Impulse | Pfarrgemeinde Herz Mariae

Globale Verantwortung für globales Handeln

Kasseler Bürgerpreis "DAS GLAS DER VERNUNFT"

in diesem Jahr an Saúl Luciano Lliuya

Für seinen Mut, die globale Dimension individueller, politischer und ökonomischer Handlungsweisen mit den Mitteln des Rechts und der Verantwortung auszuhandeln, ist der peruanische Landwirt Saúl Luciano Lliuya am Sonntag, dem 23. September, ausgezeichnet worden. Die Verleihung des Kasseler Bürgerpreis „Glas der Vernunft“ fand im Kasseler Staatstheater statt.

Die Veranstaltung wurde musikalisch umrahmt vom in Kassel lebenden argentinischen Gitarristen Diego Jascalevich.

Laudatorin Claudia Kempfert, Leiterin der Abteilung Energie, Verkehr und Umwelt am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung und Professorin für Energieökonomie und Nachhaltigkeit an der Hertie School of Governance in Berlin, zog einen Vergleich zum Wahlkampf Willy Brandts im Jahr 1961, als dieser forderte, dass der Himmel über dem Ruhrgebiet wieder blau werden müsse. Normal eigentlich. Einen Normalzustand anzustreben, sei also "vernünftig". Ein einfacher Landwirt mache vor, wie es gehe, das Normal-Vernünftige umzusetzen. Ausgerechnet jemand, der sein Haus nicht länger als einen Tag verlassen könne, weil er eine Ziege zu versorgen habe, zeige auf, dass der Himmel über seiner Heimatstadt Huaraz, im südamerikanischen Anden-Staat Peru gelegen, derselbe sei wie über dem Ruhrgebiet. Ihre Rede beschloss sie später damit, dass das Glas der Vernunft eben ein Fernglas der Vernunft sei.

Huaraz liegt auf 3000 Metern am Palcacocha See, inmitten der „Cordillera Blanca“, eines noch weißen Gebirges, dessen Schnee und Eis als Folge der Klimaerwärmung verstärkt abschmelzen, so dass der See überlaufen und eine Flutkatastrophe herbeirufen könnte.

Lliuya hat den deutschen Energiekonzern RWE zivilrechtlich verklagt und fordert nichts anderes als eine Beteiligung an den Kosten von Schutzmaßnahmen, um seinen Besitz vor der drohenden Überflutung durch den Gletschersee zu sichern. Er zeigt damit auf, dass lokale Handlungen weltweit Klimaveränderungen verursachen. Der Ausstoß aus den Kraftwerken trage zur Erwärmung der Erdatmosphäre und damit zum Schmelzen des „ewigen Eises“ der Anden und zum Anstieg des Wasserspiegels bei. Für einen einfachen Landwirt, und insbesondere für die in Entwicklungsländern lebenden Menschen, stellt die Beantwortung der Frage nach der Verantwortungssituation über die Zukunft der Welt eine echte Existenzfrage dar.

Während unser ökologischer Fußabduck die 100%-Marke bei weitem übersteige, also negativ sei, so Kempfert, läge dieser in der Heimat Lliuyas bei weniger als einem Drittel dieser Zahl, weit positiv. Wie ungerecht, dass gerade eine solche Gegend für die ökologische Misswirtschaft anderer büßen müsse.

Die Vergabe des Bürgerpreises an Lliuya begründet sich darin, dass er mit seiner Initiative mit demokratischen Mitteln einen Zusammenhang herstelle zwischen klimarelevanten Produktionsweisen in Industrienationen und deren Auswirkungen auf Tausende von Kilometern entfernt liegende Regionen. So appelliere er nicht nur für sich, sondern für 50.000 in seiner Heimat ebenfalls bedrohte Menschen an ein weltweit orientiertes Verantwortungsbewusstsein. Der Preisträger stelle die Folgen des Klimawandels in individuelle Verantwortung.

In seiner Festrede hatte zuvor Professor Dr. Hans Joachim Schellnhuber, Physiker und Experte für Klimafolgenforschung und Erdsystemanalyse, eindringlich die Folgen des Klimawandels dargestellt. Anhand von Daten zur Erderwärmung und CO2 -Entwicklung erläuterte er, dass die durch die globale Umweltzerstörung eingeleiteten Prozesse nicht mehr reversibel seien. Auf Fernsicht trete durch den Klimawandel nicht einmal mehr die nächste für eigentlich in ca. 50.000 Jahren prognostizierte Eiszeit ein.

Praktisch heißt das für Schellnhuber, so schnell wie möglich aus den fossilen Brennstoffen auszusteigen, allen voran aus der Braunkohle. Den CO2-Ausstoß in jedem Jahrzehnt zu halbieren, sei unabdingbar.

