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Glas der Vernunft

Danke! - Kasseler Bürgerpreis an „Ärzte ohne Grenzen“ am 1. Oktober 2017

"Glas der Vernunft" Diesmal: Wirklich nur eine Sache der Vernunft – oder auch eine Sache des Glaubens? Religiöse Interessen spielen zwar offiziell keine Rolle, aber christliche Werte bilden laut Dr. Volker Westerbarkey das entscheidende Fundament, nämlich das der tätigen Nächstenliebe...

Die deutsche Abteilung der Hilfsorganisation „Ärzte ohne Grenzen“ ist mit dem  Kasseler Bürgerpreis "Glas der Vernunft" gewürdigt worden. Der Preis beruft sich explizit auf die Werte der Aufklärung: Vernunft und Toleranz gegenüber Andersdenkenden.

Prof. Dr. Nicole Deitelhoff vom Vorstand des Leibniz-Instituts der Hessischen Stiftung Friedens- und Konfliktforschung sprach in ihrer Rede von einem "Fanal der Vernunft in unvernünftigen Zeiten". Der Einsatz von „Ärzte ohne Grenzen“, insbesondere im Kontext der Seenotrettung von Flüchtlingen im Mittelmeer, stehe sinnbildlich dafür.

Die deutsche Sektion von „Ärzte ohne Grenzen“ nahm 1993 ihre Arbeit auf. Als Teil des internationalen Netzwerkes von Médecins Sans Frontières verfolgt sie das Ziel, Menschen in Not - ungeachtet ihrer ethnischen Herkunft, religiösen und politischen Überzeugung - zu helfen, auf ihre Lage aufmerksam zu machen und für ihre Würde einzutreten, nicht selten unter Gefahr für Leib und Leben.

Dr. Volker Westerbarkey arbeitete einen Monat lang in Lankien im Nordosten des Südsudans.

Der Berliner Arzt Dr. Volker Westerbarkey, der den Preis stellvertretend für die gesamte Organisation entgegen nahm, ist seit 2015 Vorstandsvorsitzender der deutschen Sektion von Ärzte ohne Grenzen. Er stand mir für ein kurzes Gespräch zur Verfügung.

„Ärzte ohne Grenzen“ wurde während des Biafra-Krieges (1967–1970), der damit verbundenen Blockade der ehemaligen unabhängigen Region Biafras durch das nigerianische Militär und der anschließenden Hungersnot, gegründet. Eine Reihe von Ärzten aus Frankreich, das damals als einziges Land die Bevölkerung Biafras unterstützte, so auch Gründungsmitglied Bernard Kouchner, meldete sich gemeinsam mit dem Französischen Roten Kreuz freiwillig, um in Krankenhäusern und Nahrungsversorgungszentren im belagerten Biafra zu arbeiten. Doch das Rote Kreuz verlangte politische Neutralität, und so beschloss man, eine Hilfsorganisation zu gründen, die dem Wohlergehen der Opfer Vorrang gegenüber politischen und religiösen Interessen einzuräumen bereit war.

Religiöse Interessen spielen zwar offiziell keine Rolle, aber christliche Werte bilden laut Dr. Volker Westerbarkey das entscheidende Fundament, nämlich das der tätigen Nächstenliebe. Auch seien die Gründungsmitglieder von „Ärzte ohne Grenzen“ sehr wohl christlichen Hintergrunds gewesen. Religiöses Bekenntnis würde heute allerdings zudem Schwierigkeiten bereiten; viele Muslime würden sich wohl kaum von Christen helfen lassen, wenn das Bekenntnis allzusehr in den Vordergrund gerückt würde. Und dennoch: Die Wohltätigkeit des Christentums mit dem Vorbild Jesu Christi und die Barmherzigkeit des Islams, sie stellt die Grundeigenschaft des islamischen Gottes dar, scheinen in der Arbeit von „Ärzte ohne Grenzen“ gut zusammen zu gehen.

„Feindesliebe“ gehört auch zu den beeindruckenden Erlebnissen, von der die Journalistin Dr. Antonia Rados in ihrer Festrede zu berichten wusste. Sie habe bei einem Besuch bei „Ärzte ohne Grenzen“ erlebt, wie eine amerikanische Krankenschwester irakische Kriegsverletzte nach dem vorausgegangenen Angriffskrieg der USA gegen den Irak gepflegt habe.

Der aus Jesu Gebot der Nächstenliebe („Liebet eure Feinde“) abgeleitete Begriff „Feindesliebe“ wird oft als Eigenheit des Christentums betrachtet. Gutes tun, Liebe, Vergebung und Gewaltfreiheit gegenüber Feinden haben auch in anderen Weltreligionen große Bedeutung. Das Zentrum der islamischen Theologie ist jedoch die Lehre von dem einen Gott, dem sich der Mensch unterwerfen soll. Ein Gebot der generellen Nächstenliebe oder Feindesliebe kennt die islamisch-klassische Theologie nicht.

Und dennoch gab es sie, auch gegenseitig, zwischen Christen und Muslimen schon in der Vergangenheit, denken wir an den Besuch Franz von Assisis beim Sultan al-Malik al-Kamil, der ihn freundschaftlich empfangen hatte, statt ihn, vor dem Hintergrund der Kreuzzüge, gefangen zu nehmen oder gar zu töten.

Umso bewegender und anrührender die Bilder aus der gelebten Arbeit von „Ärzte ohne Grenzen“. – So long!

Christine Striegel

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