Impulse | Gemeinde Herz Mariae

Zur Mitte finden…

Luftaufnahme eines Labyrinthes in Süddeutschland

Jede Untersuchung über das Labyrinth

müsste vom Tanz ausgehen.


Karl Kerényi

 

Nur ein einziger Weg führt zum Ziel

Im Irrgarten kann man sich verlaufen – im Labyrinth hingegen kann man sich nicht verlaufen. Man folgt einem Weg, der einen Mittelpunkt erreicht.

Mit einem Labyrinth im eigenen Haus, so mögen die Römer ge­dacht haben, kannst du dich vor Einbrechern sicher fühlen!

Uwe Wolff

Die klassische Form des Labyrinths, ein Wort, das übrigens als unübersetzbar gilt, geht auf das sogenannte Kretische Labyrinth zurück. Es fand sich auf Silbermünzen, die gefunden wurden, mal in runder, mal in rechteckiger Form. Sie stammen aus dem fünften vorchristlichen Jahrhundert. Mit der Aufschrift ΚΝΩΣΙΩΝ versehen, stammen sie aus Knossós, dem antiken Ort auf Kreta. 

Die Mitte des Labyrinthes stellte nach alter Weltvorstellung die Erde dar, die sieben Umgänge standen für die sieben sie umkreisenden Planeten Mond, Merkur, Venus, Sonne, Mars, Jupiter und Saturn. Im Wissen über Labyrinthe verbirgt sich keine schwierige mathematische Konstruktion. Ihre Faszination und ihr Geheimnis liegen also auf anderen Ebenen. Denn bald wurden auf der ganzen Welt, bis hoch zum Eismeer Labyrinthe erstellt.

Doch auch schon vorher fanden sich labyrinthische Felsritzungen in Italien, Spanien und - Griechenland. „Labyrinthisches“ (um 1800 v. Chr.) gab es auch in Ägypten. Die älteste sicher datierbare Abbildung eines Labyrinthes auf einer Tontafel stammt aus dem Palast des Nestor im griechischen Pylos und entstand um 1200 v. Chr. Es folgten labyrinthische Darstellungen bei den Etruskern und Römern (800 – 50 v. Chr. bzw. 300 bis 90 v. Chr.), auch als Spielpläne, wie in Pompeji, oder als Wiedergabe der Minotaurus-Sage. So sind Labyrinthe auf römischen Fußbodenmosaiken abgebildet, die zum Teil noch erhalten sind. Sie schmückten die Häuser reicher Römer. Sie sollten daran erinnern, dass Theseus einst auf Kreta den Minotaurus im Labyrinth besiegt und damit das Leben von Kindern geret­tet hatte. Das Labyrinth galt also als Schutzsymbol dafür, dass alles Böse von der Familie ferngehalten werde.

Das Kreuz im Labyrinth

Das Kreuz im Labyrinth

 

Für Christen ist das Kreuz das Symbol für Tod und Auferstehung, das Zeichen der Hoffnung. Es steht für den Weg, den Jesus vorausgegangen ist. So ist auch das Labyrinth ein altes Symbol für Christi Tod und Auferstehung. 

Die klassische Konstruktion beginnt mit einem gleichschenkligen Kreuz… Labyrinthe finden sich häufig auf alten Grabhöhlen – Sie sollten Trost spenden; denn ein Labyrinth besitzt einen Anfang und ein Ziel.

Das früheste bekannte Labyrinth in einer christlichen Kirche befindet sich in der Kathedrale von Reparatus in El Asnam in Algerien; es verfügt über ein quadratisches Spiralmuster mit elf Umgängen und stammt aus dem Jahr 324 n. Chr.

In vielen mittelalterlichen Kathedralen befinden sich Fußbodenlabyrinthe oder an ihren Wänden auch Fingerlabyrinthe. Es handelt sich um Wege, denen man entweder nachgeht, sie mit den Augen verfolgt oder eben mit dem Finger nachzeichnet. 

Berühmte Kirchenlabyrinthe sind in der Kathedrale von Amiens (Frankreich) und im Dom von Siena (Italien) zu finden.

Fußbodenlabyrinthe dienten zu Bußübungen. Man folgte auf den Knien dem Muster und sprach an bestimmten Stationen Gebete. 

