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Die Memel fließt „in echt“ (neunter Tag)

Entlang den Gräben | Navid Kermani hatte aus seinem aktuellen Buch im Kasseler Schauspielhaus gelesen

Die Gräben sind Kriegsgräben…

Rezension • Beschreibung • Kommentar | anhand und infolge einer besprechenden Lesung

Voll war es im Schauspielhaus, im September, um Navid Kermani zu hören, den vielgereisten, deutschen Schriftsteller und Publizisten. Im Kasseler Schauspielhaus stellte er sein Reisetagebuch "Entlang den Gräben" vor. Thomas Bockelmann, Indendant und Schauspieldirektor am Staatstheater Kassel, eröffnete das Gespräch mit der Feststellung, dass ein Mann wie Kermani es vormache, dass Denken Spaß machen könne. Mit dem Ausdruck der „Ehrfreude“ hatte Bockelmann am Vormittag desselben Tages auch den Preisträger des Glases der Vernunft, Saúl Luciano Lliuya Saúl, begrüßt. Ob es an dem gestelzten Begrüßungswort lag, dass der sensible, gleichsam mit einem Röntgenblick seine Umwelt betrachtende Kermani zunächst etwas verschlossen und grimmig wirkte? Oder war dies dem schweren Thema des vorgestellten Buches geschuldet – ernst, nachdenklich und (persisch) zurückhaltend? Kermani taute jedenfalls erst später auf.

Der 2015 mit dem Friedenspreis des deutschen Buchhandels ausgezeichnete, habilitierte Orientalist befasst sich intensiv mit seiner Umgebung, indem er diese wie durch verschiedene Brillengläser von Kunst, Religion und Literatur - und - Politik, betrachtet, um Menschen und damit (ihre) Geschichte zu verstehen.

Dabei gerät er selbst immer wieder ins Staunen, und versetzt seine Leser – ebenfalls ins Staunen. So auch mich in seinem entsprechend betitelten, die christliche Bildwelt betrachtenden Werk Ungläubiges Staunen über das Christentum. Das Buch endet damit, dass Kermani, selbst eben liberaler Muslim, mit einem katholischen Freund vor der Chartula, dem von Franziskus eigenhändig verfassten „Lobpreis Gottes“, in der Unterkirche Assisis verharrt, und sie beide nach den Zeugnissen der tiefen Verbundenheit zwischen Franz von Assisi und dem Sultan al-Malik al-Kamil suchen.

Gerne und staunend gelesen habe ich auch den 1200-Seiten-Roman Dein Name, der 2011 für den Deutschen Buchpreis nominiert war. Mit Verweis auf dieses Buch erhielt Kermani 2014 den Joseph-Breitbach-Preis. Das Totenbuch, wie Kermani es selbst nennt, beschreibt die Gegenwart und die Vergangenheit seiner Familie, unterbrochen von Erinnerungen an für ihn besondere gestorbene Freunde. Hauptsächlich dreht es sich aber um die Geschichte seines Großvaters, der von Isfahan nach Siegen im Sauerland ging. Immer wieder fließen Texte Jean Pauls und Friedrich Hölderlins in den Roman ein und Kermanis Wissen darum. Der Roman ist ein fließendes, unfassbar umfangreiches verschriftliches Denken, Reflektieren und Aufeinander-Bezugnehmen. Man fragt sich, wie Kermani es schafft, eine solche Fülle von Gedanken zu Papier zu bringen, neben all den Verpflichtungen beruflicher, eben auch Lesungen, und vor allem privater, Art. So drohte, seine jüngere Tochter während der Aufschrift dieses Buches als Frühchen zu sterben – Kermani verbringt viel Zeit vor dem Brutkasten; die ältere Tochter muss zu Hause in Köln versorgt werden, und auch sein Vater kommt in eine lebensbedrohliche Situation.

Unweigerlich denkt man als Hörerin seiner Lesung an Kermanis Roman Sozusagen Paris. Ein Schriftsteller hat einen Roman geschrieben über die große Liebe seiner Jugend, die von ihm zunächst nicht erkannt, vor ihm steht – sie, seine Romanfigur. Das Mädchen von damals ist nun mit einem Arzt verheiratet. Sie selber ist nicht mehr als Ärztin tätig – mit ihrem Mann hatte sie früher in der Entwicklungshilfe gearbeitet, sondern ist nun Bürgermeisterin des kleinen Städtchens, in dem der Autor gelesen hat: Sie lädt ihn auf ein Glas Wein nach Hause ein, sie reden über französische Liebesromane, und fragen sich, was man von der Liebe erwartet, wenn man älter geworden ist. Der Ehemann sitzt währenddessen oben im Arbeitszimmer - man wird nachdenklich.

Unterwegs mit Navid Kermani

Das Buch Entlang den Gräben gliedert der nachdenklich neugierig Reisende Navid Kermani in 54 Tage. So lange war der in Köln lebende Kermani im Auftrag des „Spiegels“ durch Osteuropa und das Baltikum zum Schwarzen Meer, über Georgien, Armenien und Aserbeidschan in den Iran gereist; nach Isfahan, in die Heimatstadt seiner Eltern und Großeltern.

Die Reise begann im September 2016 in einer Plattenbausiedlung in Schwerin – Kermani besuchte dort eine Parteiversammlung der AfD und stellte fest, dass es gar nicht darauf ankomme, was die Partei sage, sondern, dass sie zunächst eine Plattform für Menschen bilde, etwas „sagen zu dürfen“. Dies erinnert mich an das sogenannte „Lehrervoting“ der AfD. In mehreren Bundesländern will (immer noch) diese Partei Onlineplattformen einrichten, auf denen man kritische Äußerungen über den Schulalltag melden kann. Bildungsvertreter positionieren sich klar dagegen. – Kermani sprach mit Menschen, die solche Auffassungen vertreten - im Gegensatz zu vielen anderen… Immer interessieren ihn die Menschen dahinter, etwa auch in Auschwitz (dritter Tag), als er ein junges, israelisches Mädchen – deutsche Schulklassen sind dort, so stellt er fest, eher selten anzutreffen – fragt: „Macht das etwas mit Euch?“ und die Antwort bekommt: „Hier wird es für uns real.“

