Impulse | Pfarrgemeinde Herz Mariae

„Bekanntlich wird jede große Veränderung von wenigen, nicht von vielen bewirkt; durch die entschlossenen, unerschrockenen, eifrigen Wenigen." (Predigten, Bd 1, S. 323)

John Henry Newman | Feuerwerk am Tag der Heiligsprechung | Collage: ©.Striegel
 

Auf den Spuren John Henry Newmans – bis zur Konversion und darüber hinaus


Die Beschäftigung mit John Henry Newman, der vom Anglikanismus zum Katholizismus konvertierte, dann Kardinal wurde und den Katholizismus in die Moderne führte, machte den Besuch seiner Wirkungsstätten interessant, um das Umfeld zu sehen, das die enorme Kraft dieses Mannes gedeihen ließ. Der Besuch in Oxford im Jahr 2017 mit meinem damals 15jährigen Sohn machte die Aura des großen – schon im Jahr 2010 durch Benedikt XVI. seliggesprochenen – Mannes Newman tatsächlich posthum spürbar. Ich war selbst 15, als ich Oxford zum ersten Mal besuchte. Die Universitätsstadt war damals nicht annähernd so lebhaft wie heute – sagen wir mal, irgendwie noch studentischer. Doch das Oriel College ist auch heute noch ein Ort der Ruhe…

Innenhof Oriel College

Oriel College | Innenhof ©.Striegel
 

In England ein Held!

Sogar mit Feuerwerk wurde der Tag der Heiligsprechung John Henry Newmans am 13. Oktober 2019 in England gefeiert. Der liturgische Festtag ist nun der neunte Oktober. Es ist der Tag der Aufnahme Newmans in die katholische Kirche, nicht etwa sein Todestag.

Doch John Henry Newman ist nicht nur der berühmteste Konvertit Englands, sondern auch einer der größten englischen Schriftsteller des 19. Jahrhunderts.

Auch in der ein oder anderen unserer katholischen Kirchen wurde am Sonntag des 13. Oktober der Heiligsprechung eines der berühmten Gebete John Henry Newmans gebetet und seiner gedacht.

Dieses Gebet steht im Gotteslob, zur Kommunion, die für Newman initial war:

Mein Gott,

mein Erlöser,
bleibe bei mir.
Fern von Dir
müsste ich welken und verdorren.
Zeigst Du Dich mir wieder,
blühe ich auf in neuem Leben.

Du bist das Licht,
das nie verlöscht,
die Flamme, 
die immer lodert.
Vom Glanz Deines Lichtes beschienen,
werde ich selber Licht,
um anderen zu leuchten.
Ich bin nur wie ein Glas,
durch das Du den anderen scheinst.

Lass mich zu Deinem Ruhm
Deine Wahrheit und Deinen Willen verkünden,
- nicht durch viele Worte,
sondern durch die stille Kraft der tätigen Liebe - 
wie Deine Heiligen - 

durch meines Herzens aufrichtige Liebe zu Dir. (1)

Katholischen Kindern wird vermittelt, wie wichtig es ist, sich mit den Lebenswegen von Heiligen auseinanderzusetzen – so verschieden diese auch waren. Die Wege der Heiligen sind zwar Wege aller Katholiken zu Gott, doch ihre erfolgten in besonders tugendhafter Weise. Auf seinem Weg suchte Newman intellektuelle Einsicht und bewahrte sich dabei seine kindliche Neugier. Sein Lebensthema war die Suche nach der Wahrheit bzw. das Ringen um sie. Jede Art von Liberalismus schloss er dabei kategorisch aus.

Neugier

John Henry Newman wurde am 21. Februar 1801 in London geboren. Sein Vater, John Newman, war Banker in London und selbst der Sohn eines Lebensmittelhändlers aus Cambridgeshire. Seine Mutter, Jemima (geb. Fourdrinier), war die Tochter eines Druckers, dessen Familie für seine innovative Papierherstellung bekannt geworden war. Ihre sechs Kinder wurden religiös erzogen. John Henry war das älteste vor zwei jüngeren Brüdern und drei jüngeren Schwestern. Er hatte eine sehr enge Beziehung zu seinen Geschwistern, besonders zu seiner Schwester Mary, die früh starb. Seine Schwester Harriett soll allerdings später nach seiner Konversion nie wieder ein Wort mit ihm gesprochen haben.

