Impulse zur Fastenzeit | Pfarrgemeinde Herz Mariae

Wer glaubt, ist niemals allein.

Ich habe meinen Glauben nie plakativ vor mir her getragen...

Rudolf Seiters im Gespräch

Dr. h.c. Rudolf Seiters wurde am 13. Oktober 1937 in Osnabrück geboren.


Er war von 1989 bis 1991 als Bundesminister für besondere Aufgaben Chef des Bundeskanzleramtes, von 1991 bis 1993 Bundesminister des Innern und von 1998 bis 2002 Vizepräsident des Deutschen Bundestages. Von 2003 bis Ende 2017 war er Präsident des Deutschen Roten Kreuzes. 

 

Ich kann mich gut an unsere erste Begegnung erinnern, in Meppen. Das muss Ende der Siebziger gewesen sein. Die Wahlkreisreform war beschlossen, und der Bundestagsabgeordnete Seiters „musste“ nach Papenburg umziehen... Ihre Töchter Silke und Kirstin kamen mir, die ich zumeist mit Jungen spielte, so „feminin“ vor und schon so erwachsen; sie trugen schon „Handtaschen“… Ihre jüngste Tochter Sarah war gerade geboren?

Das war 1981 – das Geburtsjahr Sarahs.

Später, wenn Sie im Licht der Öffentlichkeit erschienen, als Bundesminister für besondere Aufgaben und Chef des Bundeskanzleramtes (1989-91), als Bundesminister des Innern (1991-93) und als Vizepräsident des Deutschen Bundestages (1998-2002) fand ich es spannend zu wissen, wie Sie riechen, nach Pfeife… Die rauchen Sie aber nicht mehr…?

Nein.

Wann aufgegeben?

Vor etwas 20 Jahren habe ich das aufgegeben. Pfeiferauchen war etwas besonders Schönes. In terminlich angespannten Zeiten zwang einen das Rauchen ein Stückweit zur Ruhe und Besinnung.

Wie Sie wissen, führen wir dieses Gespräch für die Homepage meiner Pfarrgemeinde Herz Mariae in Kassel. Im Gottesdienst meiner Heimatkirche Sankt Antonius in Papenburg sehen wir uns hin und wieder. Ihr Enkel Florian, ist, wie mein Sohn, 2017 gefirmt worden. - Kürzlich sprach ich mit Ihrer Frau Brigitte über unsere „gemeinsamen“ seelsorgerischen Tätigkeiten, meine im Rahmen der Kinder- und Jugendarbeit der Kirchengemeinde und ihre als Ansprechpartnerin ihres „öffentlichen“ Ehemannes.   

In wieweit spielt das Christliche für Sie privat und persönlich eine Rolle? Was können Sie anderen, daraus resultierend, mitgeben?

Ich habe meinen Glauben nie plakativ vor mir hergetragen. Aber ich habe, einmal in einem Buch „Worte die mich begleiten: Glaubenseinblicke“ (Hrsg. Jörg Buchna), eine Antwort gegeben, was der Glaube mir bedeutet. Meine Antwort lautete: Wer glaubt, ist niemals allein. Jedenfalls bin ich mir sicher, dass bei allen Anstrengungen und Herausforderungen des Lebens Gott nicht weiter entfernt ist von uns als ein Gebet. Wir gehen regelmäßig hier in den Gottesdienst. An der gemeindlichen Arbeit habe ich mich während meiner politischen Tätigkeit in Bonn und Berlin nicht so sehr intensiv beteiligen können, schon aus zeitlichen Gründen, aber ich habe einige Fastenpredigten gehalten, unter anderem in Sankt Antonius in Papenburg und im Dom zu Münster.

Sie haben das Abitur am Gymnasium Carolinum in Osnabrück abgelegt, einer staatlichen, humanistischen Schule christlicher Prägung, direkt neben dem Dom gelegen. Sie gilt als eine der ältesten bis heute bestehenden Schulen in Deutschland. Ich selber habe ein dem Bistum Osnabrück unterstelltes, von Franziskanerinnen geleitetes, Gymnasium besucht; dassselbe wie Ihre Tochter Sarah später. – Offenbar hat Ihre eigene Schulausbildung Spuren hinterlassen?