Das Labyrinth symbolisierte den Weg der Seele zur Erlösung und gleichzeitig die Pilgerfahrt nach Jerusalem, dem Ort, an dem Jesus gestorben, auferstanden und zu Gott in den Himmel aufgefahren ist. Weil eine echte Pilgerreise viel Geld kostete oder aus gesundheitlichen Gründen nicht möglich war, bildete ein Kirchenlabyrinth eine Art Ersatz. Die christlichen, gotischen Baumeister nannten die Kirchenlabyrinthe „Weg nach Jerusalem“, „Stadt Gottes“ oder „Jericho“. Die siebentausend Jahre alte Stadt Jericho, die sich auch heute noch älteste Stadt der Welt nennt (in Wirklichkeit ist es Konstantinopel, heute Istanbul), war vor Angreifern durch sieben Mauern geschützt. Wie Troja, so galt auch Jericho als uneinnehm­bar. 

Vor einer dennoch stattgefundenen, vermeintlichen Zerstörung, die archäologisch nicht belegt ist, sollen sieben Priester die Bundeslade getragen und damit Jericho umkreist haben. In der Morgenröte des siebten Tages sollen sie wieder von ihrem Lager aufgebrochen sein, um an diesem Morgen Jericho siebenmal zu umrunden.

Das immer wieder aufgenommene Kretische Labyrinth besitzt sieben Umgänge. - Zeichen der Hoffnung.

Jede Kirche sollte eine feste Burg sein und Christen Schutz vor allem Bösen bieten. Dafür stand das Labyrinth auch, als Darstellung eines geschlossenen, von einer äußeren Umgrenzung umgebenen und damit Schutz bietenden Gebildes.

Wer sich nicht verirrt, erfährt auch Trost.

Die Baumeister der Kirchenbauten der Gotik und damit auch der Kirchenlabyrinthe waren überzeugt, dass Gott alles Vorhandene nach einem Plan geschaffen hat. Dem wurde in der Architektur Ausdruck gegeben, durch eine neuartige Bauweise, die ein aufstrebendes System (eines Baustils) umsetzte, dem ein erhabener Geist innewohnte: Dies machte ab nun "Architektur" aus. Die Architekten dachten nun „planhaft“ – und sie wurden „namhaft“, also mit Namen genannt als Schöpfer ihrer Bauten. (Zuvor hatten die Bauherren als diese gegolten – wie etwa Kaiser Konstantin im vierten Jahrhundert, der Erbauer bedeutender Kirchen.) So findet man etwa eine Inschrift im Fußbodenlabyrinth der Kathedrale von Amiens, die nicht nur den Baubeginn benennt, 1220, sondern auch den Namen des Archi­tekten Robert de Luzarches.

Die Baumeister überließen nichts mehr dem Zufall. Jede Einzelheit, wie etwa der Eingang des Labyrinths, hatte eine Be­deutung. Schon vorher war aufgefallen, dass die meisten Labyrinthe gewestet waren, die Eingangsseiten also nach Westen gerichtet. Dies war wohl auch früher schon dem Lauf der Sonne geschuldet. Denn auch die Ostung der Kirche, die sich im 8./9. Jahrhundert n. Chr. durchsetzte, richtete sich nach dem Lauf der Sonne. Im Osten geht die Sonne nach der Dunkelheit der Nacht auf – symbolhaft steht dies für die Auferstehung Christi. Im Osten wird auch die zweite Wiederkunft Christi erwartet (vgl. Mt 24,27.30).  

Im Osten der Kirche, im Licht, steht der Altar, und im Westen, gegenüber, befindet sich die Eingangsseite der Kirche. Der Weg führt aus dem Dunkel ins Licht, zu Jesus.

Licht steht auch für den ersten Schöpfungstag.

Ins Kirchenlabyrinth geht man immer links hinein. Im Mittelalter galt die linke Seite als Seite des Bösen. Auf Christusdarstellungen befindet sich (Apostolisches Glaubensbekenntnis: „Er sitzt zur Rechten Gottes“) häufig zu seiner Rechten die Darstellung des Himmels, zur Linken die Darstellung der Hölle. Im Labyrinth ist man also unterwegs in Richtung des Guten.