Die „kindliche Neugier“ begann damit, die Bibel mit großer Freude zu lesen, erzählte John Henry Newman einmal in einem Gespräch. Dennoch habe er „bis zu seinem 15. Lebensjahr keine religiösen Überzeugungen gebildet“. Es ging also zunächst um Interesse und Wissensaneignung. Dennoch „ruhte“ er, wie er es ausdrückte, bereits „im Gedanken an zwei und zwei nur höchste und leuchtend selbstverständliche Wesen, mich und meinen Schöpfer…“. (2)

Schönheit und Wahrheit

Schönheit und Wahrheit - lebenswichtige Voraussetzungen für jeden, der eintritt in das, was Newman „die Gegenwart des inkarnierten Wortes" nannte. Sie zog ihn von nun an immer an, die verborgene unaussprechliche Wirklichkeit, die sich im Geschriebenen ausdrückt und das Gewissen prägt. So wurde dann seit seinem 15. Lebensjahr „das Dogma das Grundprinzip meiner Religion“, die verbindliche Glaubensaussage, bekannte Newman später in seiner im zweiten, katholischen Lebensabschnitt erschienenen Apologia Pro Vita Sua. Den Grundstein dazu habe der damals sechsundzwanzigjährige Geistliche Walter Mayers gelegt, ein junger Latein- und Griechischlehrer an der (heute noch) kulturell renommierten, privaten, im 17. Jahrhundert gegründeten Ealing School. Newman hatte sie ab 1808 gemeinsam mit seinem Bruder Charles als Internatsschüler besucht. (Interessant ist, dass die Ausbildung an dieser Schule in den alten Sprachen als nicht so gründlich galt, sollte Newman später doch Bibelübersetzungen aus dem Griechischen ins Englische selbst vornehmen.) Mayers jedenfalls hatte kurz zuvor seine eigene Bekehrung erlebt und sich dem Evangelikalismus zugewandt. Zum Austausch mit Newman kam es, weil dieser schwer krank geworden war und während seiner Genesung während der Sommerferien an der Schule bleiben durfte. Hier hatte er sein erstes evangelikal geprägtes Erweckungserlebnis. In das vorausgegangene Frühjahr war auch der erste geschäftliche Bankrott des Vaters gefallen.

Ein weiterer entscheidender Einfluss war der des Theologen Thomas Scott (1747–1821), den Newman für „seine entschlossene Ablehnung des Antinomismus“ (Lehre, die die Bindung an das Sittengesetz leugnet und die menschliche Glaubensfreiheit und die göttliche Gnade betont) bewunderte.

1817 ging Newman zum Studium an das Trinity College in Oxford. Trotz seines unerwartet schlechten Master-Abschlusses - Newman war zuvor ein glänzender Schüler gewesen, der auch führend unter seinen Altersgenossen gewirkt und u.a. eine Schülerzeitschrift herausgegeben hatte - wurde er 1822 zum Fellow (Mitglied) des Oriel College gewählt. Dort freundete er sich mit den anglikanischen Geistlichen Hurrell Froude (1803-1836) und John Keble (1792-1866) an. Musik spielte im Kloster eine große Rolle; Newman selbst war ein hervorragender Geiger.

1924 wurde er Diakon der anglikanischen Kirche in Christ Church, der Kathedrale der anglikanischen Diözese Oxford, und Kurat an St. Clemens in Oxford. Im Mai 1825 wurde Newman in der Oxforder Kathedrale zum anglikanischen Priester geweiht. Zum anglikanischen Bischof geweiht wurde er nie.

Musik spielt auch heute noch eine große Rolle im Oriel College

Musik spielt immer noch eine große Rolle im Oriel College | ©.Striegel
 

In Oriel begann Newmans Begeisterung für die Patristik, die für ihn ein umfassendes Studium der frühen Kirchenväter des vierten und fünften Jahrhunderts zur Folge hatte.

Dies brachte ihn etwa dazu, über die Aufgabenverteilung und die Rolle von Laien in der Kirche nachzudenken bzw. die bisherige in Frage zu stellen. In der anglikanischen Kirche von England ist bis heute der jeweilige Monarch bzw. die Monarchin das weltliche Oberhaupt. Der Kirchenrat einer Pfarrei, der aus Laien besteht, und nicht der Bischof, entscheidet etwa über Einstellung und Abberufung eines Pfarrers. Erzbischöfe und Bischöfe sind Mitglieder im House of Lords. Bischöfe entschieden zu Newmans Zeit allein über Glaubensfragen.