Das Carolinum hatte eine in schwierigen Zeiten doch immerhin noch unabhängige Rolle gespielt im Nationalsozialismus. Das war zunächst einmal ein großes Verdienst. Als ich zum Carolinum kam, waren meine Brüder und meine Vettern schon allesamt auf dieser Schule, bzw. gewesen. Vom Hörensagen kannte ich schon einige Lehrer; einige von ihnen waren sehr streng und auch nicht ganz einfach, aber ich habe mich auf dieser Schule eigentlich immer sehr wohlgefühlt, obwohl ich die Klasse 11 wiederholen musste…

So…?

(Schmunzelt) Die Lehrer wussten meine Fähigkeiten nicht so richtig einzuschätzen. Das hat mir aber nicht geschadet, denn ich habe mir für mein Leben vorgenommen, so etwas Ähnliches darf dir für dein Leben nie wieder passieren; und ich war dann einige Jahre später auch Abitursprecher.

Dementsprechend sind Sie während Ihres Jurastudiums in Münster einer katholischen Studentenverbindung beigetreten, der W.K.St.V. Unitas Winfridia. Eine solche Verbindung bekennt sich zum christlichen Menschenbild, um nicht zuletzt (nach den Erfahrungen der Geschichte) die freiheitliche, demokratische Grundordnung unseres Staates zu garantieren. Ein weiterer Baustein für Ihr Leben? Unterhalten Sie noch Kontakte zur Studentenverbindung?

Ich unterhalte noch Kontakte in unregelmäßigen Abständen, habe einige Male bei der Unitas Winfridia in Münster und der (W.K.St.V.) Unitas Rhenania in Bonn gesprochen, auch auf einem Unitas-Bundestag, treffe heute noch hin und wieder ein anderes Mitglied der Unitas, nämlich Kardinal Marx (Reinhard Kardinal Marx, seit 2007 Erzbischof von München und Freising, seit 2010 Kardinalpriester von San Corbiniano, seit 2012 Präsident der Kommission der Bischofskonferenzen der Europäischen Gemeinschaft, seit 2014 Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz), wir nennen uns ja Bundesbrüder…

Klar, ich weiß…

Ich bin auch, während meiner Studentenzeit, ein Stückweit geprägt worden vom späteren Kardinal Höffner. 

(Joseph Kardinal Höffner, 1962 bis 1969 der 73. Bischof von Münster und von 1969 bis 1987 Erzbischof von Köln und von 1976 bis 1987 Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz)

Unvergessen ist Ihr Auftritt in der Prager Botschaft im September 1989, als Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher und Sie, der Bundeskanzleramtsminister, der alles vorbereitet hatte, den 5000 aus der DDR Geflohenen die Freiheit verkündeten. Der Rest ist Geschichte… Hat das Ihr Leben verändert?

Es war jedenfalls einer der emotionalsten Augenblicke in meinem politischen Leben. In der Tat, viele Gespräche mit Vertretern der DDR waren ergebnislos geblieben. Ich war zwar überzeugt, dass die DDR ein Interesse haben musste, vor den Feierlichkeiten „40 Jahre DDR“ Anfang Oktober, dieses Problem zu bereinigen, denn die Bilder aus Prag mit den Eltern und Kindern, die über die Zäune kletterten, gingen um die Welt und schädigten jeden Tag das Ansehen der DDR. Ich war dann allerdings sehr froh, als am 30. September 1989 der Ständige Vertreter der DDR bei mir im Büro im Kanzleramt erschien, ich hatte Herrn Genscher dazugebeten, und mir mitteilte, die DDR sei bereit, in einem einmaligen humanitären Akt der Ausreise in den Botschaften, Prag, Warschau und Budapest zuzustimmen. Wir flogen nach Prag… Dieser Blick vom Balkon des Palais Lobkowitz auf diesen nachtdunklen verschlammten Garten, wo 5000 Flüchtlinge seit vielen Wochen unter ganz schwierigen hygienischen Verhältnissen lebten, war unglaublich. Später, die Gespräche mit Menschen, die jetzt wieder eine Perspektive sahen, für sich und ihre Kinder, haben mich auch geprägt.

