Impulse | Fastenzeit 2019 | Pfarrgemeinde Herz Mariae

Die Verklärung Christi des Feofan Grek

Da rief eine Stimme aus der Wolke: Das ist mein auserwählter Sohn

» In jener Zeit nahm Jesus Petrus, Johannes und Jakobus beiseite und stieg mit ihnen auf einen Berg, um zu beten. Und während er betete, veränderte sich das Aussehen seines Gesichtes, und sein Gewand wurde leuchtend weiß. Und plötzlich redeten zwei Männer mit ihm. Es waren Mose und Elija; sie erschienen in strahlendem Licht und sprachen von seinem Ende, das sich in Jerusalem erfüllen sollte. Petrus und seine Begleiter aber waren eingeschlafen, wurden jedoch wach und sahen Jesus in strahlendem Licht und die zwei Männer, die bei ihm standen. Als die beiden sich von ihm trennen wollten, sagte Petrus zu Jesus: Meister, es ist gut, dass wir hier sind. Wir wollen drei Hütten bauen, eine für dich, eine für Mose und eine für Elija. Er wusste aber nicht, was er sagte. Während er noch redete, kam eine Wolke und warf ihren Schatten auf sie. Sie gerieten in die Wolke hinein und bekamen Angst. Da rief eine Stimme aus der Wolke: Das ist mein auserwählter Sohn, auf ihn sollt ihr hören. Als aber die Stimme erklang, war Jesus wieder allein. Die Jünger schwiegen jedoch über das, was sie gesehen hatten, und erzählten in jenen Tagen niemand davon. «

Lk 9, 28b-36

Die Verklärung Jesu

Evangelium zum Zweiten Fastensonntag

Theophanes der Grieche:

Verklärung Christi, Ende 14./Anfang 15.Jahrhundert

 

Kein Heiligenbild folgt in seiner Darstellung so streng einer bestimmten Tradition wie die Ikone. Insbesondere eine Ikone von der „Verklärung des Herrn“ bot einem Maler die Möglichkeit, eigentlich gar eher die Verpflichtung, das Typische „herauszuarbeiten“. Das bedeutete, ein Bild zu schaffen, das in hohem Maße Ehrfurcht erweckt durch die Herstellung einer existenziellen Verbindung zwischen dem Betrachter und Gott. Ziel war, die Gegenwart des Göttlichen erfahrbar zu machen.

Die Verklärung des Herrn wird am sechsten August gefeiert. Nach christlicher Tradition ereignete sie sich am 40. Tag vor der Kreuzigung Christi. Deshalb wird 40 Tage später, dem 14. September, der Kreuzerhöhung gedacht, d.h. Christen erinnern sich der Leiden Christi, speziell seiner Leiden am Kreuz. Als Vorbereitung für die Ostererfahrung wird Jahr für Jahr am Zweiten Fastensonntag der Österlichen Bußzeit abwechselnd einer der von drei Evangelisten geschriebenen Texte zum Thema gelesen. Damit wird zum einen daran gedacht, dass die Erfahrung den Jüngern helfen sollte, und damit auch uns helfen soll, das bevorstehende Leid Jesu zu verstehen und zu ertragen. Zum anderen wird auf die verwandelnde Wirkung der Taufe hingewiesen, die an Ostern gefeiert und mit der jährlichen Erneuerung der Taufversprechen bestärkt wird.

Ikonen, d.h. Kult- und Heiligenbilder, wurden überwiegend in den Ostkirchen, besonders in den orthodoxen Kirchen des byzantinischen Ritus verehrt. So wurde auch das Fest der “Verklärung des Herrn“ zunächst im Osten gefeiert, das für die dortigen Kirchen seit dem 6. Jahrhundert bis heute ein Hochfest ist. Bereits im vierten Jahrhundert ließ Helena, die Mutter Kaiser Konstantins des Großen, eine Kirche auf dem Berg Tabor in Galiläa errichten, wo sich das Wunder ereignet haben soll. Im Westen wurde das Fest erst im 15. Jahrhundert zu einem allgemeinen kirchlichen Feiertag erklärt. Westliche Ikonen zum Thema gibt es also nicht; produziert wurden Ikonen jedoch immer schon auch von und für nicht orthodoxe Christen.