Doch vor allem begann John Henry Newman, sich kritisch mit dem Liberalismus zu befassen. Er sah die allzu freie Entfaltung des Individuums nicht nur als Angriff auf soziale Werte und Strukturen, sondern „mit jeglicher Anerkennung einer Religion als wahr unvereinbar“ (3); denn es könne nicht behauptet werden, dass es „keine große Bosheit in dieser Welt gebe und alle Religion in etwa gleich seien“. (4)

Für John Henry Newman wurden die Gefahren des Liberalismus mit der Zeit immer deutlicher. Sein Freund Froude sah Ideen eines Immanuel Kant (1724-1805), der Erkenntnisse bereits im persönlichen Subjekt vorhanden bzw. erzeugungsfähig sah, als die „logische Weiterentwicklung von Luthers Gedanken“. (5)

Anlässlich der Verleihung der Kardinalswürde durch Papst Leo XIII. 1879 bezeichnete Newman später rückblickend den Kampf gegen den Liberalismus als den roten Faden seines Lebens. Subjektive Meinungen führten seiner Ansicht nach zu Gleichgültigkeit. Wenn eins so gut sei wie das andere, könne es keine objektive Wahrheit geben. Allgemein Verbindliches sei dasjenige, das zähle. (6) Liberalismus hingegen sei eine Weltanschauung, die davon ausgehe, dass es keine positive Wahrheit gebe und alle Religionen gleich seien. (7)

Licht

1833 bereiste Newman mit seinem Freund Froude das Mittelmeer. Nachdem er seine erste Messe in Rom besucht hatte, schrieb er an seine Mutter: „Als ich sah, dass das Heilige Sakrament dargebracht und der Segen gegeben wurde, konnte ich nur sehr ratlos meine eigenen Worte sagen. „Wie soll ich dich nennen, Licht des weiten Westens oder abscheulicher Irrtum?“ (8)

Später bekannte er zudem öffentlich in der Apologia Pro Vita Sua: „Mit vierzehn Jahren las ich Paines Abhandlungen gegen das Alte Testament und mit Vergnügen dachte ich über die Einwände nach, die sie enthielten. Auch einige von Humes Essays las ich, vielleicht auch den über die Wunder. So gab ich es wenigstens meinem Vater zu verstehen, es kann jedoch sein, dass ich damit nur großtun wollte. Ebenso erinnere ich mich, dass ich französische Verse, vermutlich von Voltaire, gegen die Unsterblichkeit der Seele abschrieb und mir dabei sagte: Wie furchtbar und doch wie einleuchtend!“ (9)

Als Froude den gemeinsamen Teil ihrer Reise früher abbrach und von Rom nach Frankreich aufbrach, entschloss sich Newman, allein nach Sizilien zurückzukehren, was, wie er schrieb, „mich mit unbeschreiblicher Begeisterung erfüllte…“ Doch Newman erkrankte schwer an Typhus. Er soll laut gerufen haben: „Ich habe nicht gegen das Licht gesündigt!“ Zwischen den Fieberschüben wurde ihm klar: „Ich habe ein Werk in England zu vollbringen.“ (10)

Nachdem er sich vom Fieber erholt hatte, segelte Newman mit Hilfe eines neapolitanischen Dieners von Palermo nach Marseille. In der Straße von Bonifacio, zwischen Korsika und Sardinien, schrieb er das, was als Lead, Kindly Light berühmt werden würde, die Hymne, die sehr bewegend sein unendliches Vertrauen in das Licht ausdrückt, das ihn für immer leiten sollte.

Kindly light

Lead, kindly light, amidst th’encircling gloom,

Lead Thou me on!
The night is dark, and I am far from home,
Lead Thou me on!
Keep Thou my feet; I do not ask to see
The distant scene; one step enough for me.

I was not ever thus, nor prayed that Thou
Shouldst lead me on;
I loved to choose and see my path; but now
Lead Thou me on!
I loved the garish day, and, spite of fears,
Pride ruled my will. Remember not past years!

So long Thy power hath blest me, sure it still
Will lead me on.
O’er moor and fen, o’er crag and torrent, till
The night is gone,
And with the morn those angel faces smile,
Which I have loved long since, and lost awhile!

Meantime, along the narrow rugged path,
Thyself hast trod,
Lead, Saviour, lead me home in childlike faith,
Home to my God.
To rest forever after earthly strife

In the calm light of everlasting life.