In anderer und besonderer Art und Weise beeindruckt war ich, als Sie unmittelbar und kompromisslos die Verantwortung für die Vorgänge um den GSG-9-Einsatz (Festnahme der RAF-Terroristen Birgit Hogefeld und Wolfgang Grams) in Bad Kleinen übernahmen, sich also der Vorwürfe der Medien wegen der Rolle der beteiligten Behörden im Bezug auf den Selbstmord Wolfgang Grams‘ annahmen. 

Die Sache ist wegen unzureichender Spurensicherung bis heute nicht aufgeklärt?

Doch, die Sache ist aufgeklärt, jedenfalls, was den einmütigen Bericht, dem Abschlussbericht des Deutschen Bundestages, anbetrifft. Danach hat sich Grams selber erschossen, ob bewusst oder aus Fahrlässigkeit, ist eine andere Frage.

Jedenfalls zeigte Ihr Verhalten ein auffällig hohes, uneitles Verantwortungsbewusstsein, das vermutlich nicht zuletzt dazu beigetragen hat, dass Sie zum Präsidenten des Deutschen Roten Kreuzes gewählt wurden. Zeugen diese Eigenschaften von christlichem Selbstverständnis? Prinzipien der Solidarität und Verantwortung und daraus resultierende Zivilcourage lässt man in der Politik und andernorts, auch im christlichen Umfeld, oft missen…

Für mich war immer wichtig, die persönliche Unabhängigkeit in diesem Politikbetrieb zu bewahren, mich also nicht zu klammern an irgendein Amt. Ich wäre nicht zurückgetreten, wenn ich die Macht des Handels gehabt hätte. Aber dadurch, dass in der Nacht die GSG 9, unsere Polizeibeamten die Gesichter gereinigt hatten, die Hände gereinigt hatten, die Schusswaffen gereinigt hatten, mussten wir die Universitäten in Zürich und Münster einschalten; auf meine Frage, wie lange das dauert, fünf bis sechs Monate… Die Vorstellung, jetzt in einer sehr aufgeregten Medienlandschaft, wo die Frage gestellt wurde: Kann es denn sein, dass der Staat hier eine staatliche Hinrichtung vornimmt? - in dieser Situation keine Antwort geben zu können über so viele Monate… Das fand ich dann für mich eine sehr unwürdige Situation. Ich wollte also das Signal senden in die Öffentlichkeit, dass hier nichts vertuscht wird, von einem meiner Nachfolger, der mit der Angelegenheit nichts zu tun hatte. Und zum Zweiten wollte ich auch die Koalition vor Schaden bewahren, denn es begann ja schon mit den gegenseitigen Schuldvorwürfen. Die Vorwürfe richteten sich nicht an mich, sondern an den ehemaligen Generalbundesanwalt von Stahl, der als FDP-Mann dem Ministerium von Frau Leuthäuser-Schnarrenberger unterstand. Aber dann wären mit Sicherheit die Anwürfe von der anderen Seite gekommen, um sich selber zu verteidigen. Aber das BKA und der Bundesgrenzschutz unterstehen doch dem Bundesinnenministerium, und diese ganze Diskussion konnten wir dann vergessen und ich bin auch sehr dankbar, dass in der Öffentlichkeit mein Satz „Es gibt in Deutschland zu Recht den Begriff der politischen Verantwortung – Wer soll die Verantwortung übernehmen, wenn nicht der Minister?“ so positiv aufgenommen wurde.

Schön. - Vor einiger Zeit hatte ich die Gelegenheit, im Rahmen der Verleihung des Kasseler Bürgerpreises ein kurzes Gespräch mit dem Vorstandsvorsitzenden von „Ärzte ohne Grenzen“, Dr. Volker Westerbarkey, zu führen. Was mich interessierte, war der christliche Hintergrund der Organisation, der laut Westerbarkey öffentlich bewusst keine Rolle spielen soll. – Einige Wochen nach diesem Gespräch endete Ihre Präsidentschaft des Deutschen Roten Kreuzes, die Sie seit 2003 innehatten. Da hatte ich mir bereits vorgenommen, auch Sie einmal nach dem Christlichen der Arbeit des Deutschen Roten Kreuzes zu fragen. Speziell zur Flüchtlingsproblematik waren Sie in zahlreichen Interviews zu hören. Wie steht es also (heute) um das Christliche beim DRK? Was war der Gründungsimpuls im Jahr 1946? Henry Dunant, der als Gründer gilt, hatte vor diversen karikativen Tätigkeiten auch (evangelische) Bibelkreise ins Leben gerufen… Wie ging es weiter?