Thomas Bockelmann stellte das Buch zu Beginn der Veranstaltung als eine Zusammenfassung schrecklicher Orte (Vernichtungslager, Massenfriedhöfe, ehemalige Ghettos, Schlachtfelder) vor. Denke man beispielsweise an Kaunas in Litauen am neunten Tag, so wären so manche Städte golden, ließe man dort Stolpersteine in den Asphalt ein. Ich lese später Kermanis Zitat des aserischen Schriftstellers Akram Ayslisli (vierzigster Tag): „Wenn man für jeden getöteten Armenier eine Kerze anzünden würde, dann wäre das Licht dieser Kerzen heller als das Licht des Mondes.“ Auf Bockelmanns Frage, was es sei, das Menschen „so mache“, dass etwas derartiges passieren könne, antwortete Kermani, unter dem Hinweis, dass es gerade, mit Blick auf Veranstalter und Veranstaltungsort, das Theater sei, das deutlich machen könne, in welche Abgründe der Mensch sehen könne. Und dennoch, kein Mensch hielte sich für schlecht: "Es gibt keinen Aggressor, der sich selbst für einen Aggressor hält. Aggression entsteht aus einem Gefühl der Angst." Entmenschlichung geschehe sogar trotz selbst gefühlter „Menschlichkeit“. Sie entstehe aus dem Gefühl des Sich-Angegriffen-Fühlens. - Am achtunddreißigsten Tag liest er im „Standardwerk zum Krieg“ Black Garden bei Thomas de Waal: „dass jeder, der ein paar Tage durch Aserbaidschan reist, anschließend Armenien, und jeder, der durch Armenien reist, anschließend Aserbaidschan für den Aggressor hält, so viele unabweisbare Argumente wird er in beiden Ländern hören, wer den Krieg begonnen hat und warum Bergkarabach historisch zu dem ein oder anderen Land gehört. De Waal selbst hat immerhin so sorgfältig recherchiert, dass sein Buch in beiden Ländern gelobt worden ist. Zu einem Schiedsspruch kommt er nicht.“ – Könnte man darin nicht eigentlich Hoffnung sehen?

Zum Theater, stellt Kermani im Buch am zwanzigsten Tag in Kiew fest: „Noch bietet es (das Stadttheater) nicht Musicals, sondern die russischen Klassiker an. Den Plakaten nach zu urteilen, die aus den Porträts der Hauptdarsteller bestehen, wird nicht gerade Regietheater gespielt. Wer auf deutschen Bühnen die Werktreue vermisst, kann also nach drüben gehen“. – Moderne Adaptionen können Verstehen fördern und Erinnern.

Orte der Erinnerung

Schauspieler Stephan Schäfer las nun die erste Passage aus Kermanis Buch, den dritten Tag: Auschwitz. Dies ist für Kermani der Ort, zu spüren, dass man zum Deutschen würde, weil einem klar würde, dass man Vertreter der deutschen Kultur sei. Genau deshalb spüre man, wie Kermani im Buch auch am siebten Tag nochmal aufgreift, den „Abgrund der Geschichte“ und die „Last der Millionen Ermordeten“ – wie Willy Brandt auch seine Demutsgeste des Kniefalls am Ehrenmal für die Toten des Warschauer Ghettos im Jahr 1970 später erklärt hatte. Etwas später (siebter Tag) erklärt Kermani explizit das Bewusstsein der Schuld zum Ausgangspunkt für deutsche Nationalität.

Ich „schwimme“ ins Buch: Erinnerung ist wichtig. Denkmäler, Gedenkstätten spielen für Kermani eine wichtige Rolle. So wird er bei Minsk (zwölfter Tag) im verlassenen Dorf aus Luft, Chatyn, der Gedenkstätte für die Opfer des Zweiten Weltkriegs an seine Enttäuschung über das Denkmal für die ermordeten Juden Europas in Berlin des zweiten Tages erinnert, das ihn nur für ein paar Minuten aus der nördlichen Perspektive als Gedenkstätte überzeugte, weil nur von dort die für ihn die notwendige Vorstellungskraft der künstlerischen Abstraktion spürbar gewesen sei. Dieses verlassene Dorf hingegen mache „die Gewalt, die Trauer, die Leere (…) physisch erfahrbahr, ohne die „Mittel Hollywoods“. Auch das Schindler-Museum in Krakau des vierten Tages oder der Holocaust-Turm  des Jüdischen Museums hätten dies nicht gekonnt, den Voided Void  (entleerte Leere) Daniel Libeskinds, der die Beklemmung der Opfer simulieren soll, hatte er zuvor (vierter Tag) für “lächerlich“, „geradezu unanständig“ befunden. Hier: „Chatyn ist eines der Dörfer, welche die Wehrmacht niederbrannte. Die Bewohner wurden in einem Stall zusammengetrieben, der Stall angezündet und die Fliehenden, die das Tor aufgebrochen hatten, mit Maschinengewehren erschossen. Am Eingang der Gedenkstätte steht die Skulptur eines Vaters, der seinen verstorbenen Sohn in den Armen hält. Nichts Heldenhaftes in seiner Haltung, stattdessen die nackte Verzweiflung in seinem Gesicht. Die Häuser standen nicht nah beieinander, sie waren über eine große Lichtung verteilt. Nun sind die Grundmauern durch Eisenstäbe und eine stilisierte Pforte markiert. Die Pforte steht offen, um an die traditionelle Gastfreundschaft der Dörfler zu erinnern. Anstelle des Schornsteins ragt ein Glockenturm in die Höhe, darauf die Namen der Ermordeten, bei den Kindern außerdem das Alter. In dem Haus aus Luft, das ich als erstes betrete, lebten drei Erwachsene und sechs Kinder, fünf, sieben, acht, neun, zehn und zwölf Jahre alt. 50 Meter weiter ein Haus, das einer Frau allein gehörte. Und so weiter, 26 Glockentürme über das tote Dorf verteilt.“ Nur die Grundrisse der Häuser mit den Namen der Menschen, die dort gelebt hatten, waren also noch zu sehen. – Sehendes Sprechen. Kermani ist Orientalist und kein Kunsthistoriker. Aber er macht deutlich, wie wichig es ist, auch in der Abstraktion, den Bezug nicht zu vergessen. - Kunst ist kein bloßes Gefühl, sondern, soll, wenn sie gut ist, ein verstehendes Gefühl erzeugen. Geschichte schöpft sich zwar immer wieder neu; sie besteht aus einer Aneinanderreihung von Ereignissen, die nicht unbedingt miteinander im Zusammenhang stehen müssen, aber man weiß um sie. Das heißt nicht, dass Kermani das komplett Abstrahierte nicht gelten lässt – im Gegenteil. Für ihn ist es der Inbegriff der Schönheit, aber eben nicht zweckgebunden (wie Friedrich Schiller diese auch in seiner Abhandlung „Über die ästhetische Erziehung des Menschen“ feststellt); so wird Navid Kermani sie im letzten Kapitel „Mit der Familie in Isfahan“ (wieder)finden, in der Lotfollah-Moschee: „Ich kann das Muster kaum in Worte fassen, es ist schließlich nicht wie ein Gemälde von Rembrandt oder Caravaggio, man fängt nicht einmal an zu assoziieren. Man fängt an zu vergessen. In gewisser Weise ist der Eindruck noch stärker als von Gottes Firmament.“ – Vollkommene Erkenntnis!