Die Einsicht, die er gewann, bezeichnete Newman später als zweites Erweckungserlebnis, den Glauben an die Wirksamkeit der Eucharistie, an die Offenbarung Gottes in Jesus Christus und die Gegenwart Christi im Altarsakrament. Er stellte sich die Frage, ob diese Wahrheit in der anglikanischen Kirche gedeihen kann und bezog sich dabei konkret auf Athanasius von Alexandria (um 300-373) oder Ambrosius von Mailand (339-397). Wie wäre ihre Haltung zur Eucharistie gewesen in der neuen Zeit?

Der Wahrheit den Weg bahnen

Als Newman 1833 nach England zurückkehrte, schloss er sich mit Froude und Keble zur sogenannten Oxford-Bewegung zusammen.

John Keble, der bekannt für die Dichtung geistlicher Lieder war, hatte am am 14. Juli 1833 in Oxford seine bahnbrechende Predigt National Apostasy gehalten, in der den sich immer mehr vom Christentum entfernenden Staat scharf kritisierte. Sie gilt als Beginn der Oxford-Bewegung, die dem Anglikanismus zugrundeliegende katholische Prinzipien und frühkirchliche Orientierungen wieder zu entdecken versuchte. Die protestantische Religion war ihnen zu wenig Angelegenheit des Wissens, sondern des Gefühls.

Die Oxford-Theologen wollten versuchen, einen dogmatischen Zusammenhalt in die anglikanische Kirche einzuführen, d.h. einen gesunden Mittelweg zwischen protestantischer und katholischer Kirche zu finden. Doch eigentlich waren sie über den inneren Zustand ihrer (anglikanischen) Kirche entsetzt und prangerten diesen an. Dazu verfassten sie die sogenannten Tracts for the Times – Newman schrieb ihren größten Teil. Die in kurzen Abständen zunächst 46 erschienenen Traktate wollten gleichsam den Glauben wachrütteln.

Der Einfluss des Staates und seines Repräsentanten, des Königtums, war ihnen zu dominant. Seit Heinrich VIII. im 16. Jahrhundert nach Ehebruch und Mord die englische Kirche vom Papst gelöst und sich selbst zum religiösen Oberhaupt ausgerufen hatte, war sie dem Staat unterworfen. Öffentliche Ämter waren nun mit der Zugehörigkeit zur Staatskirche verbunden. Selbst die Immatrikulation in Oxford hing davon ab. Es ging so weit, dass das Parlament über den Inhalt der christlichen Lehre abstimmte. Die katholische Kirche wurde unterdrückt und verfolgt, Kirchen und Kathedralen zerstört. Dogmen wie Dreifaltigkeit und Sündenvergebung wurden als überholt abgetan.

Ruine von Byland Abbey. Unter der Herrschaft Heinrich des VIII. wurde das Kloster aufgelöst

Ruine von Byland | ©.Striegel
 

Das Christentum wörtlich nehmen

Newman besann sich wiederum auf die Kirchenväter. Er und seine Kollegen knüpften an das alte, katholische, vorreformatorische Glaubensgut an wie etwa die Weihe der Bischöfe (wieder) als apostolische Nachfolge zu begreifen. Bedeutung von Taufe und auch Fegefeuer wurden beispielweise beleuchtet. Man tat sich mit der protestantischen Ablehnung des letzteren schwer, sei es doch als heilsames Geschenk zu sehen, weil es die von Gott gewährte Reinigung und Ausheilung gnadenvoll in Aussicht stelle.

Gebildetes Laientum | Sensus fidei – oder: Der Dienst am Nächsten ist auch Gottesdienst

Auch die Laienfrage war wieder Thema. Newman trat für die Theologie als Universitätsdisziplin ein. Ziel dabei: Auskunftsfähigkeit und Urteilskraft durch Bildung. Hierarchische, aber interaktive Strukturen. Dadurch könne die Volksfrömmigkeit ausgebildet werden, der Glaube erlebbar und weitergetragen werden, im Sinne des „übernatürlichen Glaubenssinns“. Dieser bezeichnet einen „Instinkt für die Wahrheit des Evangeliums“, eine „ganz persönliche, tiefe Kenntnis des kirchlichen Glaubens“, die es allen Mitgliedern der Kirche – „von den Bischöfen bis zu den letzten gläubigen Laien“ – ermöglicht, „echte christliche Lehre und Praxis zu erkennen und zu befürworten sowie zurückzuweisen, was falsch ist“. Die „persönliche Fähigkeit des Gläubigen, innerhalb der Gemeinschaft der Kirche die Wahrheit des Glaubens zu erkennen“ war Newmans Ziel. (11)

