubiger, tritt in diesem Zusammenhang leider in den Hintergrund; denn inwieweit griff bei diesem Punkt das Gewissen Schleckers ein? Er führte de facto wie eh und je sein Leben weiter und kann es nun so weiterführen – („begnadigt“?) in der Villa, die er rechtzeitig seiner Frau übertragen hatte und mit besagtem Porsche.


Doch was ist nun? Erfährt Anton Schlecker jetzt die Höchststrafe? im Augenschein der Öffentlichkeit ist er dazu verdammt, zuzuschauen, wie seine Kinder ins Gefängnis müssen für sein implodiertes Lebenswerk. 

Das vergleichsweise milde Urteil auf Bewährung und die Geldstrafe scheinen nur ein billiges Davonkommen zu sein.


Da sind wir wieder bei den Zehn Geboten und auch unseren Gesetzen… Nach allgemeiner Auffassung der Öffentlichkeit stehen Wirtschaftsbosse zu selten für schwere Fehler gerade. Denn oft scheinen Manager nicht zu verstehen, was ihnen da gerade „widerfährt“. Oftmals und ohnehin wirkt ihr Leben abgehoben. Doch der Rechtstaat soll sie wieder auf den Boden der Tatsachen zurückholen. Dieser Boden der Tatsachen besitzt Regeln, Spielregeln, die Kinder, aber auch Erwachsene erlernen und üben können. Hier, und auch im Leben, kann man üben, dass die „Kleinen“ nicht die „Dummen“ sein müssen.


Und ein guter Verlierer zu sein, bedeutet, weder Genugtuung noch Schadenfreude zu empfinden über jemanden, der scheitert, im Spiel und im Leben. Das ist christlich und > menschlich.


Somit nimmt man eben nicht nur das Tragische, sondern auch das Traurige wahr: 

Es ist mehr als eine Tragödie: ein Christliches Trauerspiel!


Mitleid ist allerdings nicht immer angebracht, zumindest nicht für Täter.

 

Christine Striegel

Katholische Kirchengemeinde

Herz Mariae | Kassel



Ahnatalstraße 29
34128 Kassel


 





Telefon: 0561 | 61524

Telefax: 0561 | 6026895 


 

Pfarrbüro - Öffnungszeiten


Montag, Mittwoch, Freitag:
9:00 - 12:00 Uhr
Dienstag, Donnerstag:
15:00 - 18:00 Uhr

 


© Herz Mariae | Kassel

 

Katholische Kirchengemeinde Herz Mariae 

Ahnatalstraße 29  

34128 Kassel




Telefon: 0561 | 61524
Telefax: 0561 | 6026895 



© Herz Mariae | Kassel