Erinnerung und Erkenntnis

„Wie immer und überall ging immer etwas voraus“

Bockelmann stellte zum Thema Erinnerung und Erkenntnis fest, dass es dennoch durchaus Länder gebe, die diese verweigerten, indem ganze Bevölkerungsgruppen so „eingemeindet“ würden, dass sie als solche nicht mehr erkennbar seien und zitierte die weißrussische, aus Minsk stammende, Literatur-Nobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch, die sich in ihrer Poetik regelmäßig zur Lage in Minsk wie in Moskau äußert: „…damit das Gedächtnis kollektiv bleibt, müssen die Erinnerungen aufgeschrieben werden.“ (vierzehnter Tag) Um sich erinnern zu können, so Kermani zu Bockelmann, müsse dies öffentlich, eben in Denkmälern - artikuliert werden, so wie auch traumatisierte Menschen sprechen müssten, um nicht krank zu werden. - Die Schwedische Akademie hatte übrigens genau dies bei der Nobelpreisverleihung Alexijewitsch zugeschrieben. Sie erhielt die Auszeichnung für ein Werk, „das dem Leiden und dem Mut in unserer Zeit ein Denkmal setzt“. Dass die Menschen bereits traumatisiert und krank seien, hatte Alexijewitsch in einem Gespräch mit Navid Kermani und Guy Helminger in Köln im dortigen Literaturhaus 2016 konstatiert. Die enorm hohe Alkoholismusrate komme nicht von ungefähr… Überall treffe man sich zum Trinken. „Die Flasche Wodka kostet umgerechnet 80 Cent und hat keinen Schraubverschluss – einmal geöffnet, werde sie grundsätzlich leergetrunken“ berichtet der junge Andrej Horwath, der sehr einfach als Selbstversorger in einem kleinen Dorf nahe der weißrussischen-russischen Grenze lebt und in einem Blog regelmäßig von seinem Leben berichtet. Bier sei kaum teurer als Wasser.

Weißrussland hatte Kermani zuvor (elfter Tag) als „Nation“ ganz „ohne Volk“ beschrieben. Bildeten sich Identitäten, wurden sie im Laufe der Geschichte immer gleich wieder vernichtet. Dieses Land sei somit gleichsam ein einziges Mahnmal. „Vermutlich konnte nur ein Land wie Weißrussland, indem sich die Traumata anananderreihten wie die Friedhöfe entlang der Autobahn und zugleich die Erinnerung so strikt reglementiert ist, eine Schriftstellerin wie Swetlana Alexijewitsch hervorbringen“ (vierzehnter Tag). Der Prozess der Aufarbeitung der Geschichte stehe noch ganz am Anfang; denn die Umdeutung der ideologisierten, diktatorischen, einseitigen, heroischen Erinnerungskultur der Sowjetunion hatte ihr Übriges beigetragen. Man denkt da nur an das Schweigen um Tschernobyl, das Navid Kermani ebenfalls besucht hatte. – Tschernobyl… wäre ein ganz eigenes Thema: Am dreizehnten Tag besucht Kermani die Sperrzone. Wenn er durch radioaktiv kontaminierte Gebiete in Weißrussland geht, fragt er sich: Sind die Schuhe jetzt auch kontaminiert? Muss man sie wegschmeißen? Einmal hatte er vergessen, seine teuren gegen billigere Schuhe zu wechseln, als es in die kontaminierten Bereiche ging. Er wird beruhigt, denn die Kontamination befinde sich unter der Erde. So schlage der Geigerzähler oft gar nicht an. Radioaktivität gelange aber durch die Wurzeln in entsprechende Lebensmittel, dann werde halt mit sauberen gemischt, „bis die Norm halbwegs eingehalten“ werde. Entsprechend Misstrauen erweckend war zuvor auch das Gespräch per Skype mit dem Nuklearmediziner Juri Bandaschewski verlaufen, der nichts für wieder „in Ordnung“ befunden hatte, mit allen noch bestehenden Problemen in der „zweiten Tschenobylgenaration“, wie den höheren Krebsraten. Für seine Meinung war er sechs Jahre ins Exil abgeschoben worden und forscht nun, laut Kermani nicht mehr in Weißrussland, sondern in Kiew.

Misstrauen, so Kermani im Gespräch mit Niels Beintker für den Bayerischen Rundfunk im Februar 2018, Misstrauen sei auch etwas Heilsames, weil man doch heutzutage weniger schnell urteile und nur hinhöre. -  Menschen sind (geworden), wie sie sind und nicht der Weisheit allerletzter Schluss, wie viele meinen.