Nach Littlemore gegangen – um die Kinder singen zu hören .“ (12)

Zwischenzeitlich, ab 1834, veröffentlichte Newman auch seine Pfarr-Predigten aus seiner Tätigkeit als Pfarrer von St. Mary the Virgin, die er seit 1828, dem Todesjahr seiner jüngsten Schwester Mary, innehatte. Seit Jahrhunderten stellte das Oriel College ein Mitglied aus seiner Professorenschaft als Pfarrer von dieser Kirche zur Verfügung. Sie liegen in unmittelbarer Nachbarschaft.

Zur Pfarrei von St. Mary gehörte das kleine Dorf Littlemore, das ungefähr drei Meilen von Oxford entfernt lag. Mit Zeit und Liebe widmete sich Newman dieser armen, vom Analphebethismus geprägten anglikanischen Gemeinde.

1836, dem Jahr seines weiteren akademischen Grades Bachelor of Divinity, errichtete John Henry Newman in diesem Örtchen Littlemore eine eigene Kirche. Dies hatte er gleich zu Beginn seiner Tätigkeit dort tun wollen, um eine eigenständige Pfarrei zu schaffen, doch das Oriel College hatte dies zunächst abgelehnt. 1830 waren seine Mutter Jemima und seine zwei noch lebenden Schwestern Harriett und Jemima nach Rose Hill in der Nähe von Littlemore übergesiedelt. Fünf Jahre nach seiner ersten Pleite war der Vater erneut bankrott gegangen und wenige Jahre danach gestorben.

Mutter und Schwestern wurden bald in die verschiedenen pfarrlichen Aufgaben in Littlemore einbezogen und stellten so bereits eine Art Pfarrhaus für Littlemore zur Verfügung. Sie führten so etwas wie eine erste Schule. 1838 folgte die Errichtung einer richtigen Schule. Auch wenn zwischenzeitlich ein anderer Pfarrer seine Stelle übernahm, blieb Newman seinem Grundsatz der 1824 erhaltenen Diakonenweihe treu: „Ich trage Verantwortung für die Seelen bis zum Tag meines Todes.“ (13).

Church of St Mary the Virgin – von innen modern saniert

mit Lichtinstallationen

Kirche St.Mary the Virgin | ©.Striegel
Kirche St.Mary the Virgin | ©.Striegel
 

Der Wahrheit den Weg bahnen

Bald wurde Newman von Bischöfen und Universitäten vorgeworfen, er sei ein Verräter an seiner Kirche und missbrauche ihre Autorität und seine Stellung. Er habe ihre Untergrabung und Auflösung im Sinn. Der Bischof von Chester nannte die Oxford-Bewegung gar ein Werk des Satans. Newmans Antwort im berühmten (und letzten) Tract 90 lautete: „Nun gut, man grenze sich scharf und deutlich gegen die „römische Verderbnis“ und die päpstlichen Anmaßungen ab: Dann stünde es einem wohl frei, sich zu den alten Lehren zu bekennen.“ (14)

Umzug nach Littlemore - Ort der Einkehr

Die Veröffentlichung von Tract 90 im Februar 1841 hatte eine so große Debatte ausgelöst, dass Newman sich zurückziehen wollte. Er pachtete die „Cottages“ in Littlemore. Es handelte sich um ein Gebäude, das früher für die Unterbringung von Kutschen, die zwischen Oxford und Cambridge verkehrten, verwendet worden und mit einigen angrenzenden Häuschen verbunden war. Das frühere Stallgebäude war groß genug, um seine umfangreiche und wertvolle Bibliothek unterzubringen. Die Cottages konnten und sollten als „monastisches Haus“ dienen, für ihn und seine Freunde, für Studenten aus Oxford im Dienst der anglikanischen Kirche, die sein Leben für einen kürzeren oder längeren Zeitraum teilen wollten. Seine seelsorglichen Aufgaben in Littlemore konnte er nun verstärkt wahrnehmen. Er hatte jetzt wirklich ein Pfarrhaus.