Ikonenbilder sind über Perspektive, Farbgebung und Darstellung eine eigenständige Form der Malerei. Grundsätzliches stilistisches Gestaltungsmerkmal ist die perspektivische Zusammenfassung. Es gibt keinen Fluchtpunkt hinter dem Bild, der der natürlichen Wahrnehmung entspricht (und der ja auch erst in der Renaissancemalerei Ende des 15. Jahrhunderts korrekt konstruiert wurde). Stattdessen gibt es einen oder mehrere „falsche“ Fluchtpunkte, die vor dem Bild des Betrachters liegen. Dank dieser sogenannten „umgedrehten Perspektive“ weist ein solches Bild schon durch sich selbst in die Unendlichkeit: Das Irdische ist so dargestellt, dass es durchscheinend wirkt; auch so soll das Dargestellte auf das Göttliche und Unendliche hinweisen. - Die Frontalabbildung, die weiteres grundsätzliches stilistisches Gestaltungsmerkmal der Ikone ist, ergibt sich daraus und unterstreicht den Zweck, den Betrachter auf das Wesentliche zu konzentrieren.

Die abgebildete Ikone, mutmaßlich aus dem Jahr 1403, stammt von Theophanes dem Griechen (auch Feofan Grek, * um 1340 † um 1410). Sie befindet sich in der Staatlichen Tretjakow-Galerie in Moskau. Theophanes hatte den spätbyzantinischen, und seinen persönlichen, virtuosen Stil nach Russland gebracht.

Ergänzend zum Matthäus- und Markus- Evangelium betont das Lukas-Evangelium, dass sich die "Verklärung"  ereignete, als Jesus gerade betete, so wie sich schon zu seiner Taufe der Himmel beim Beten zu ihm geöffnet hatte. Verklärung bedeutet, dass etwas für einen Augenblick klar wird, sichtbar wird, etwas das sonst im Dunkel liegt.

Jesus war mit seinen drei "Lieblingsjüngern" auf den Berg Tabor gestiegen, und sie waren eingeschlafen. Als sie erwachten, wurde Jeus "verklärt"; er erschien als überirdische Lichterscheinung, flankiert von den vom Himmel gesandten Propheten Mose und Elija, Hinweis auf Jesu Sendung und die anstehenden Geschehnisse in Jerusalem.

Die „Verklärung des Herrn“ beschreibt die Gottesherkunft Jesu. Es geht um Gotteserkenntnis, weil Jesus sich offenbart. Wie bei der Taufe Jesu tritt der dreifaltige Gott hervor.

Auf dem Bild ist die Farbe des Gewandes des verklärten Erlösers Jesus Christus weiß und mit einem goldenem Schimmer versehen. Die Verklärung, und das ist Aufgabe und Herausforderung dieses Themas, wird zum Leuchten gebracht. Die stilistische Technik des Theophanes galt als revolutionär und meisterhaft für die damalige Zeit. Grund und Ursprung dafür ist zudem, dass Theophanes dem Hesychasmus verbunden war. Dies bedeutet die Ausrichtung, kontemplativ, durch innere Ruhe zur Spiritualität zu finden. Die Erfahrung des Lichtes sollte helfen, die Gnade des Heiligen Geistes zu spüren, um Gott näher zu kommen. Die Sichtbarmachung des so genannten "Taborlichtes", das mit diesem Licht gleichgesetzt wurde, spielte folglich für Theophanes eine entscheidende Rolle.