Professor Dr. Hans Joachim Schellnhuber ist Mitglied der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften und hat an der viel beachteten Umweltenzyklika „Laudato si“ mitgewirkt, die er 2015 im Vatikan vorstellte. Darin macht sich Papst Franziskus für eine nachhaltige Politik stark. In seiner Festrede betonte Schellnhuber, dass niemand anders als die katholische Kirche den stärksten Verbündeten im Kampf für den Klimaschutz darstelle.

Viele Regionen würden unbewohnbar, wenn weiterhin Emissionen in bisherigem Umfang ausgestoßen werden. „Das Spiel mit der Schöpfung“ nennt der bekennende Agnostiker „frivol“. Der Ausstieg aus der fossilen Wirtschaft müsse bis zur Jahrhundertmitte gelingen.

Für Schellnhuber hat die Umweltenzyklika des Papstes großes Gewicht. Sie sei ein Jahrhundertwerk und absolut lesenswert, besitze gar „große poetische Kraft“, wie er in einem Interview im Juli 2015 der Reporterin Andrea Huber empfahl. (1)

Mit dem Papst ist er auch auf einer Linie, weil für den in einer protestantischen Familie im Landkreis Passau aufgewachsenen Forscher ökologische Nachhaltigkeit und die Frage der sozialen Gerechtigkeit zusammengehören. – Gerade Entwicklungs- und Schwellenländer müssten auf erneuerbare Energien setzen, um unabhängig zu werden.

Weil Papst Franziskus die existenzielle Bedeutung des Klimawandels erkannt habe, nennt Schellnhuber ihn eine Lichtgestalt, „Franziskus hat freundliche Augen, man sieht ihm an, dass er die Menschen liebt“. (2)

„Es ist an der Zeit, dass sich nicht nur die Forschung und die Politik, sondern auch die Zivilgesellschaft dieser globalen Probleme, die die Schöpfung bedrohen, annimmt. Saúl Luciano Lliuya hat uns dazu von außen Entwicklungshilfe geleistet“, dankte Professor Schellnhuber dem Preisträger.

Kein juristisch unbezwingbarer Gipfel, sondern ein Stück Rechtsgeschichte, würdigte Claudia Kempfert Lliuya. "Sie sind ein David, der den Mut hat, gegen Goliath anzutreten; Sie übernehmen Verantwortung nicht nur für Ihr individuelles Leben, sondern auch Verantwortung für ihr Heimatdorf, für ihre Heimatstadt Huaraz, für ihre Heimat-Region, die peruanischen Anden, und – ja, kleiner geht’s nicht – für den ganzen Planeten.“ Der Prozess, den Saúl Luciano Lliuya in Deutschland angestoßen habe, sei möglicherweise der Tropfen, der das fossile Fass zum Überlaufen bringen werde – „und zwar hoffentlich noch, bevor der Gletscher-Abbruch in Ihren See stürzt! Er ist ein Signal der Hoffnung für eine Welt, in der nachhaltiges Wirtschaften zum Erfolgsmodell wird."

Lliuya war mit seiner Ehefrau und seinem Vater zur Preisverleihung angereist und nahm den Preis tief geehrt entgegen: „Ich widme den Preis den Familien, die in den Bergen leben. Sie alle verdienen den Preis“.

Der Applaus war groß; es gab stehende Ovationen, doch es bleiben Fragen offen. Auffällig war, dass die aktuellen Geschehnisse um die drohende Abholzung des Hambacher Forstes in den Festreden keinerlei Erwähnung fanden; ist doch ein Wald, der fallen muss, das Sinnbild schlechthin für den Braunkohleabbau. Denn dieser trägt zweifellos wesentlich zur Freisetzung des Klimagases CO2 bei. Genau derjenige Energiekonzern, den Lliuya beispielhaft verantwortlich macht, nämlich RWE, steht konkret auch hinter diesem umweltschädlichen Vorhaben.

Dass die Kohle laut aktueller Studie vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung, an der auch Claudia Kemfert mitgewirkt hat, unter dem Hambacher Forst gar nicht benötigt wird, hätte erzählt werden können. Demnach ist die Versorgungssicherheit im deutschen und europäischen Stromsystem sogar bei einem beschleunigten Kohleausstieg weiterhin gewährleistet. Die Artenvielfalt des ohnehin nur noch schmalen, übrig gebliebenen Waldstückes, eines Teils der wenigen ältesten Wälder in Mitteleuropa, bliebe bewahrt.