Newmans Predigten in der Universitätskirche besaßen einen enormen Einfluss in Oxford und zogen große Menschenmengen an. 1842 veröffentlichte er seine Predigten an der Universität Oxford, in denen er seine Wahrheiten des Glaubens und der Vernunft dargelegt hatte und die von den sogenannten Rationalisten geleugnet wurden. Um zu seiner begründeten Sicht zu gelangen, übersetzte er für die Darstellung der Entwicklung und Fortsetzung der kirchlichen (Ur-)Lehre die Bibel selbst ins Englische für die wahre und legitime Fortsetzung der Urkirche.

Vielleicht traf der Vorwurf, die Verfasser der Tracts seien im Herzen längst katholisch, zu, auch wenn diverse Übertritte seiner Kollegen zur römischen Kirche schon vor Newmans eigener Konversion durchaus noch zu seinem Leidwesen stattfanden; doch stand er als „Verführer“ der Konvertiten da. Im Sommer 1843 hatte sich William Lockhart, einer der nächsten Freunde Newmans, die mit ihm sein halb-klösterliches Leben in Littlemore teilten, entschieden, in die katholische Kirche überzutreten.

Newmans Kirche: St Mary and St Nicholas Church

Kirche St Mary and St Nicholas, Littlemore
 

Zweifel – und Konversion

Die Überzeugung, dass die römische Kirche die Kirche des Altertums sei, begann in Newman mehr und mehr Gestalt anzunehmen. So wurde für ihn die römisch-katholische Kirchenlehre immer unwiderlegbarer und damit die Anerkennung des Katholizismus für sich als „Erlösung“.

Newman entschied sich, seine Stelle als Pfarrer von St. Mary the Virgin und konsequenterweise auch von Littlemore aufzugeben. Am 25. September 1843, dem Jahrestag der Kirchweihe in Littlemore, hielt er seine berühmte Abschiedspredigt „The Parting of Friends“. Im Oktober 1845 kündigte er sein Oriel-Stipendium.

Ein Besuch vom Missionar und Pater Dominic Barberi hatte zuvor die entscheidende Wendung gebracht. Bei ihrer kurzen Begegnung spürte Newman, dass dieser Mann von wahrer Heiligkeit erfüllt war. Er lebte die Armut; und er liebte es, den Armen zu dienen. Seit seiner ersten Bekehrung im Alter von 15 Jahren war Heiligkeit immer Newmans Ideal geblieben. Außerdem wussten Newman und seine Freunde in der Oxford-Bewegung, dass Heiligkeit eines der Kennzeichen der wahren Kirche ist.

Am neunten Oktober wurde John Henry Newman durch Pater Dominic Barberi in die Kirche von Rom aufgenommen.

In seinem Buch „Über die Entwicklung der Glaubenslehre“ (1845) zeigte Newman, wie wichtig es für die die Geschichte der katholischen Kirche ist, ihre Entwicklungen zu dikutieren, wahre anzunehmen und weiterzuentwickeln und falsche abzulehnen und abzustellen. Sensus fidei.

Für Johannes Paul II. war es Newmans "leidenschaftliche Betrachtung der Wahrheit", die es ihm ermöglichte, Jesus Christus als "das Licht im Herzen jeder Art von Dunkelheit" zu sehen, „ohne müde zu werden Gegenwart unseres unsterblichen Lebens, verborgen, aber immer für uns tätig. (15)

Kindly light (deutsche Übersetzung)

Du geh voran, o süßes Licht,

und führ mich aus der Nacht!
Fern von zu Haus ist es so dunkel hier,
geh du voran!
Gib du mir Halt, der Schimmer ferner Saat
verlockt mich nicht, ich bleib auf meinem Pfad.

So war ich früher nicht und bat Dich nie:
o leite mich!
Ich bahnte trotzig mir den Weg, doch sieh:
ich bitte Dich!
Ich prahlte furchtlos mit dem Glitter-Kleid
des Ruhms, o denke nicht der alten Zeit!

Hältst deine Hand Du über mich, so geht
mein Gang im Lot.
Durch Moor und Marsch und Fels und Flut, bis weht
das Morgenrot.
Und Engel lächeln mir am goldenen Tor,
der Kindheit Bilder, die ich einst verlor.

Den schmalen Pfad hast selber du gebahnt
durch Wahn und Graus.
Geleite, Retter, mich ein Kind, das Gott geahnt,
in Gottes Haus.
Auf dass ich nach dem erdendunklen Streben

in deinem stillen Licht darf ewig leben.