Die Gründung des Roten Kreuzes geht zurück auf die Schlacht von Solferino 1859 und führte wenige Jahre später 1864 zur Gründung des Internationalen Roten Kreuzes und des Deutschen Roten Kreuzes. Diese Gründung stand unter dem Eindruck der verzweifelten Situation verwundeter Soldaten, die Henry Dunant, der spätere erste Friedensnobelpreisträger der Welt (1901, je zur Hälfte an Henry Dunant und an Frédéric Pass), auf dem Schlachtfeld sah. Wenn man sich die Prinzipien, die sieben Grundsätze des Roten Kreuzes weltweit ansieht, dann haben viele eben auch eine Verbindung zum christlichen Glauben, nämlich das Prinzip der Menschlichkeit, das man in der Kirche auch mit Nächstenliebe übersetzen könnte, das Prinzip der Freiwilligkeit; wir sprechen vom Ehrenamt, aber hier geht es in der Kirche um die Bedeutung der Laien. Oder auch der Universalität: Die Kirche ist weltweit engagiert, genauso wie das Deutsche und wie das Internationale Deutsche Rote Kreuz. 

Die Idee, Menschen in Not zu helfen – ohne auf Hautfarbe, Religion oder Nationalität zu achten, geht also auf den Schweizer Henry Dunant zurück. Die Gräuel der Schlacht von Solferino machten ihm so zu schaffen, dass er Freiwillige organisierte, die verwundeten und sterbenden Soldaten beider gegnerischer Kriegsparteien beistanden. Bei der Gründung des Deutschen Roten Kreuzes im Jahr 1859 spielten jedoch Frauen eine bedeutende Rolle. Die damalige badische Großherzogin Luise rief den badischen Frauenverein als Vorläufer der Rotkreuz-Schwesternschaften bzw. dann -gemeinschaften ins Leben. Welche Rolle spielten Frauen später und spielen sie heute? „Rot-Kreuz-Schwestern“ sind ein Begriff…

Ja, wir sind stolz darauf, dass wir in unserer Organisation auch den Verband der Rot-Kreuz-Schwesternschaften haben, dermit rund 25.000 Schwestern weltweit tätig ist. Die Rolle unserer Schwestern ist auch anerkannt worden im DRK-Gesetz von 2008. Die Sonderstellung des DRK und die auch unserer Schwestern wird auch darin mittelbar festgeschrieben und gewürdigt. Da verweise ich auf die o.g. Information.

Unter dem Namen „Deutsches Rotes Kreuz“ wurden später die deutschen Rotkreuzgesellschaften neu organisiert. Dies geschah 1921, also zu Zeiten der Weimarer Republik. Deutschland wurde entmilitarisiert: ein Problem, denn die vornehmliche Aufgabe hatte bisher in der Vorbereitung auf den Kriegssanitätsdienst bestanden. Friedensaufgaben rückten nun in den Vordergrund. So hieß es in der Satzung: „Das Deutsche Rote Kreuz ist ein Glied der Weltgemeinschaft des Roten Kreuzes und betätigt sich als solches auf allen Arbeitsgebieten, deren Zweck die Verhütung, Bekämpfung und Linderung gesundheitlicher, wirtschaftlicher und sittlicher Not bildet“. Als letzter Punkt erschien die Verwundetenfürsorge. Wie ist das heute? Welche Rolle spielt hier die christliche „Feindesliebe“?

Sie haben zutreffend gesagt, dass das Prinzip der Unparteilichkeit und der Neutralität für uns bedeutet: Wir helfen jedem, der in Not ist und jedem nach dem Maß der Not. Im Syrienkonflikt haben unsere Rot-Halbmond-Partner Anhänger des Assad-Regimes gepflegt und betreut ebenso wie  Anhänger der gegnerischen Seite. Auf dem Helgoland-Schiff in Vietnam haben unsere Helferinnen und Helfer allen Menschen Hilfe gegeben, unabhängig, von welcher politischen Partei sie kamen. Und das gilt auch heute, wenn unsere Schwestern in der Vergangenheit in Griechenland waren, um Flüchtlinge zu betreuen. Dann haben sie auch nicht nach Herkunft und Religion gefragt.