Es war Schellnhuber, der kürzlich der „Berliner Zeitung“ sagte, dass seine Hoffnung geschwunden sei, dass Politiker auf die Klimabedrohung angemessen reagieren können. Die lineare Erzählung, wonach Politiker einfach den Expertenempfehlungen folgen können, funktioniere nicht. Doch auch, wenn für „ganz viele bunte, chaotische, nichtlineare Dinge“ in der Gesellschaft immer wieder Hoffnung sind wie etwa „fulminante technische Entwicklungen bei den erneuerbaren Energien, … das Abziehen des Kapitals aus den fossilen Brennstoffen“, oder eben die „Proteste gegen die unverantwortliche Weiternutzung der Kohle“, wird einem angesichts dieser Veranstaltung bewusst, dass man, ob in der Wirtschaft, in der (Kommunnal-)Politik oder auch privat noch sehr verwoben ist mit der Klimapolitik fossiler Brennstoffe. Der Ausstieg geht nicht schnell genug, Kommunen sind noch nicht genug von dem ein oder anderen Energiekonzern abgetrennt. Für RWE, das Unternehmen, das die Braunkohle unter dem Wald abbaggern will, gilt das ganz bestimmt. So war die Stadt Bochum beispielsweise über Jahrzehnte einer der größten Aktienbesitzer des Energieunternehmens, das viel Geld mit Braunkohle verdient hat.

Seit dem dritten September brennt in meiner Heimat, dem Emsland, das Moor. Das Feuer wurde bei Raketentests der Bundeswehr verursacht. Hatte man während der vermutlich ebenfalls dem Klimawandel zu verdankenden, heißen Dürre nichts besseres zu tun, als Raketen zu zünden? Zum Beispiel im Katastrophenschutz? Durch den Brand wird auch hier klimaschädliches CO2 in enormen Mengen freigesetzt. Die Moorflächen werden Jahrzehnte zur Regeneration brauchen; denn nicht nur die Vegetation, sondern auch der Torf ist betroffen.

Wie häufig habe ich mit unseren Kindern sonntags früh, zum Sonnenaufgang, das Moor erkundet, um ihnen die Vielfalt und Sensibilität dieses Teils der Natur vor Augen zu führen. Das Wildfleisch, das wir essen, stammt häufig aus ebendiesem Moor; wir wissen, dass solche Tiere gut gelebt haben. Hin und wieder sieht man noch Loren -; doch abgebaut wird Torf, um zu Dünger verarbeitet zu werden, heutzutage meist in Russland. Ein Teil des verbliebenen heimischen Restes – brennt.

Der bewohnte Boden meiner Heimat ist urbar gemachtes Moor. Dies wurde uns damals und den Kindern heute in der Grundschule in der „Heimatkunde“ vermittelt. Wertvoller Boden: Dies schafft Respekt vor der Schöpfung.

Im Nachklang der Veranstaltung verbleibt ein gewisses Kopfschütteln. Mit der Auswahl der Preisträger stellt man jedes Jahr Vorbilder vor, wie Saúl Luciano Lliuya ein großartiges ist. Vorbildern möchte man folgen wollen und können. In diesem Fall sieht man ganz besonders, wie schwer es ist, für sich und für andere.

David gegen Goliath. Der von Michelangelo Buonarotti geschaffene vier Meter hohe David – 1504 als Symbol der Republik vor dem Palazzo della Signoria in Florenz aufgestellt - ist die einzige Darstellung des tapferen David, nicht nach dem, sondern vor dem Wurf mit der Steinschleuder. 1527 schlug man im Protest gegen die Medici-Tyrannei ausgerechnet dem David den Arm ab; 1543 wurde er wieder hergestellt. Davids Gesichtsausdruck ist skeptisch. Seine Wurfhand ist groß…

 

"Es gibt viel zu tun – Packen wir`s an." - Kaum zu glauben, dass dieser Werbe-Slogan noch in den 1980er Jahren in heroischer Manier für den Mineralölkonzern ESSO stand, der fossile Brennstoffe in großem Stil abbaute.

Es gibt viel zu tun – denken wir nach und packen anders an!

Christine Striegel

(1) Berliner Morgenpost | 19.07.2015

(2) Berliner Morgenpost | 19.07.2015

Der Kasseler Bürgerpreis „Das Glas der Vernunft“ wurde im Jahr 1990 von Kasseler Bürgerinnen und Bürgern als eine Auszeichnung gestiftet, mit der Personen oder Institutionen geehrt werden, die sich in besonderer Weise um die Maximen der Aufklärung verdient gemacht haben. 

Das Glas der Vernunft symbolisiert unsere auf Vernunft, Toleranz und Transparenz gegründete Gesellschaft, zugleich aber auch ihre Zerbrechlichkeit. In unserer immer enger werdenden Welt sind Freiheit des Geistes, Überwindung ideologischer Schranken, Demokratie und Toleranz gegenüber Andersdenkenden Voraussetzungen für eine liberale und soziale Gesellschaftsordnung, welche Freiheit, Menschlichkeit und Frieden verteidigt und damit eine diesen Idealen entsprechende Zukunft sichert.

Der Preis besteht aus einer von dem Kasseler Kunstprofessor Karl Oskar Blase entworfenen Skulptur mit einem Prisma, dem analytischen Glas der Aufklärung, und einem Geldpreis in Höhe von 10.000 Euro.

Das Glas der Vernunft | Skulptur mit Prisma
 

Sie können dem Verein "Glas der Vernunft" gerne beitreten. 

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