Impulse zur Fastenzeit | Pfarrgemeinde Herz Mariae - und darüber hinaus...

Das Leben finden

Predigt zum 4. Fastensonntag in der Elisabethkirche (Dekanatsmesse) zum Hungertuch

31.03.2019

Hungertuch 2019/20 © Uwe Appelt
 

„Das Leben finden“ ist die Überschrift für den heutigen Gottesdienst! „Das Leben finden“ mit Hilfe der Betrachtung der biblischen Texte des heutigen Sonntags und in der Betrachtung des  Hungertuches von Misereor, das hier in dieser Kirche aufgehängt wurde und uns thematisch seit dem 1. Fastensonntag immer mit einem neuen Aspekt durch die Fastenzeit begleitet.

 

Für die, die zum ersten Mal sehen, in aller Kürze eine kleine Hinführung:

·          Dominant ist die Farbe BLAU!

·          Gleichzeitig wird unser Blick auf den goldenen Ring gelenkt, der über der Erde schwebt.

·          Er die optische Mitte des Bildes und ist Symbol für den Kern unseres Glaubens: die Zusage Gottes, dass seine Liebe allen Geschöpfen gilt!

·          In der Mitte des Kreises ist ein Haus zu sehen, durch Erde aus dem Garten Gethsemane gestaltet.

·          Dieses Haus ist durch den Boden, eine Wand und ein Dach fest geformt und gleichzeitig auf der einen Seite offen gehalten! Es ist unfertig!

·          Beim genauen Hinsehen stutzt man: Ring und Haus bilden nicht die Mitte des Bildes, sie sind leicht nach links verschoben, ver-rückt: die Harmonie zwischen Menschen und Gott und Natur ist auf dieser Welt gestört!

 

Störung oder Harmonie? Welche Rolle spiele ich?

 

Heute darf ich unseren Blick auch im Bezug auf das Evangelium vom sogenannten „verlorenen Sohn“, der das Leben finden wollte, auf die rot-blau bekleidete Gestalt ganz rechts unten lenken…

 


Das heutige Evangelium ist wohl eines der bekanntesten Gleichnisse aus dem Munde Jesu! Es erzählt von: Aufbruch und Scheitern, Loslassen, Verschwendung, aber auch von Umkehr, Sehnsucht nach zu Hause, Verzeihung, Barmherzigkeit, aber auch von Neid und Eifersucht.

 

Da ist der jüngere Sohn mit verrücken Ideen und Abenteuerlust. Er zieht hinaus in die Welt! Er will das Leben finden!

 

Der jüngere Sohn lässt mich an die kleine rot-blaue Gestalt auf dem Hungertuch denken!

 

Schauen Sie hin:

Auf der großen blauen Fläche ist rechts unten

…blau und rot…

…es sieht aus wie eine Figur.

…in dem Bereich ist eine Stange aus Metall.

…die Stange sieht aus wie die Arme von der Figur.

 

Es ist eine Gestalt, wie ein Mensch, dessen Gewand das Blau und Rot des Bildes aufgenommen hat!

 

Dieser Mensch wendet sich auf den ersten Blick von der Mitte weg, geht scheinbar aus dem Bild hinaus-wie der jüngere Sohn im heutigen Evangelium. Er geht fort. Der jüngere Sohn verlässt den Vater. Der Mensch im Bild verlässt die Mitte, geht scheinbar weg von dem Kreis!

 

Verlässt dieser Mensch auf dem Tuch aber wirklich die Mitte, ist ihm die Erde, die Mitte, die Harmonie dieser Welt wirklich egal?

 

Ich kann die Gestalt so deuten, aber ich kann gleichzeitig etwas anderes wahrnehmen:

 

Wenn Sie noch einmal genauer hinschauen, sehen sie vielleicht, dass ein Schatten die Figur umgibt. Einen Schatten empfinden wir normalerweise als Dunkel, hier kommt das Licht ja gerade nicht hin!

 

Der jüngere Sohn entdeckt im Lauf der Geschichte seine Schatten: Er ist pleite, hat alles verprasst, hat seine Familie und Geborgenheit aufgegeben, Seine angeblichen Freunde waren nur solange seine Freunde wie er Geld hatte! Nun sitzt er im Elend!

 

Not und Hunger überschwemmen ihn, bis hin zum Verlust seiner Würde.

 

Was aber tut er?

 

Er nimmt diese Herausforderung an und eine bisher unbekannte Wahrheit zeigt sich ihm:

 

Er denkt an seinen Vater! Er findet sein Leben in der Liebe seines Vaters! Ein Licht geht ihm auf!

 

Auch dies können wir in dem Bild entdecken:

 

Schauen Sie bitte noch einmal auf den Schatten!

 

Wenn Sie genau hinschauen entdecken Sie, dass dieser Schatten ganz leicht vom Licht berührt wird, es ist ein Licht-gewordener Schatten. In diesem Licht macht sich die Figur, der Mensch auf den Weg in die Welt hinein. Das Blau und das Rot werden auf einmal zu Farben des  Lebens und führen vom Innehalten zum Handeln!

 

 

Im Evangelium kommt es auch zu einer Bewegung, zu einem Aufbruch: Der jüngere Sohn trifft eine Entscheidung und kehrt um. Er möchte wieder am gemeinsamen Haus des Vaters mit bauen! Dort findet er das Leben!