Abenteuer Krieg

Siebzehnter Tag - Stephan Schäfer las nun aus der letzten Etappe der Reise: Ukraine. Ankunft in Kiew. Während Weißrussland, „das in der russischen oder vielleicht sogar sowjetischen Hemisphäre Europas geblieben ist“, wo der Mensch nicht den öffentlichen Raum belebt habe, und auch die Landschaft seit Vilnius nur noch flach und eintönig gewesen sei, kommt Kermani „das Nachtleben umso greller, anarchischer vor, die Restaurants und Bars bis auf die Bürgersteige gefüllt, die gut gekleideten jungen Menschen, die erkennbar vergnügungssüchtig sind, eine Stadt, die zugleich boomt und zerfällt, hier pittoresk heruntergekommene Altbauten, dort bereits die Gentrifizierung, die das gewöhnliche Leben aus den Gassen vertreibt, die Straßenbahnen noch aus dem Kalten Krieg, wo in Minsk alles picobello war, Schmutz auf den Straßen, der in Weißrussland nirgends lag, die Armut sichtbar und der Reichtum umso protziger ausgestellt.“ (sechzehnterTag). Der Krieg kommt ihm weit weg vor. Und damit die Erinnerung? Der ukrainische Nationalismus, damit meint Kermani wohl das erwachende Selbstbewusstsein einer Nationalität, begegnet ihm in Form der Feier einer Schuleröffnung (für die Bewahrung von Sprache und Kultur) der Exilgemeinde der Kiewer Krimtataren. Ein Kopftuch trage hier keine Frau, aber die Tänze seien orientalisch, mit „Trachten aus einer exotischen, sehr bezaubernden Welt“. Hier fühlt Kermani den Verlust, „wenn mit den Krimtataren eine weitere europäische Kultur verschwände“. Er trifft den Führer der Krimtataren, der der politischen Aussichtslosigkeit nur den Verweis entgegenhält, dass sein Volk bis jetzt noch immer alle Niederlagen überlebt habe. Die Ukrainer hielten nicht zu ihnen, um wegen des Euromaidan und der anschließenden Annexion der Krim im Jahr 2014 keinen erneuten Konflikt zu riskieren. Auf Kermanis Frage, sich, wie so häufig in der Geschichte geschehen, damit abzufinden, bekam er die Antwort: "…Deutschland hatte noch ein Land. Die deutsche Sprache, die deutsche Kultur war nicht vom Aussterben bedroht. Die Führer der großen Nationen haben kein Gefühl dafür, wie es für Minderheiten ist. Wenn wir verlieren, dann verlieren wir alles. Dann gibt es uns nicht mehr." Kermani schlug ihm Südtirol als gelungenes Gegenbeispiel vor. – Ich denke an die Schweiz, genauer an die Rätoromanen, die laut Wikipedia zwischen „0,6 und 0,7 Prozent der Schweizer Wohnbevölkerung“ ausmachen. Allein auf sprachlicher Ebene wird das Rätoromanische – trotz Fördermaßnahmen – zunehmend von der deutschen Sprache verdrängt. Auf der anderen Seite: Eine Technische Hochschule (ETH) gibt es für die italienischsprechende Tessiner Bevölkerung (8,4 % der Bevölkerung; 6,1 % der Schweizer/Wikipedia) nicht. Deutsch und Englisch als Forschungs- und Unterrichtssprachen werden vorausgesetzt. Und trotzdem: Identitätsbildungen der einzelnen Bevölkerungsgruppen funktionieren (noch) in der Schweiz.

Denkmäler

Bockelmann kam nun auf Gedenkstätten, Klöster, Kirchen und Moscheen zu sprechen. Bei seiner Friedenspreis-Rede in der Paulskirche 2015 habe Navid Kermani, selbst liberaler Muslim, zum Gebet aufgerufen. Gebet sei also offenbar für ihn wichtig. Was sei für ihn spiritueller Raum? Kermani erzählte, er habe so viele Massengräber besucht und immer wieder das Erinnern und leider auch gezieltes Nicht-Erinnern beobachtet. Er erzählte von Orten, wo sich offensichtlich etwas fokussiere, auch wenn dies noch nicht ausreichend wahrgenommen werde, in einem Waldstück etwa, in Litauen, bei Vilnius, wo der Holocaust begonnen habe - die sogenannte Endlösung. 1941 hatten die Deutschen dort 160.000 Juden erschossen und in diese bereits vorhandenen, durch vorher von Sowjets ausgehobenen, Gruben von Paneriai gestoßen und dort verscharrt; auch sowjetische Kriegsgefangene sowie politische Häftlinge waren darunter. Es sei dort zu regelrechten Jagdszenen gekommen, die den Anwohnern nicht verborgen geblieben waren. „Die Kiefern stehen für einen Wald ungewöhnlich weit auseinander, sodass der Blick in den Himmel kaum verstellt ist.“ Der Boden voller Gräber. Bei jedem Schritt auf dem weichen Boden werde einem schummrig, fast so, als sackte man selbst ein. Von der nahen Autobahn ein Rauschen, das gespenstisch klänge, ansonsten völlige Stille, kein Vogelgezwitscher. Doch, obwohl Paneriai einer der ersten großen Schauplätze des Holocaust war, gab es dort kaum Besucher; es kämen keine Schulklassen, überhaupt wenige Litauer; die meisten Besucher seien aus dem Ausland, oft aus Israel…

So seien auch Stätten des Gebets zu Sowjetzeiten als Lagerhallen missbraucht worden (Kaunas, neunter Tag), hätten aber die Zeit überdauert – kommen also wieder ins Bewusstesein. Dass Kinder während der Messe spielen dürfen (- übrigens auch in Frankreich eine Selbstverständlichkeit), weist für Kermani auf die ältere, überlieferte religiöse Praxis hin (Auch in Frankreich ist die Liturgie noch häufig weitestgehend auf lateinisch, wie kürzlich in der Heiligen Messe in Amiens erlebt). Heute gebe es in Litauen noch zwei Synagogen, während bis zur deutschen Besatzung fast ein Drittel der Bevölkerung jüdisch gewesen wäre, neben der orthodoxen auch eine Reformgemeinde, die seien allerdings auch noch miteinander zerstritten (neunter Tag).