Oratorium in Birmingham | Gewissen

John Henry Newman wurde 1847 in Rom zum katholischen Priester geweiht. Seine anglikanischen Weihen hatten keine Gültigkeit. Denn die anglikanische Kirche, die Church of England, konnte keine gültigen Weihen vornehmen. So hatte es Leo XIII. in der Apostolicae curae von 1896 abschließend bestätigt.

Newman wählte den heiligen Philipp Neri zum Schutzpatron, den humorvollen, Armen und Kranken helfenden "Apostel von Rom" und Gründer des Oratoriums. Neri war aber auch Gegenreformator. 13 Päpste hatte er in seinem langen Leben (1515-1595) erlebt und so manchem davon ins Gewissen geredet.

John Henry Newman entschied sich, Oratorianer zu werden. Im selben Jahr seiner katholischen Priesterweihe gründete er Oratorien in Old Oscott, einem Stadtteil von Birmingham, und ein Jahr darauf in London. Dasjenige in London wurde dann von Frederick William Faber geleitet, der Mitglied der Oxford-Bewegung und zeitgleich konvertiert war. Im Oratorium des Heiligen Philipp Neri Birmingham, das einige Male innerhalb Birminghams umgezogen war, lebte er selbst.

Auch Newman sollte später (1875) einen Papst hart kritisieren. Er warf Papst Pius IX. vor, beim Ersten Vatikanischen Konzil – Newman hatte als Kardinal daran teilgenommen – das Dogma der päpstlichen Unfehlbarkeit erzwungen und nicht zur Gewissensfrage gemacht zu haben. Newman stellte die Unfehlbarkeit keineswegs in Frage, doch die von Pius gewünschte und erzwungene Dogmatisierung der Unfehlbarkeit sei ein Zeichen dafür, dass Gottes Reich in die Ferne rücke.

Veröffentlichungen – und Lehre | Glaube und Vernunft

1848 veröffentlichte Newman seinen Oxford-Roman Loss and Gain (Verlust und Gewinn); ein Protagonist bezeichnet die Messe als „keine bloße Wortform“, sondern als „die Evokation des Ewigen“, in der Jesus Christus „auf dem Altar gegenwärtig wird in Fleisch und Blut, vor denen Engel sich verneigen und Teufel zittern.“ (16)

Anknüpfend an den für ihn hohen Stellwert theologischer Bildung und seine Begeisterung für die Kirchenväter wurde Newman 1851 von den irischen Bischöfen mit der Gründung der ersten katholischen Universität in Dublin beauftragt. Er wurde bis 1857 deren erster Rektor. Dann musste er gehen. Weil er auch dort Laien in den Professorenstab aufnehmen wollte, kam es zu Spannungen mit den Bischöfen und zu Häresievorwürfen. George Talbot, Sekretär Pius IX‘., soll behauptet haben, Newman sei der „gefährlichste Mann Englands“.

1852 veröffentlichte John Henry Newman seine „Discourses on the Scope and Nature of University Education“, die Blaupause für seinen Klassiker „Die Idee einer Universität“ (1873).

Im Jahr 1859 äußerte er sich erneut zur Laienfrage, um auf Vorwürfe, diese seien mit Vorsicht zu behandeln, zu reagieren. Der Einsatz für die Laien hatte zuvor zum Streit und Zerwürfnis mit seinen Mitbrüdern des Oratoriums geführt.

1864 veröffentlichte John Henry Newman die Apologia pro vita sua, einer Art Verteidigung seiner religiösen Ansichten und Lebensrechtfertigung. Damit antwortete er vor allem auf Angriffe von Charles Kingsley, einem Freund Charles Darwins. Darwins „Entwicklung der Arten“, hatte Newman befunden, sei nicht notwendigerweise atheistisch: „on the contrary, it may simply be suggesting a larger idea of divine providence and skill“: Er betrachtete Darwin als Herausforderung der theologischen Intelligenz, einen anspruchsvolleren Gottes- und Schöpfungsbegriff zu formulieren, der hinter die wissenschaftliche Vernunft nicht zurückfällt. (17) Zu fortschrittlich? Zwischen Newman und Kingsley kam es zum Bruch.

1877 wurde John Henry Newman Ehrenmitglied seiner ehemaligen Universität in Oxford.