 

Wo bin ich?

 

Oder besser gefragt, in welcher Bewegung befinde ich mich?

Wie und Wo möchte ich das Leben finden?

Möchte ich das überhaupt?

Über das Leben nachdenken?

Mein Leben?

Das Leben der anderen?

Das Leben dieses Planeten?

 

Befinde ich mich in der Bewegung, die weg von der Mitte, weg vom Leben führt?

·          weg von Gott?

·          weg von der Zukunft der Erde, weil sie mir egal ist?

·          weg von den Menschen, weil sie mir egal sind?

·          weg von der Mitte, der Mitte und dem Haus den Rücken zeigend?

 

Oder halte ich inne, weil mir die Mitte und das gemeinsame Haus, das auf mein Mittun wartet und das Leben in seinen vielen Dimensionen eben doch nicht egal sind?

·          Habe ich den Mut, meine Lebensfragen zu stellen und mich von ihnen in Bewegung bringen zu lassen-weg aus einer festen Spur, für die Zukunft dieser Welt, immer tiefer zu Gott?

·          Halte ich inne, vom Licht und Leben berührt?

·          Erhebe ich meine Arme, um zu handeln, um am gemeinsamen Haus mit zubauen, damit alle leben können?

Sich solchen Fragen zu stellen und Antworten zu finden, die zum Leben führen, das braucht Kraft!

 

Woher kann ich mir immer wieder die Kraft holen, mich um das gemeinsame Haus, um unsere Welt zu kümmern?

 

Schauen Sie bitte noch einmal auf das Tuch!

 

Weiter rechts ist ein IX eingekerbt-es sind die griechischen Buchstaben für den Namen Jesus Christus!

 

Das lichte Christuszeichen möchte uns die Richtung zu der Quelle weisen, die unseren Blick für die Menschen und unsre Welt sensibel machen möchte!

 

Diesen Blick kann ich einüben, im Betrachten des Hungertuches, im Gebet, in der Betrachtung der Evangelien, im „Einswerden“ mit Jesus Christus und auch durch Mit-Feier dieses Gottesdienstes!

 

Wir feiern Gottesdienst, und zunächst einmal den Dienst Gottes an uns! Gott blickt uns mit seinem Gesicht und seinem Blick an! Das ist auch der Blick des Schöpfers, der diese „Welt mit all seinen Kräften ins Dasein gerufen und sie dem Wechsel der Zeiten unterworfen hat“, wie es in der Einleitung zum Hochgebet heißt.

 

Dieser Blick möchte dann unseren eigenen Blick auf die Welt, unser politisches Denken und Handeln, unseren Einsatz für das Leben prägen! Denn uns hat Gott diese Erde übergeben, um verantwortungsvoll über sie zu „herrschen“, damit alle leben können.

 

Der schon vor einigen Jahren verstorbene Bischof von Aachen Klaus Hemmerle hat einmal den Menschen seines Bistums Osteraugen gewünscht. Er hat ihnen gewünscht, dass sie sich von den Augen des auferstanden Jesus anschauen lassen, diesen Blick aufnehmen und dann selbst diese Welt mit österlichen Augen-mit Osteraugen- letztlich aus der Perspektive des auferstanden Jesus und in seinen Absichten und seiner Gesinnung anschauen.

 

Ein österlicher Wunsch und doch auch ein Wunsch hinein auf dem weiteren Weg durch die Fastenzeit auf Ostern zu. Denn die Fastenzeit hat ein Ziel: Sie möchte, dass wir aus ihr anderes, ich sage „jesusähnlicher“, herausgehen als wir am Aschermittwoch hinein gegangen sind.

 

Wörtlich schrieb er u.a. folgendes:


„Ich wünsche uns Osteraugen,

die im Tod bis zum Leben sehen,

in der Schuld bis zur Vergebung,

in der Trennung bis zur Einheit,

in den Wunden bis zur Heilung.

Ich wünsche uns Osteraugen,

die im Menschen bis zu Gott,

in Gott bis zum Menschen,

im ICH bis zum DU

zu sehen vermögen.

Und dazu wünsche ich uns

alle österliche Kraft und Frieden,

Licht, Hoffnung und Glauben,

dass das Leben stärker ist als der Tod“

 

Solch ein Blick ist eine Möglichkeit, dass diese Welt hoffentlich ein schönes Gesicht bekommt und zu ihrer Mitte und zu einem Leben (!) in Harmonie findet!

Pfarrer Mario Kawollek

Katholische Kirchengemeinde

Herz Mariae | Kassel


Ahnatalstraße 29 

34128 Kassel


 




Telefon: 0561 | 61524

Telefax: 0561 | 6026895 


 

Pfarrbüro | Öffnungszeiten


Montag, Mittwoch, Freitag:
9:30 - 12:00 Uhr
Dienstag, Donnerstag:
15:00 - 18:00 Uhr

 


© Herz Mariae | Kassel

 

Katholische Kirchengemeinde Herz Mariae 

Ahnatalstraße 29  

34128 Kassel




Telefon: 0561 | 61524
Telefax: 0561 | 6026895 



© Herz Mariae | Kassel