Sie erwähnten vorhin mit einigem Stolz die Rolle des Carolinums zu Zeiten des Nationalsozialismus. Mit Machtergreifung der Nationalsozialisten im Jahr 1933 wurde auch das DRK (unter Führung von Rudolf Hess) gleichgeschaltet. Jüdische Rot-Kreuz-Mitglieder wurden ausgeschlossen, der Hitlergruß eingeführt. 1937, in Ihrem Geburtsjahr, wurde SS-Oberführer Ernst-Robert Grawitz zum stellvertretenden Präsidenten berufen, der in seiner Funktion als SS-Reichsarzt maßgeblich für die Euthanasie-Verbrechen und Menschenversuche an KZ-Häftlingen verantwortlich war. Alles unter dem DRK-Schirmherrn Adolf Hitler höchstpersönlich. So wurde zu einer der wichtigsten Aufgaben des DRK die Mobilmachung der neu erschaffenen Wehrmacht. Von den 29 Mitgliedern der gesamten DRK-Führung waren 18 hohe SS-Führer… Später, 1945, konnten sich die Verantwortlichen wenigstens nicht herausreden…

Ich habe vor wenigen Jahren ein großes Kompendium der Öffentlichkeit vorgestellt, das wir an unabhängige Wissenschaftler in Auftrag gegeben hatten, mit dem Titel „Das Rote Kreuz im Nationalsozialismus“. Das ist eine schonungslose Aufarbeitung dieses Teils unserer Geschichte. Es war auch für mich traurig zu sehen, wie sehr das Deutsche Rote Kreuz praktisch der NS-Führung unterstellt war. Die Alternative wäre wahrscheinlich die Auflösung des DRK gewesen. Das führte zu der anderen Seite der damaligen Tätigkeit, weil eine schonungslose Abarbeitung dieses Teils unserer Geschichte war notwendig, aber es war auch notwendig, darauf hinzuweisen, wieviel unendlich Gutes Rot-Kreuz-Schwestern in der damaligen Zeit im praktischen, Menschen zugewandten, Handeln geleistet haben. Und das ist wiederum ein Tröstliches.

Kommen wir nochmal zur Ursache. Hätte explizit Christliches bzw. mehr Christliches solches verhindert? Insbesondere die katholische Kirche hat sich ja in diesen Zeiten nicht mit Ruhm bekleckert. Vorher schon, aber ich denke da speziell an die „Rattenlinien“, die Fluchtrouten führender Vertreter des NS-Regimes und Angehöriger der SS nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges. Wegen der Beteiligung der katholischen Kirche an den Fluchtrouten trugen sie zunächst den Namen „Klosterrouten“…, die über Italien vor allem nach Südamerika führten. So entging eine große Zahl von NS-Tätern einer gerichtlichen Anklage bzw. Bestrafung. Meine Recherchen haben ergeben, dass das Italienische Rote Kreuz für die Organisation der (gefälschten) Pässe zuständig war, während die Kosten für die Schiffsüberfahrt dieser Flüchtigen in den meisten Fällen vom Internationalen Roten Kreuz übernommen wurde… Nicht schön. Wie man sich dieser Vergangenheit gestellt, bzw. sie aufgearbeitet hat, haben Sie gerade schon etwas beschrieben.

Wenn es so etwas wie das Christliche schon gegeben hatte; konnte es rehabilitiert werden? Oder gab es das Christliche eben vorher nicht, und dadurch war und wurde alles „leichter“? Wurde dem Deutschen Roten Kreuz nach dem Krieg ein neues Rückgrat eingezogen?