In Odessa (dreiundzwanzigster Tag) besucht Navid Kermani den Gottesdienst in der orthodoxen Synagoge und könnte darin sogar anhand der dankbar betenden Menschen einen Anfang zu einem gelingenden Europa sehen. Auch hier: gelebte, rituelle Erinnerung als Hoffnungsträger für einen Neubeginn. Später wird er das relativieren, als er in Aserbaidschan feststellt, dass es „seinen Bürgern zwar keine Freiheit, den Juden jedoch (immerhin) eine sichere Heimat gibt“ (zweiundvierzigster Tag). Traditionen zu pflegen, ist hier wohl für die Juden einfacher, die regelmäßig aus Israel zurückkehrten; die im siebzehnten Jahrhundert von Israel eingewanderten Bergjuden seien von jeher wohlhabend.

In einem kleinen Dorf in Richtung Russland, findet Kermani inmitten karger Landschaft eine große Moschee (siebenundzwanzigster Tag). Just in diesem Moment ruft das Smartphone seines Fahrers zum Freitagsgebet, und sie biegen ab. Im selben Ort finden sie auch eine Kirche vor, die „ebenfalls neu gebaut und genauso gesichtslos“ sei. Hier leben die Krimtataren, die aus der Verbannung in ihr Heimatdorf zurückgekehrt sind. Die Moschee ist verschlossen; die Betenden finden sie hinter einer Eisentür im Gebetsraum der alten Moschee vor, die in der Sowjetunion ein Lagerraum war. „In dem alten Gebetsraum fühlten sie sich einfach wohler, sagen sie. Außerdem ist die neue Moschee, die mit türkischem Geld erbaut wurde, viel zu groß für die wenigen Tataren, die über die Jahrhunderte nicht ausgelöscht wurden.“ - Versammeln und Erinnern durch den alten Ort.

Auch in Kertsch, der „östlichste Ort der Krim“ findet Kermani einen wichtigen spirituellen Ort des Nicht-Vergessens. Dass die Stadt Kertsch 2600 Jahre alt ist, könne man nicht ahnen, „wurde sie doch bereits im vierten Jahrhundert nach Christus von den Hunnen zerstört und seither ein ums andere Mal, etwa 1855 von Briten und Franzosen sowie keine hundert Jahre danach noch einmal von den Deutschen.“ Die Kirche jedoch, erfährt Kermini im Gespräch mit dem etwa 40jährigen Priester, sei eine der ältesten byzantinischen Kirchen überhaupt, aus dem achten Jahrhundert. Auch der seismografisch aktive Boden habe ihr keinen Schaden zugefügt. „Selbst die Herrschaft der Tataren, die aus der Kirche eine Moschee gemacht hätten, habe die Kirche wie durch ein Wunder überlebt. „Der Gottesdienst fand im zweiten, größeren Schiff statt, das im 19. Jahrhundert angebaut worden ist. Dabei hätte die kleine Kirche aus dem frühen Mittelalter für die wenigen Gläubigen allemal genügt. Der Besuch sei nur an Werktagen so schwach, entschuldigt sich der Priester und betont, dass die Russen selbst in der Sowjetunion fromm geblieben seien. Seither nehme die Frömmigkeit geradezu explosionsartig zu.“ - Diese Kirche soll übrigens im Innenhof einen Fußabdruck Johannes des Täufers besitzen.

Wie sich „ein Leser Tol­stois die rus­si­sche Pro­vinz vor­stellt, zwei- bis drei­stö­cki­ge Ge­bäu­de aus dem 19. Jahr­hun­dert, als Ka­tha­ri­na die Gro­ße und ihre Nach­fol­ger die Krim ko­lo­ni­sier­ten, brei­te Stra­ßen, die ehe­ma­li­ge Pracht­mei­le mit den Ver­wal­tungs­ge­bäu­den jetzt eine Fuß­gän­ger­zo­ne, ein im­po­san­tes Thea­ter wie in je­der an­stän­di­gen so­wje­ti­schen Stadt. Die Le­n­in­sta­tue steht noch an ih­rem Platz, na­tür­lich, …). Tolstoi war selbst In Simferopol, de facto Hauptstadt der Krim-Russischen Föderation, de jure noch Hauptstadt der Autonomen Republik Krim, die zu den durch Russland besetzten Gebieten gehört, muss der Museumsleiter der Gedenkstätte für die Opfer des deutschen Faschismus sagen: „Aber niemand verbietet, sich an einzelne Opfergruppen zu erinnern“ (fünfundzwanzigstes Kapitel). Denn „In Sewastopol erinnern weit über tausend Denkmäler, Gedenkstätten und Museen an die beiden großen Belagerungen, …) Hier, auf der Krim, verortet Kermai den ersten Krieg der Moderne gegen die Zivilbevölkerung, und zwar im neunzehnten Jahrhundert. Dabei sei die Krim doch Urgrund Europas, denn die griechische Antike habe sich weit mehr nach Asien als nach Westen ausgedehnt. Das Zeitalter der Völkermorde beginnt für ihn am 24. April 1915, als die Jungtürken den armenischen Genozid einleiteten. Später hätten in der Ukraine zwei Jahrzehnte genügt, um ein jahrhundertealtes Völker- und Sprachgemisch sowie ein Nebeneinander von hundert Nationalitäten zu zerstören. – Erinnerung und Erkenntnis helfen also, wie Kermani er tut, Geschichte zu akzeptieren; denn sie lässt sich nicht umkehren: „Am Ende hat jedes Volk, sofern es nicht ausgelöscht worden ist, Ansprüche, Vorwürfe, Traditionen, Lieder oder schlicht ein Stück Boden von seinen Vorfahren geerbt, auf das andere ebenfalls ererbtes Anrecht haben, so dass die Saat für neue Konflikte angelegt ist.“

Potemkinsches Dorf

„Grosny soll einmal die grünste Stadt des Kaukasus gewesen sein, aber an Schatten für die heißen Sommertage, überhaupt an urbane Lebensqualität hat man bei dem Neubau nicht gedacht. Dafür gibt es riesige Plätze aus Beton, wo man keine weiteren Leerstände schaffen wollte, und an jeder Ecke Bilder Tschetscheniens „neuer Dreifaltigkeit“: Vater und Sohn Kadyrow mit Putin als Heiligem Geist. (…)