Labyrinth der Kathedrale von Amiens

Labyrinth in der Kathedrale von Amiens

 

Auch die Zahlen besaßen symbolische Bedeutung. Mose hatte zehn Gebote von Gott erhalten. Je­sus berief zwölf Jünger. Die Zahlen Zehn und Zwölf waren „gut“, die Zahl Elf dagegen „schlecht“; sie galt als Zahl der Sünde und des Teu­fels. Jesus besiegte nach christlichem Glauben den Teufel. Die elf Umgänge des Labyrinthes von Amiens sollten an das Böse erinnern, um es zu besiegen: Hass, Lüge, Streitlust, Gier usw.

Übrigens hielt Theseus, der im Labyrinth des „Hauses des Dädalus“ den Minotaurus als Sieg über das Böse bezwungen hatte, durchaus für einen Vergleich mit Jesus her.

Der Weg durch das Labyrinth, dessen Weg meistens zwischen 20 und 30 Zentimetern breit war, war ein Akt der Konzentration, vielleicht mit einem Tanz vergleichbar oder mit dem selbstvergessenen Spiel der Kinder, das im übrigen ausdrücklich im Kirchenraum erwünscht war und die Kinder gerne beschäftigte. 

Weil man beim Eintritt in das Kirchenlabyrinth die Welt hinter sich lässt, rückt man den Heiligen innerlich näher, die durch ihre Nähe zu Gott die Begegnung mit Gott vorbereiten.

Für Christen bedeutete das Abschreiten des Labyrinths, den Weg mit Gott bzw. zu Gott darzustellen. Mit Gott, die Suche nach Gott, im Licht Jesu – ein komtemplativer Vorgang; denn den Weg zur Mitte zu gehen bedeutete und bedeutet, mit dem Vorsatz zu gehen, diese auch (immer wieder) zu finden, ohne aufzugeben.

Wer aufbricht, will das Schlechte hinter sich lassen. Dazu muss man dieses zunächst allerdings erkennen.

„Neu“ werden erinnert natürlich an die Geburt eines neuen Menschen, die sich im Sakrament der Taufe vollzieht. Aufnahme des Weges: „Wisst ihr denn nicht, dass wir, die wir auf Christus Jesus getauft wurden, auf seinen Tod getauft worden sind? Wir wurden ja mit ihm begraben durch die Taufe auf den Tod, damit auch wir, so wie Christus durch die Herrlichkeit des Vaters von den Toten auferweckt wurde, in der Wirklichkeit des neuen Lebens wandeln." (Röm. 6,3-4)

Kirchenlabyrinth in der Kathedrale von Chartres

Labyrinth in der Kathedrale von Chartres: 

Mitte mit sechs Blütenblättern

 

Wenn man „neu“ werden möchte, „schöpft“ man (sich) neu. An die Schöpfung, die Schöpfungsgeschichte, erinnert das Labyrinth in der Kathedrale von Chartres. Es begründete einen neuen Typ, als „Chartres-Typ“ bezeichnet. Es geht auf Villard de Honnecourt zurück, hat einen Durchmesser von 12,8 m und besitzt ebenfalls elf Umgänge. Es besteht aus blauem und weißem Stein; ein Kranz von 112 Zacken bildet die Außenkante. Das runde Zentrum entspricht mit einem Durchmesser von 3,1 Metern dem inneren Teil des berühmten Fensters in der Hauptfassade. Das Innere ist von sechs Blütenblättern umfasst. Sie erinnern an die sechs Tage der Schöpfung.

Auch in Klostergärten findet man häufig Labyrinthe, aus Hecken. Diese Gärten stehen stellvertretend für das Paradies, den Garten Eden, von dessen Erzählung die Bibel beginnt. Die Hecken geben unbeobachteten Schutz – in der Mitte steht häufig ein „Baum des Lebens“. Ab dem 17. Jahrhundert entstanden solche Gärten aus Hecken, Büschen und Bäumen auch in Schlossgärten wie in Versailles bei Paris oder in den Gärten einiger Schlösser an der Loire, auch beim Schloss Schönbrunn in Wien. Die Mitte dieser Gärten wurde durch einen Turm mit Wendeltreppe, einen Pavillon, einen Teich oder ebenfalls einen Baum ge­staltet.