Man darf nicht vergessen, wie schwierig die Situation von humanitären Organisationen in der Zeit des Nationalsozialismus gewesen ist. Der Arbeitersamariterbund wurde aufgelöst, andere Organisationen desgleichen. Man hatte wohl mit Blick auf das Internatinale Rote Kreuz im Nationalsozialismus das Gefühl, es würde eher dem Regime gut anstehen, eine solche wichtige internationale Organisation nicht aufzulösen. Dass der christliche Gedanke in der Führung dann keine Rolle mehr spielte, das wissen wir, aber ich bin ganz sicher, und es gibt ja auch viele Erlebnisberichte von damals, wieviele unserer Rotkreuzschwestern doch den christlichen Gedanken bei ihrer Arbeit vor Augen hatten.

Ab 1946 wurde das DRK zunächst in der britischen und der französischen Besatzungszone neu gegründet und später mit dem Aufbau der Bundeswehr (ab 1956) koordiniert. – Auch in der DDR wurde ab 1952 das DRK wiederaufgebaut, allerdings erwartungsgemäß als Massenorganisation. Aufgaben waren der Katastrophen- und Bevölkerungsschutz, der Rettungsdienst und die Gesundheitserziehung, außerdem die Altenversorgung, das Blutspendewesen, der Suchdienst sowie die Wasser-, Berg- und Grubenrettungsdienste. Als Vorbild galt Albert Schweitzer, aber auch die Tradition der Arbeitersamariter. Mehr Parallelen oder mehr Unterschiede zum Westen?

Die Arbeit der beiden Rotkreuzorganisationen in Deutschland hat sich natürlich und dadurch unterschieden, dass das DRK in der DDR viel stärker der politischen Führung des Landes unterworfen war und dennoch ein hohes Maß an Unabhängigkeit bewahrt hat, soweit das überhaupt möglich war. Dass der Grundgedanke, Menschen zu helfen, das ist ja ein zutiefst christlicher Gedanke, in beiden Organisationen tief verwurzelt war, das hat uns das Jahr 1990 gezeigt, als die beiden Organisationen sich zu einem Verband zusammenschlossen. Es gab Unterschiede: Wir vom Westen konnten dem Deutschen Roten Kreuz der damaligen DDR, später noch Teilen der Bundesrepublik, helfen mit unseren organisatorischen Erfahrungen. Das hat dazu geführt, dass im Laufe der Jahre das Deutsche Rote Kreuz ein unglaublich starker Verband geworden ist mit jetzt drei Millionen Mitgliedern, 400.000  aktiven, ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern im Westen und im Osten mit 150.000 hauptamtlichen Kräften. Auch unsere Landesverbände im Osten sind heute sehr gut aufgestellt und arbeiten nach den gleichen Grundsätzen wie wir im Westen.

Das nimmt die Antwort auf meine nächste Frage vorweg, die gewesen wäre… Rotkreuz-Kontakte zwischen Ost und West hat es wohl fortlaufend gegeben. Hat dies die „Wiedervereinigung“ hier vereinfacht? Oder ist das Rote Kreuz im Osten erneut (zu) instrumentalisiert gewesen, um Frieden und Freundschaft zu schließen?

Noch einmal: Ich habe mich lange auch mit einem langjährigen Präsidenten des DRK in der DDR, Professor Siegfried Akkermann (1981–1986), einem Mediziner, unterhalten über die Schwierigkeiten und Möglichkeiten, die in einem gewissen Freiraum, den das DRK tatsächlich auch noch gehabt hat, was seine internationalen Beziehungen anbetraf. 

Interessant… 

Der völlig unbelastete der Prof. Christoph Brückner, der im letzten Jahr der DDR (1990) dort DRK-Präsident war und Botho Prinz zu Sayn-Wittgenstein-Hohenstein, DRK-Präsident aus Westdeutschland (1982–1994), haben in einer hervorragenden Weise und sehr sensibel im Umgang miteinander und mit der unterschiedlichen Geschichte die Vereinigung Deutschlands vollzogen. Dafür bin ich den beiden als bisheriger Präsident auch noch sehr dankbar. Wir haben übrigens im Jahre 1990, als ich noch Chef des Kanzleramtes und dafür zuständig war, in der Bundesregierung ein Sonderprogramm aufgelegt in einer Größenordnung von 300 Millionen D-Mark zur schnellen Verbesserung der Situation in den Kliniken der DDR, und wir haben dieses Geld dem Deutschen Roten Kreuz in Westdeutschland anvertraut, und wir wissen, wie erfolgreich und effektiv das DRK damit umgegangen ist.