Als Leo XIII. 1878 zum Papst gewählt wurde, sagte Newman herausfordernd, dass man sein Pontifikat danach beurteilen solle, wen er zuerst zum Kardinal ernenne. Bereits in der Ankündigung zum ersten Konsistorium fiel sein eigener Name.  

Ohne vorher Bischof gewesen zu sein, wurde Newman 1879 zum Kardinaldiakon ernannt mit der Titeldiakonie San Giorgio in Velabro.

Eine Holztafel erinnert an Newmans Zeit im Oriel College

Eine Holztafel erinnert an Newmans Zeit im Oriel College | ©.Striegel
 

Ex umbris et imaginibus in veritatem

1890 starb John Henry Newman. Für seinen Grabstein hatte er folgenden Satz verfügt: Ex umbris et imaginibus in veritatem (Aus Schatten und Vorstellungen hinein in die Wahrheit). Am 19. September 2010 sprach Benedikt XVI. Newman in Birmingham selig. Am 13. Oktober 2019 sprach Papst Franziskus ihn in Rom heilig.

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Lasst sie geschmäht und zertrampelt werden?

Vernichtung ist das Gegenteil von Aufbau. Die Kernkompetenz eines Architekten ist das über das bloße Bauen hinausgehende Schaffen von Architektur, dem kulturellen Mehrwert. Auch dieser baut auf Wahrheitsgehalt auf. Auf nichts anderem.

Doch Vernichtung kann selbst Ziel des Handelns sein. Zerstörerische Energie: Wenn ein Kind ein Kartenhaus gebaut und dieses mit einem Schlag zerstört wird, wenn Bomben die über Jahrhunderte aufgebauten Städte zerstören. Freundschaft: Ein falsches Wort und alles ist hin?

Zerstörerische Energie scheint verführerisch. Doch ist sie tatsächlich wirksamer als schöpferische, positive, ausdauernde Energie? John Henry Newman hat uns eines Besseren belehrt.

Christine Striegel

Nachtrag:

John Henry Newmans Schriften beeinflussten die Mitglieder der Weißen Rose ihn ihrem Widerstand gegen das nationalsozialistische Regime: Der Newman-Übersetzer Theodor Haecker war ein wichtiger Mentor und Ideengeber der Gruppe.

(1) Gotteslob Bistum Fulda Nr. 8/2 (zur Kommunion)

(2) Günter Biemer, James Derek Holmes, John H. Newman, Leben als Ringen um die Wahrheit - Ein Newman Lesebuch, Matthias Grünewald-Verlag, 1984, S. 62

(3) Günter Biemer, James Derek Holmes, John H. Newman, Leben als Ringen um die Wahrheit - Ein Newman Lesebuch, Matthias Grünewald-Verlag, 1984, S. 19

(4) www.thecathwalk.de/2019/10/11/der-englische-katholik-john-henry-newman/

(5) O. Chadwick, From Bossuet to Newman, Cambridge 1957, p. 248

(6) vgl. Wolfgang Klausnitzer, John Henry Newman und die Laien in der Kirche, hochschule Heiligenkreuz/Laien/stift heiligenkreuz
(7) vgl. W.Ward, The Life of John Henry Newman, London 1913, Bd.II, p. 460

(8) www.thecathwalk.de/2019/10/11/der-englische-katholik-john-henry-newman/

(9) www.kath.net/news/69230

(10) Günter Biemer, James Derek Holmes, John H. Newman, Leben als Ringen um die Wahrheit - Ein Newman Lesebuch, Matthias Grünewald-Verlag, 1984, S. 84/85

(11) de.wikipedia.org/wiki/Sensus_fidei

(12) vgl. Charles Stephen DESSAIN (Hrsg.), The Letters and Diaries of John Henry Newman, I-XXXII, London/Oxford, Nelson/Clarendon Press, 1961-2007, Bd. II, 63, p. 357

(13) John Henry Newman, Autobiographical Writings, London 1955, p. 201

(14) www.die-tagespost.de/gesellschaft/feuilleton/John-Henry-Newman-und-die-Oxford-Bewegung;art310,76348

(15) Schreiben von Johannes Paul II. anlässlich des 200. Jahrestages der Geburt von John Henry Kardinal Newman, 2001 

(16) vgl. engl: Passion for Truth: The Life of John Henry Newman, Rev. Fr. Juan R. Velez, 2012

(17) www.nzz.ch/der_affe_im_baum_der_erkenntnis-1.2179335

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