Im Geschichtsmuseum wird an die beiden Kriege Tschetscheniens mit Russland erinnert, die ein Fünftel der Bevölkerung das Leben kosteten und mehr als die Hälfte vertrieben. Eine Schatafel, die der Deportation der Tschetschenen unter Stalin gedenken würden, sucht Navid Kermani vergeblich. Doch in der Nationalbibliothek wird er fündig; demm fast alle tschetschenischen Bücher und Handschriften und damit das kollektive Gedächtnis der Tschetschenen seien vernichtet worden. „Auf die Frage, ob man sich in Tschetschenien gern an die Geschichte erinnere antwortet ein ehemaliger Geschichtslehrer, der sich mit der Erforschung des Massakers von Chaibach, beschäftigt hatte, dass man sich an ihm gleichsam die Zähne ausgebissen habe und dies zu Teilen wieder gestattet sei, wenngleich im Nationalmuseum immer noch nicht an das Massaker erinnert würde und das Gelände immer noch abgesperrt sein. (dreißigster Tag) Darauf lässt sich die Geschichte, die Ach­met Kermani von seiner Mutter er­zählt hatte. Als die al­te Frau mit der Fa­mi­lie nach dem Zwei­ten Krieg zu­rück­kehr­te, saß sie vor ihrem zer­stör­ten Haus. „„Was ma­chen Sie hier?“, frag­te Ach­mets Mut­ter. „Ich über­le­be“, sag­te die Frau. „Sie über­le­ben?“ „Ja, ich über­le­be“, wie­der­hol­te die Frau und zeig­te auf die ge­gen­über­lie­gen­de Stra­ßen­sei­te, wo ein­mal ein Hoch­haus ge­stan­den hat­te: „Dort habe ich ge­wohnt.“ – Ich denke an das Denkmal der Grundrisse. Orte des Gedenkens…

„Vielleicht hält ein Volk, dessen Gedächtnis so oft schon ausgelöscht werden sollte, umso stärker an seinen Geschichten fest.“ (einunddreißigster Tag) Im georgischen Dorf Ni­ko­si, in Richtung Südossetien gelegen, findet Kermani eine Kirche aus Sandstein, inmitten von Bauernhütten gelegen. Nicht einmal so alt für georgische Verhältnisse; denn nach der armenischen ist die georgische die ältesete Staatskirche. Diese Kirche war für lange Zeit ein Lager für Getreide gewesen, bevor sie wieder, samt Kloster instandgesetzt wurde. Dieses war zuletzt 2008 durch russische Bomben zerstört worden. Der Hausherr, Bischof Jesaia, ehemals Künstler, hat das Gemeindezentrum in eine Schule für Kunst und Musik verwandelt; er war über einen verunglimpfenden Film aus Sowjetzeiten über eine alte Frau, die eine alte Kirche wiedereröffnen wollte, zur Theologie gekommen. Seelsorge wurde in Kampfgebieten gebraucht. (fünfunddreißigster Tag)

Liebevoll widmet sich Bischof Jesaia seiner Kirche. „Weil dem ge­or­gi­schen Kle­rus das nötige Geld vorenthalten werde, sei gerade „das Nö­tigs­te in­stand ge­setzt, frei­ge­legt, ge­putzt, sta­tisch ge­si­chert“.  Aber ge­ra­de dies, so Kermani, mache das Ge­brech­li­che, Im­per­fek­te, nur frag­men­ta­risch Er­neu­er­te, mache ihre Aura aus. „Je­des ein­zel­ne Fres­ko, auf dem müh­sam die Fi­gu­ren zu er­ken­nen sind, je­der der Stei­ne, auf de­nen sich Feuch­tig­keit und Rauch, aber auch die Ham­mer­schlä­ge und Na­ge­l­ein­wöl­bun­gen von Hir­ten, Ob­dach­su­chen­den und In­va­so­ren ab­zeich­nen, der Putz, der über den Zie­geln über die Jahr­hun­der­te hin­weg schon ab­blät­tert, jede Ka­chel, die auf dem Bo­den fehlt, er­zählt vom Le­ben, das ver­gan­gen ist, ohne zu Ende zu sein.“

„Nein, der Staat tue nicht viel für den Er­halt der Kir­chen, und auch die Ge­mein­den hät­ten kaum Geld“, meint Schwes­ter Ma­ria­ni später, die Kermani vor dem Ala­wer­di-Dom, ebenfalls im Osten Georgiens, in der Nähe des gleichnamigen Dorfes gelegen, später an­spricht. Aber pri­va­te Mä­ze­ne seien vorhanden und vor allem die Ar­beit der Frei­wil­li­gen. „Die Non­ne er­zählt von den Frem­den, die über die Jahr­hun­der­te ein­fie­len, von den Per­sern, die das Klos­ter als Gar­ni­son nutz­ten und den Gläu­bi­gen nur zu Fest­ta­gen er­laub­ten, in der Kir­che zu be­ten, von den So­wjets, die in der Ka­the­dra­le Ge­trei­de la­ger­ten oder Schwei­ne mäs­te­ten. Wer schlim­mer war? Die Per­ser hät­ten bloß mit Pfeil und Bo­gen ge­kämpft, die So­wjets hin­ge­gen auf die Ge­dan­ken und die See­len der Men­schen ge­zielt.“ Und interessant: Sie erzählt, eine „bis übers Kinn und über die Au­gen­brau­en ver­schlei­er­te Non­ne“, dass sie in Tif­lis Ori­en­ta­lis­tik stu­diert habe und so nicht so durch die Be­geg­nung mit ei­ner frem­den Kul­tur zu ih­rer ei­ge­nen Re­li­gi­on ge­fun­den - das sei zum Ende der So­wjet­uni­on ge­we­sen - habe. Sie habe sich sogar vorgenommen, die Geschichte ihres Klosters aufzuschreiben. Dafür habe sie sogar persisch gelernt, damit diese auch im Iran erscheinen könne. (sechsunddreißigstes Kapitel) – Erinnerung schaffen durch Aufschreiben.