Ihre Tätigkeit beim Roten Kreuz war ein Ehrenamt. Lediglich ein Fahrer wurde Ihnen bei Bedarf zur Verfügung gestellt. Hier muss ich gerade daran denken, wie Sie nach Aufgabe der Minister-Ämter in der Wüste Arizonas das Fahren wieder lernten… (lacht)

Ja, das ist richtig. – Zum Ehrenamt: Ich habe keine Aufwandsentschädigungen bekommen; meine Hotelübernachtungen wurden eingereicht mit Belegen, und ja, ich hatte einen, in meinem Alter vielleicht verständlich, Dienstwagen mit Fahrer. Das war alles. Und das hat mir auch die Unabhängigkeit gegeben, eine solche Organisation zu führen und war gleichzeitig auch Ausdruck meines Respekts vor den vielen Menschen, die hier ohne große Ehrungen uneigennützig arbeiten. Für mich ist immer noch eines der schönsten Worte bzw. Überschriften für die Tätigkeit des Roten Kreuzes, der Aphorismus von Bertha von Suttner: Nach „lieben“ ist „helfen“ das schönste Zeitwort der Welt.“ (im Jahr 1906 bei der Entgegennahme des Friedensnobelpreises) 

Jetzt zurück zum Auto. Ich werde mir eine Bahncard zulegen und im Übrigen hat meine Frau (bringt gerade Plätzchen) mich in der Vergangenheit auch sehr schön gefahren. Sie war allerdings überrascht, dass ich vor einiger Zeit einen Brief von meiner Versicherung bekam mit dem herzlichen Dank für 25 Jahre unfallfreies Fahren. Das fand sie etwas ungerecht, weil ich ja immer gefahren wurde.

Hm. Ich habe gerade unser kaputtes Auto vor der Tür geparkt – nach 30 Jahren unfallfreiem Viel-Selberfahren… (lacht). Zurück zum Ehrenamt: Freiwilligentätigkeit bedeutet für mich Engagement und selbstlose Hilfsbereitschaft für ein großes Ganzes, über das Interesse (nach Hannah Arendt) „bloß privater Angelegenheiten“ hinaus. Gegenseitige Unterstützung unter Berücksichtigung der Möglichkeiten jedes Einzelnen, aber auch Anerkennung der Fähigkeiten: Und Initiative ergreifen und eigene Ideen entwickeln ohne Erwartungsdruck an Hauptamtliche – in der Kirche eine besondere Herausforderumg, mit immer weniger Hauptamtlichen, die immer mehr „aushalten“ müssen... Für mein Gefühl hat sich dieses Selbstverständnis über die Jahre zum Teil verändert. Nehmen Eitelkeit und das In-den-Vordergrund-Rücken eigener Befindlichkeiten zu? Was meinen Sie dazu? Und wie ist das in der Politik?