Labyrinthe und auch Irrgärten waren zu jeder Zeit als Spielplätze beliebt. Und es wurde und wird in ihnen tatsächlich getanzt, wie zum Beispiel in Schweden zum Mittsornmer. Am 24. Juni geht die Sonne im Norden des Landes auch in der Nacht nicht unter. Im Jungfrauentanz befreien Jungen symbolisch die in der Mitte stehenden Mädchen; dies steht für die Befreiung der Sonne von dem Winter. Der Jungfrauentanz erinnert auch an den durch sie begründeten Kranichtanz auf der Insel Delos, den Dankestanz des Theseus und Ariadne, die ihm geholfen hatte, den Minotauros zu besiegen, indem sie ihn per Wollfaden ihres Kleides wieder aus dem Labyrinth geführt hatte.

Der in tiefer Nacht ausgeführte „Geranos” fand angeblich in Gegenrichtung zum Sonnenlauf statt, also in der Richtung des Todes. Das Ende des Tanzes, der Ausgang des Labyrinths, entsprach dann der Wiedergeburt. Der Labyrinth-Tanz symbolisiert so den schwierigen Weg von der Geburt bis zum Tod und zur Wiedergeburt, in dessen Zentrum Tod und Wiedergeburt zugleich stehen, das Hinein- und wieder Hinausgehen, Sinken und Steigen, der Abstieg in die Tiefe und das Aufsteigen zu den Höhen.

In Schweden dienten Labyrinthe auch einst als See­zeichen für Handelsschiffe. Ein Labyrinth als Signal der Orientierung, aber auch um darauf aufmerksam zu machen, dieses gar aufzusuchen, und sich damit auseinanderzusetzen, was Orientierung – Wege finden, bedeuten kann.

Jedes Labyrinth hat Wendepunkte. Das Labyrinth von Chartres verfügt über 28 davon im Winkel von 180° und sechs im Winkel von 90°. Solche stellen Orte dar, die Richtungswechsel bedeuten. Ändert man die Richtung, schaut man auch aus anderer Perspektive. – Umkehr, aber keine totale. Man muss weitergehen, doch möglicherweise sehr verändert.

Deswegen sind Labyrinthe häufig in Gerichtssälen zu finden, wie zum Beispiel im Gerichtssaal von Gent aus dem Jahr 1533. In der oberen Hälfte des Labyrinthes befindet sich das christliche Symbol des Kreuzes…

Was bedeutet dies alles?

Das System von Linien oder Wegen, das sich Labyrinth nennt, durch zahlreiche Richtungsänderungen beschrieben ist, ein Verfolgen oder Abschreiten des Musters zu einer Herausforderung macht, obwohl ihm keine schwierige mathematische Konstruktion zugrunde liegt, ist faszinierend, geheimnisvoll, aber zum Ziel führend.


Ob als Felsritzung, Zeichnung, Bauwerk, Ornament, Mosaik oder Pflanzung. Es lohnt sich, nur mit den Augen oder zu Fuß, den Weg zu gehen, vielleicht gar zu tanzen. Ein Labyrinth dient dazu, in einer im übrigen auch sehr ästhetischen Analogie einen Weg bewusst zu beschreiten, um - die Mitte zu finden…

sonst würden Kinder nicht so gerne darin spielen. Ein spielendes Kind verliert sich, es „taucht ab“ und – findet sich, woanders.

 

Betritt man ein Labyrinth, beispielhaft, initialzündend, übertragend, hat man die Möglichkeit, den Weg zu Gott aufzunehmen: Hereinnahme in das Licht Christi.

Die nächste Erstkommunion kommt bestimmt!

Für das Wort Labyrinth in der besprochenen Bedeutung gibt es übrigens keine Synonyme, eher nur im umgekehrten Verständnis, wenn etwas als zu verschlungen gilt. Aber in unserer Bedeutung bilden gerade die Verschlungenheiten die Herausforderung und das Potenzial, nicht den eigentlichen Sinn.

Ein Labyrinth ist kein Irrgarten!

Christine Striegel

Katholische Kirchengemeinde

Herz Mariae | Kassel



Ahnatalstraße 29
34128 Kassel


 





Telefon: 0561 | 61524

Telefax: 0561 | 6026895 


 

Pfarrbüro - Öffnungszeiten


Montag, Mittwoch, Freitag:
9:00 - 12:00 Uhr
Dienstag, Donnerstag:
15:00 - 18:00 Uhr

 


© Herz Mariae | Kassel

 

Katholische Kirchengemeinde Herz Mariae 

Ahnatalstraße 29  

34128 Kassel




Telefon: 0561 | 61524
Telefax: 0561 | 6026895 



© Herz Mariae | Kassel