Die Ikone zeigt weiter, wie die Jünger Petrus, Johannes und Jakobus den Abhang des Berges hinabzustürzen scheinen. Sie sind gefallen, offenbar erschrocken und geblendet vom überwältigenden Geschehen. Ihre Gewänder weisen Lichtreflexionen - auch hier ist das Licht wichtig - auf. Alle drei führen jeweils eine Hand vor ihr Gesicht; denn ihre Augen werden gezielt von blauen, dünnen, scharfen Lichtstrahlen, von der linken Hand Jesu ausgehend, getroffen. Petrus, ganz links, typisch mit weißem Bart dargestellt, scheint als einziger "seinem" Lichtstrahl stand zu halten. Dies kann als Hinweis auf das Geschehen um seinen besonderen Auftrag zu verstehen sein, der zu einem anderen Zeitpunkt von Jesus an ihn ergeht. Doch er ist "übereifrig", will er doch gleich sprechen und sogar drei Hütten bauen für Jesus, Mose und Elija. Gekleidet ist er in orange, mit blauem Untergewand.

In der Mitte, seiner besonderen Nähe zu Jesus gemäß, ist Johannes zu sehen, entsprechend gekleidet mit viel blauem Glanz und rot-bräunlichem Übergewand. Zu erkennen ist er auch an seiner Jugendlich- und damit Bartlosigkeit, die für seine Reinheit steht. Er stützt sich mit dem rechten Arm auf. Der Zeigefinger ist ausgestreckt: "Siehe da!".

Ganz rechts unten im Bild befindet sich folglich Jakobus; er ist ebenfalls geblendet. Gekleidet ist er in Rot. Er scheint aus dem Bild hinausfallen zu wollen; doch seine rechte Hand findet Halt am gemalten, braunen Bildrahmen, der die Ikone umfasst.

Denn die Drei werden ja zurückgehalten werden von der Stimme Gottes, die dann aus der Wolke erklingt: "Das ist mein auserwählter Sohn, auf ihn sollt ihr hören."

Oben, auf dem Berggipfel, steht Jesus zentral in der Mitte. Der Berg ist grün gehalten, was in der östlichen Ikonograhie für den lebensspendenden Geist Gottes steht. 

Elija steht für den Betrachter links und Mose rechts von Jesus. Sie befinden sich ebenfalls, jeweils auf Berggipfeln, doch diese sind rotbraun. Beide neigen sich Jesus zu, entsprechend der Rundung der leuchtenden Aureole, von der Jesus umgeben ist. 

Elija trägt ein gelb-leuchtendes Obergewand über seiner weiß-bläulichen Tunika. Haupt-und Barthaar sind lang. Seine rechte, ausgestreckte Hand unterstreicht, dass er und Mose sich im Gespräch befinden mit Jesus über das Anstehende, das sich in Jerusalem erfüllen soll. Mose, mit dunklem kurzen Haar und Bart, trägt über seiner ähnlich gefärbten Tunika ein rotes Obergewand. Dem entsprechend, dass er auf dem Berg Sinai die Gesetzestafeln erhielt (vgl. Ex 20,1-21), hält er das Gesetzbuch des Alten Bundes in den Händen. Eine Zustimmung zur göttlichen Trinität.

Der mittlere Gipfel zeigt zwei Höhlenöffnungen. Sie sind Eingänge, bzw. Ausgänge der Szene entsprechend, von Grabhöhlen. Daneben steht jeweils ein Baum - die Versinnbildlichung des (ewigen) Lebens. Es sind nur zwei und nicht drei Gräber; denn der Prophet Elija war zuvor direkt in den Himmel entrückt worden (vgl. 2 Kön 2,11; Sir 48,9).

Unterhalb der beiden "Nebengipfel", sind in zwei Nebenszenen einmal der Aufstieg Jesu mit seinen Jüngern auf den Berg Tabor dargestellt, und, auf der rechten Seite, der Abstieg. Jesus ist jeweils mit einem Nimbus versehen; er ist in Rot, als Mensch und in Blau -  dies steht für das Göttliche - gekleidet. Jesus weist jeweils mit seiner rechten Hand den Weg.