Ich glaube, dass gerade in den letzten Jahren die beiden großen Fluten in Deutschland und die Bewältigung des Flüchtlingszustroms die Bedeutung des Ehrenamtes in einer geradezu klassischen Weise sich in den Köpfen der Bevölkerung verwurzelt hat. Das zeigen nicht nur die hohen Spendeneingänge, die ja alle Organisationen bekommen. Wir sind zum Beispiel mit der Caritas und der Diakonie in einem Verbund, was die Katastrophenhilfe angeht und tauschen uns auch aus mit dem Bundesausschuss der Sozial- und Wohlfahrtsarbeit. Ich glaube, dass das Ehrenamt heute einen ganz hohen Stellenwert in unserer Gesellschaft hat. Allerdings müssen wir angesichts der demographischen Entwicklung in Deutschland uns der Frage stellen: Können wir eigentlich, gerade bei der jungen Generation, dieses Ehrenamt noch so wiederfinden wie bei der älteren, wo sich viele Leute ein ganzes Leben lang an eine Organisation gebunden haben. Das ist bei den Jüngeren so nicht der Fall, aber die Hilfsbereitschaft ist genauso ausgeprägt wie bei den Älteren. Das sieht man eben auch bei den sogenannten freien und ungebundenen Helfern, die keiner Organisation angehören, aber immer dann zur Stelle sind, wenn sie gebraucht werden. Wir ziehen allerdings auch einen zusätzlichen Schluss aus dieser Situation. Ich habe ja mal formuliert, was aus meiner Sicht für die Zukunft im sozialen und gesellschaftlichen Leben noch große Herausforderungen sind. Das ist einmal, ich weiß, ich weiche jetzt vom Thema ab, der große Bereich der Pflege, der große Bereich der demographischen Entwicklungen, das Heranführen vieler neuer, anderer Menschen an solche Ehrenämter heran. In dem Zusammenhang nenne ich auch den Ausbau der Freiwilligendienste. Als wir den Zivildienst noch hatten, sind ja Hunderttausende von jungen Leuten zu den humanitären Organisationen gegangen. Wir sind  als DRK der stärkste Anbieter mit 12.000 Plätzen für das Freiwillige Soziale Jahr und haben Tausende von Plätzen im Bundesfreiwilligendienst und in den internationalen Diensten. Auf jeden Platz melden sich bei uns zwei bis drei Bewerber, und wir haben an die Politik die Erwartung und den dringenden Wunsch, hier mit finanziellen Mitteln weiterzuhelfen, denn es gibt ja nichts Schöneres als wenn man jungen Leuten und auch älteren Menschen, die sich noch bewähren wollen, einen solchen Platz in einem solchen Dienst anbieten kann.

Ja, finde ich auch. Deswegen war der Zivildienst früher vielleicht auch eine schöne Sache, um junge Leute an das Ehrenamt heranzuführen. Wenn ich das jetzt so bei meinen Freundinnen beobachte, die Kinder haben, die gerade Abitur gemacht haben, dann hat das Freiwillige Soziale Jahr für mich auch so eine Art Event-Charakter: Etwas Cooles erleben wollen und mindestens bis nach Südafrika gehen… Hinzu kommt und Grund dafür ist natürlich auch das Abitur in diesen Jahrgängen in acht Jahren.

Die meisten dieser 12.000 arbeiten in Deutschland. Die Anzahl der Plätze im Ausland ist natürlich erheblich geringer, auch vom Angebot her. Ja, das mag sein, dass heute dieser Event-Gedanke auch eine Rolle spielt. Aber nach den bisherigen Erfahrungen, die wir gemacht haben mit dem Freiwilligen Sozialen Jahr, ist es auch so, dass etwa 40 Prozent aller, die bei uns tätig gewesen sind, wieder zusätzlich den Weg zum Deutschen Roten Kreuz gefunden haben, entweder ehrenamtlich zu bleiben oder hauptamtlich einzusteigen.

Ihre Nachfolgerin beim DRK ist seit Dezember 2017 Gerda Hasselfeldt (Politikerin der CSU. Sie war 1989 bis 1991 Bundesministerin für Raumordnung, Bauwesen und Städtebau und von 1991 bis 1992 Bundesministerin für Gesundheit. Von 2005 bis 2011 war sie Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages, von März 2011 bis September 2017 Vorsitzende der CSU-Landesgruppe.) Was wünschen Sie ihr? Stehen Sie im Kontakt?

Ja, ich habe sie ja auch, gemeinsam mit unserem Landesverbandspräsidenten, für diese Nachfolge vorgeschlagen. Ich glaube, dass sie für diese Aufgabe ausgezeichnet vorbereitet war und ist. Sie war zwanzig Jahre lang Bundestagsabgeordnete und in dieser Eigenschaft muss man sich schon aus Eigeninteresse um ehrenamtliche Organisationen kümmern. Sie weiß also, was das Ehrenamt in unserer Gesellschaft bedeutet. Sie hat politische Erfahrung, ist gesellschaftspolitisch außerordentlich vernetzt. Das habe ich ja auch erfahren. Man kannte mich; ich hatte gute Kontakte zu allen Fraktionen des Bundestages. Das ist bei ihr im gleichen Umfang der Fall. Ich bin ganz sicher, dass sie eine gute Präsidentin sein wird.

Ich danke sehr für das Gespräch, auch im Namen unseres Pfarrers Markus Steinert.

Das Gespräch mit Rudolf Seiters in seinem Haus in Papenburg führte Christine Striegel | Foto ©. Striegel

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