Entsprechend ist mein Lieblingskapitel das achtunddreißigste. Es handelt vom Kloster Nekressi in Georgien. Auch dort sei die (orthodoxe) Tradition im Stillen bewahrt und 1989 wiederbelebt worden, wie auch Thomas Bockelmann hervorhob. Kermani erzählt, im Buch und auch an diesem Abend, dass der georgische Ritus einer der frühesten christlichen Riten ist, zwischendurch russisch-orthodox, weil im 19. Jahrhundert vereinnahmt. Aber immerhin verschriftlicht. Doch die Rückführung ins Georgische – und er selbst - fanden dann unter Stalin sein Ende. So ist es aber für Kermani auch an diesem Ort interessant zu sehen, wie das Erinnern funktioniert, sei doch die orthodoxe Liturgie nichts, was sich erlernen ließe, sondern was von Generation zu Generation weitergegeben werde, wie er aus seinen Besuchen serbischer Klöster wisse. Aber die „Aufführung aus Stimme, Licht, Geruch, Gewändern, Bewegungen, Mimik und Architektur“ habe an diesem Ort irgendwie funktioniert, wenngleich etwas kurios. So habe nicht nur der Abt bei ihrer Ankunft während der Messe den Telefonanruf per Handy angenommen – wie die Juden an der Klagemauer auch; dennoch erlebt er den Gottesdienst als beeindruckend „schön, künstlerisch wertvoll und einfach überwältigend“. Und schließlich könne man nicht wissen, ob sich die Schlichtheit vielleicht auch auf das frühe Alter der Liturgie zurückführen ließe oder nur auf die Art der Überlieferung, auch die Mönche seien sehr jung und kämen als Vermittler der Tradition wohl kaum in Frage. „Manchen Mönchen unterlaufen Fehler in der Rezitation, mehr als nur Winzigkeiten, die vom Abt leise korrigiert werden, und ein Messdiener hält einen Ablaufplan oder vielleicht auch einen Spickzettel bereit, der in Plastik eingeschweißt ist“. Die „Fragilität des Vorgangs“ korrespondieren für Kermani mit dem alten Gemäuer der Kirche.

Eine Dreikirchenbasilika (dreischiffige Basilika), wie Nekressi eine ist, ist zwar charakteristisch für Klosterkirchen im mittelalterlichen Georgien; sie kommen außerhalb des Landes nicht vor, auch nicht in der verwandten armenischen Kirchenbaukunst. Drei nebeneinanderliegende Schiffe sind durch raumhohe Wände getrennt und untereinander nur durch Türen zugänglich sind. Sie führen nach Osten in kleine Altarapsiden und sind meistens durch einen Umgang entlang der Westwand miteinander verbunden. Diesen Grundriss gab es nur zwischen der Mitte des 6. Jahrhunderts in Georgien, besonders, bis zum 11. Jahrhundert in der ostgeorgischen Region Kachetien, so auch in der Dreikirchenbasilika des ehemaligen Klosters Nekressi aus dem 7. Jahrhundert. Hier werden die beiden, durch einen westlichen Umgang verbundenen, Seitenschiffe nur bis knapp über die Hälfte der Gesamtlänge des Gebäudes geführt und enden mit ihren Apsiden vor relativ großen, rechteckigen Altarnebenräumen.

Ich bin an Kermanis Beschreibung des serbischen Klosters Dečani im Westen des Kosovo erinnert, erbaut aus hellgelbem Onyx und rötlicher Brecchia. Er erzählt davon in „Ungläubiges Staunen über das Christentum“ bezeichnenderweise im Kapitel ´Tradition | Kein größeres Staunen`. Dieses Kloster ist das größte Gebäude des mittelalterlichen Serbien und wurde in den Jahren 1328–1335 vom Kotoraner Franziskaner Fra Vita als Grablege für Stefan Uroš III. Dečanski errichtet. Das Gebäude zählt zur apulischen Gotik und den Spätwerken der sogenannten Raška-Schule. Es ist Grablage von König Stefan Uroš III. Dečanski und somit bedeutendes Wallfahrtszentrum. Jedenfalls besitzt die Kirche auch einen Nebenraum, genauer einen Vorraum, einen Narthex, wie er für byzantinische Kirchen üblich ist. Dieser ist allerdings „groß genug, um einen Pilgerzug aufzunehmen, ja in früheren Zeiten zu beherbergen“. „Ich stelle mir vor, dass die Pilger, die vielleicht nicht an allen Gebeten der Mönche teilnahmen, die Messen noch heute fünf, sechs Stunden täglich und vor siebenhundert Jahren vielleicht länger – da sie zu manchen Gebetsstunden im Narthex hockten, lagen oder auch außen, dösten, träumten oder flüsternd plauderten. Dann hatten sie doch immer die Litanei im Ohr, diesen zärtlich wiegenden, demutsvollen Gesang, wie ich vor auch schon einem Vierteljahrhundert in Kairi die Koranrezotation der Moschee, deren Lautsprecher am Balkon meines Schlafzimmers hing. Es geschieht etwas mit einem, im Dösen, Flüstern oder Träumen manchmal sogar mehr, als wenn man über die Worte nachdenkt. Die alte Architektur sieht den Zwischenzustand vor, in dem man Weltliches verrichtetund am Heiligen zugleich teilhat. Genausogut ist der Narthex nur ein weiterer Schleier, mit dem alle Schönheit zugleich abweist und aufreizt.“

Ich denke an Philipp Neri (1515-1595), der in einem Raum über der Kirche Santa Maria Novicella (Chiese Nuova) in Rom zu Zusammenkünften lud, um mit denselben Freunden, mit denen er tags tätige Nächstenliebe vor allem an erschöpften Pilgern ausübte, zu beten, aus der Heiligen Schrift zu lesen und anschließend darüber zu sprechen.