Das Bild lässt sich in einen göttlichen Bereich oben und einen menschlichen unten unterteilen. Dafür steht das Licht des dreifaltigen Gotts, dass seinen weiteren Ausdruck darin findet, das in dreifach gezackten Strahlen nach oben und nach unten weist. In der mittigen Spitze nach oben befindet sich das Haupt Jesu. Sein Nimbus schließt tangential mit dem äußeren von den beiden Lichtkreisen ab, die ihn umgeben. Sie sind nicht konzentrisch, sondern leicht exzentrisch. Dies drückt Bewegung aus. Der Kern, vor dem der strahlende Jesus erscheint, ist dunkel, was die Freisetzung der göttlichen Energie zudem betont. Von seiner Mitte, der nun die Hand Jesu mit einer Schriftrolle darin bildet, gehen gelbe Strahlen aus. Auch sie verlassen den Rand der Lichtkreise nicht. Das Evangelium soll nicht erkennen machen, sondern erkennen lassen.

Geleitet wurden die Propheten offenbar zuvor, so sind sie in zwei kleinen Himmelsausschnitten rechts und links oben im Bild einzeln dargestellt und jeweils nimbiert, durch ebenfalls nimbierte Engel.

So lässt sich ein dritter Kreis auch eher denken, der die Jesus zugeneigten Gestalten Mose und Elija umfasst. - Durch diese „Statik“ entsteht Ruhe; im unteren Teil des Bildes dagegen herrscht die bewegte Dynamik der drei Jünger vor, ihre Erschütterung, auch Freude.

Die Kreise um Jesus (der Kreis ist eine geometrische Idealfigur) stellen das absolute Universum dar, die göttliche Schöpfung. So passt es auch, dass dem äußeren Kreis ein Fünfeck (Mose – Jesus – Elija – drei Jünger) einbeschrieben ist. Auch das Fünfeck, ohnehin Gestaltungsmerkmal bzw. Planungsprinzip von Ikonen des 10. bis 14. Jahrhunderts, gilt als geometrische Idealfigur. Aus dem Fünfeck leitet sich der „Goldene Schnitt“ ab, das ideale Maßverhältnis, nach dem das Verhältnis des Ganzen zu seinem größeren Teil dem Verhältnis des größeren zum kleineren Teil entspricht. Er findet sich in der Natur vielfach wieder und wurde bzw. wird zu allen Zeiten als Grundprinzip von Schönheit entdeckt und in Kunst und Architektur verwendet. Im Bild bezeichnet das Pentagramm die "lichte Wolke", als Zeichen für den Heiligen Geist, das göttliche Leben.

Diese Geometrie unterstreicht meisterhaft das Gesetzmäßige des Ereignisses. Tod (Mose starb, bevor er das Gelobte Land erreichte) und Leben (Elija fuhr lebendig in den Himmel auf) gehören zusammen und stehen für die Heilsgeschichte – Altes und Neues Testament gehören auch hierdurch zusammen. Dies erkennen die Jünger. Im Markus-Evangelium (Evangelium des vorausgehenden Jahres) erkennen sie auch die Schönheit: "Und er wurde vor ihren Augen verwandelt" (Mk 9,2), und „seine Kleider wurden strahlendweiß“ (Mk 9,3). Ihre Augen öffnen sich für einen Augenblick und sehen, was ihnen sonst verborgen ist, nämlich das Göttliche im Antlitz des Menschensohnes Jesus, und dass der Mensch Anteil daran hat, weil er nach dem „Bild Gottes“ (Gen 1,26-28) geschaffen wurde.

Die Harmonie des Bildes spiegelt nicht nur die innige Verbundenheit mit dem dreifaltigen Gott wider, sondern drückt, ewig gültig, die Sehnsucht jenseits aller Erkenntnis aus: Dies ist das ideale Ziel einer Ikone und ganz besonders dieser Ikone der Verklärung Christi.

Christine Striegel | 15.03.2019

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