Impulse | Pfarrgemeinde Herz Mariae

Soll der Obelisk wirklich weg? Ein Plädoyer

Parteien in Kassel sprechen sich für Abbau des Kunstwerks aus

Königsplatz am Morgen | ©. Striegel

Ein Obelisk (lat. obeliscus, griech. obelískos: ‚Spitzsäule, [Brat]spieß) ist ein freistehender, hoher, sich nach oben verjüngender monolithischer Steinpfeiler, auch Stele genannt, der eine pyramidenförmige Spitze hat, das Pyramidion. Ägyptologen verwenden meist den Ausdruck „Tehen-Pfeiler“. 
Der Obelisk stellte im alten Ägypten wie die Pyramide die steingewordenen Strahlen des Sonnengottes dar und ist die Verbindung zwischen der irdischen und der Götterwelt. Obelisken standen in der Regel paarweise vor Pyramiden oder Tempeln. Sie wurden vor dem Tempel des Sonnengottes Re in Heliopolis, dem alten On, aufgestellt. Zunächst waren Obelisken schmucklos glatt — lediglich die Spitze war vergoldet bzw. mit Elektron überzogen, um den Glanz der Sonne und damit die Macht des Sonnengottes widerzuspiegeln. Ihr Schattenumlauf stellte die tägliche Umfahrt des Re auf der Sonnenbarke von Osten nach Westen (nachts zurück durch die Unterwelt) dar. Somit galt Re als Sinnbild der Weltordnung, Hüter des Rechts und der zwischenmenschlichen Beziehungen. 
Die Bedeutung eines Obelisken wurde immer mehr angereichert. So nahm nicht nur seine Größe, sondern auch die Zahl an Hieroglyphen immer weiter zu, deren Anordnung strengen Regeln unterstand. Das Gewicht eines Obelisken betrug Hunderte von Tonnen; somit wurde das Aufrichten zum rituellen Akt.

Römische Kaiser brachten dreizehn Obelisken als Siegestrophäen aus Ägypten nach Rom. Einige sind zerstört; zu finden ist ein Obelisk in der Mitte des Petersplatzes. 900 Arbeiter und 75 Pferde waren im Jahr 1586 für seine Aufstellung nötig.
Auch in der Neuzeit, ab dem 16. Jahrhundert, vor allem im 19. Jahrhundert, wurden Obelisken errichtet. Neuzeitliche Obelisken sind zumeist aus mehreren Steinen zusammengesetzt, nur noch selten monolithisch. Sie dienten und dienen als Denkmäler. Ein Beispiel ist das massive, klassizistische, von Fritz Gerth im Jahr 1900 geschaffene, Herzog Adolph gewidmete, Landesdenkmal auf der Adolfshöhe in Wiesbaden. Es misst acht Meter.

ich war ein Fremder...

Nun „beherbergt“ die Stadt Kassel seit Beginn der documenta 14 im Juni 2017 ebenfalls einen Obelisken, und zwar auf dem Königsplatz. Er ist ungefähr sechzehn Meter hoch und stammt vom Künstler (auch Kunsthistoriker, Kurator, Professor für Kunst und African-American Studies) Olu Oguibe (geb. 1964). Die Stele ist auf den vier Seiten in den Sprachen Deutsch, Englisch, Türkisch und Arabisch mit dem Zitat "Ich war ein Fremdling und ihr habt mich beherbergt" aus dem Matthäusevangelium beschriftet. Nach Aussage des Künstlers sind dies die Sprachen, die in Kassel am häufigsten gesprochen werden.

Unter den erwähnten Obelisken In Rom befand sich auch der Obelisk von Axum. Er stand auf der Piazza di Porta Capena und wurde 2005 zurückgegeben. Aus der äthiopischen Stadt Axum stammende Stelen, die zumeist aus dem Beginn des ersten Jahrtausends n. Chr. stammten, waren häufig von Kolonialherren als Zeichen ihrer Weltherrschaft in ihrer jeweiligen Heimat aufgestellt worden. Diese hatte allerdings Benito Mussolini 1937 nach dem Abessinienkrieg als Kriegsbeute nach Rom gebracht.

Der Nigerianer Oguibe dreht mit der Inschrift des Obelisken, einem zentralen Bekenntnis zur Gastfreundschaft, buchstäblich den „Spieß“ um. Ein Obelisk nicht als Machtsymbol, sondern als Freundschaftsgeste.

Geplant, vom Künstler, und von vielen gewünscht, war die Überführung des Objektes durch die Stadt Kassel von der temporären in eine dauerhafte Ausstellung, wenngleich noch nicht entschieden war, ob dies genau an diesem Ort in Kassel, eben auf dem Königsplatz, geschehen könne. Mit der von Bürgern eingesammelten Spendensumme – die Stadt konnte und wollte die Maßnahme nicht finanzieren - hätte der Künstler sich vermutlich zufrieden gegeben, doch habe Oguibe mit seinem Beharren auf den Standort Königsplatz der Stadt Kassel die Entscheidung abgenommen, den Obelisken anzukaufen, erklärte der SPD-Fraktionschef Dr. Günther Schnell am fünften Juni. Den Abbruch der Verhandlungen mit dem Künstler hatte eine Woche zuvor bereits die CDU gefordert und eingeläutet. Somit gibt es nun keine politische Mehrheit mehr zum Ankauf des Obelisken in Kassel. Aller Voraussicht nach wird damit das d14-Kunstwerk von Olu Oguibe im Sommer vom Königsplatz und damit aus unserer Stadt verschwinden. 
Nicht schön! Sehen wir einmal davon ab, dass die rund 126.000 Euro Spendengelder zurückgezahlt werden müssen. Die Grünen hatten sich übrigens erneut dafür ausgesprochen, den Obelisken in Kassel auf dem Königsplatz zu behalten. 

Im Katalog „KUNSTFORUM International“ (Bd.248/249 Aug.-Sept. 2017) zur Ausstellung wird die Skulptur übrigens noch als „spektakulär und zugleich nahezu selbstverständlich“ auf dem Königsplatz beschrieben. Ganz davon abgesehen, dass sie auch das Titelblatt des besagten Kataloges ziert, wurde gleich in Aussicht gestellt, dass „die beste Lösung“ eine „Übernahme“ durch die Stadt Kassel und damit eine "dauerhafte Ausstellung“ wäre. Ein Abbau ohne Zerstörung des Monuments erschien zudem nicht möglich.

Künstlerisch unterstreicht gerade die außermittige Position des aus perfekt feingeschliffenem Beton bestehenden Monuments auf dem Platz das Moderne. Es handelt sich um keine temporäre Notfallsituation, weil die Straßenbahnschienen den Königsplatz mittig durchqueren. Das Außermittige beschreibt das Gesamtkonzeptuelle: Einen Schritt zurücktreten, Perspektiven verschieben, neu betrachten und betrachtet werden, nachdenken. „Spieß umdrehen“ – „Spieß verrücken“.

„Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.“ Kein Satz wie dieser, ebenfalls aus dem Matthäusevangelium, beschreibt unser christlich geprägtes Abendland so gut. Das bringt Olu Oguibe schon allein dadurch zum Ausdruck, dass er sich dazu bekennt, selbst nicht religiös zu sein. Aber die Botschaft, dieses Verständnis der Nächstenliebe, die natürlich jede Kultur weitestgehend teilt, kommt im christlichen Abendland, in Kassel, aus Jesu Munde.

Warum eigentlich nicht? Die Stele an diesem Ort. Dass Oguibe das so möchte – erklärt sich von selbst. An diesem Ort kann man Platz nehmen.

Fronleichnam 2018 auf dem Königsplatz - Der Obelisk steht rechts vom Geschehen... ©. Striegel

Für die Bedeutung des Kunstwerks an dieser Stelle und damit seine Wahrnehmung, spricht auch der alljährlich auf dem Königsplatz stattfindende Fronleichnamsgottesdienst. Hunderte Christen der elf katholischen Gemeinden folgen der anschließenden Prozession durch die Kasseler Innenstadt.

So ging auch Pfarrer Peter Bulowski (Sankt Elisabeth) in seiner Predigt am 31. Mai auf den Obelisken ein, der vor den Gläubigen in den wolkenlosen Himmel ragte. Daran zu erinnern, dass das Kunstwerk eine Mahnung und ein Denkmal für Menschenfreundlichkeit sei, und dass die Inschrift des Obelisken auch die Dankbarkeit gegenüber Gastgebern verkörpere, dafür ist doch gerade auch das Fronleichnamsfest ein willkommener und selbstverständlicher Anlass. Aber auch hier gilt wieder, dass die Inschrift des Obelisken „Ich war ein Fremdling und ihr habt mich beherbergt“ laut Bulowski nicht unbedingt voraussetze, dass man bibelkundig sei. Auch jemand, der das Zitat nicht kennt, verstehe die positive Erfahrung, die der Fremde gemacht habe. 

Darum geht’s, das ist die Botschaft: Gemeinschaftsgefühl, Solidarität wecken. Dafür ist ein Gottesdienst, der in verschiedenen Sprachen gestaltet wird, schon einmal ein Beispiel, wenngleich für Christen natürlich die Gemeinschaft mit Jesus Christus durch Brot und Wein im zentralen Vordergrund steht. 
Verbinden – in einer Mahlzeit und zu einer Mahlzeit.

Christine Striegel

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