Alte Liturgie – überlieferte Tradition, auch fragmentiert oder interpretiert. Man kann die Schönheit entdecken. Hier bin ich wieder an die Heilige Messe in Amiens erinnert: Schönheit der Liturgie nicht unter dem Eindruck, dass mein Sohn und ich uns in der größten, unzweifelhaft beindruckenden, Kathedrale Frankreichs befanden, sondern tatsächlich dadurch, dass zu den lateinischen Gesängen und Gebeten die Kinder zu Füßen der Zelebranten spielten. Angesichts der zwischenzeitlich als Lagerhalle genutzten Kirche in Kaunas (neunter Tag) hatte Kermani gerade das Spiel der Kinder als „nicht vorstellbar in Niedersachsen oder Schleswig-Holstein“ befunden, aber als das Eigentliche, Alte darin ausgemacht. Die Fußbodenornamente, auch das Bodenlabyrinth, funktionieren übrigens tatsächlich auch als Abwechslung für die Kinder und die spürbare Freude darüber, in einer und dazu in einer solchen Kirche zu sein. Die Ornamente bildeten tatsächlich willkommene Straßen für Matchbox-Autos. (Das Labyrinth, auch „Reise nach Jerusalem“ genannt, bezeichnete ursprünglich die in symbolischer Form stattfindende Bußpilgerfahrt nach Jerusalem, die auf mittelalterlichen Landkarten im Mittelpunkt der Welt lag; denn sie steht nicht für die irdische, sondern für die himmlische Stadt, wofür die Kathedrale auch an sich ein Symbol ist. Das Labyrinth steht für die Reise durch das und ins ewige Leben – nach der Offenbarung des Johannes). - Der Priester erinnerte jedenfalls in seiner Predigt en francais angesichts der kathedralenbetrachtenden Touristen im Hintergrund daran, dass Kirche die Versammlung der Christen sei, nicht mehr und nicht weniger, auch unter dem Kirchendach der größten Kathedrale Frankreichs, und dass jeder eingeladen sei, hinzuzustoßen.

Dass Kermani an diesem, sechsunddreißigsten Tag, im Vergleich mit der empfundenen Schönheit der einfachen geogischen Liturgie, die documenta in Kassel in den Kontrast setzt, musste er dem Kasseler Publikum am Leseabend erklären. Im Buch outet er sich als „Reaktionär der Gegenwartskunst“, und im Wort beteuert er, dass seiner Aussage mitnichten eine Kunsttheorie zugrunde läge. Dass ihm Videoinstallationen nicht so liegen, gibt er anlässlich des Besuchs einer Vernissage zu: „Nur leider finde ich die Exponate wieder einmal schrecklich banal, Videokunst, die niemand länger als zwei Minuten beachtet, (…) Vielleicht fehlt mir einfach das Gespür fürs Neue, denke ich, als ich die Gegenwartskunst mit der georgischen Messe oder den Teppichen vergleiche, die mich heute morgen im Museum begeisterten,…“ (neunundreißigster Tag). - An dieser Stelle muss ich trotzdem auf das Ausstellungsprojekt des Künstlers Romuald Karmakar (geb. 1965, Wiesbaden) auf der documenta 16 (2017) verweisen, das Kermanis Aussagen zumindest entkräften könnte. Es handelt sich folglich um Videos. Auf einer Großleinwand, waren lebensgroß hinter einem Altar stehend, Mönche zu sehen und zu hören, die polyphon den Marien-Hymnus "Agni Parthene" singen, in kirchenslawischer Fassung. Zwischendurch wurde ihr russisches Kloster Walaam gezeigt. Die nächste Einstellung zeigte dasselbe Lied, doch diesmal von Griechen gesungen; ihr kleiner Kuppelbau, auch dieser wurde in Einblendungen von außen gezeigt, steht, viele tausend Kilometer von der Republik Karelien im Nordwesten Russlands entfernt, in Athen. Im Laufe der Zeit wurde das "Agni Parthene", ursprünglich von einem orthodoxen Heiligen des 19. Jahrhunderts verfasst, in viele Sprachen übersetzt. – Ich konnte feststellen; der Ausstellungsraum erhielt gleichsam sakralen Charakter. Die Menschen wurden still; spürten sie die Kraft der Erinnerung, das Verbindende der Tradition? Kermani glaubt selbst an die „Kraft der künstlerischen Abstraktion“ (zwölfter Tag), wenngleich er Enttäuschungen zeigt, wie über die jüdischen Gedenkstätten in Berlin. Aber: Es leuchtet ihm offenbar ein, dass für Maria Anna Potocka, Direktorin des dortigen Museums für moderne Kunst in Krakau, die Schoah die „interessanteste Aufgabe für die Kunst“ ist (vierter Tag), - im Kontrast zum Massentourismus der Konzentrationslager.

Aber diese Widersprüche des Buches spiegeln nicht nur die bisweilen kontrastierende Wahrnehmung des Schriftstellers wider, sondern regen das Denken des Lesers an, die menschliche Fähigkeit des Erkennens und Urteilens, zu überlegen, anzuwägen, einzuordnen, auch eine bestimmte Gesinnung einzunehmen, zumal Osteuropa für viele im Westen nahezu unbekannt ist.

Navid Kermani schilderte im Februar dem Journalisten der Abendzeitung Christian Muggenthaler seine Beweggründe zu reisen: „Ich wollte nach Isfahan reisen. Die Strecke über den Balkan und die Türkei kannte ich gut. Aber auf der Route nördlich des Schwarzen Meeres lagen so viele Länder, die mir fremd waren, die vielen von uns im Westen fremd sind, in denen sich aber im 20. Jahrhundert so enorm viel ereignet hat, nicht zuletzt auch an deutscher Geschichte. Das hat meine Neugierde geweckt. Ich habe einfach gemerkt, dass Osteuropa für mich ein blinder Fleck war. Weil man hier doch eher nach Westen schaut? Ja, und das, obwohl diese Länder sehr eng mit der deutschen Geschichte verbunden sind, nicht nur durch die Weltkriege. Deutsche Auswanderer sind im 19. Jahrhundert bis nach Baku und Aserbaidschan gekommen, da gab es überall deutsche Kolonien. Aber gleichzeitig findet man hinter dem Kaukasus auch starke iranische Einflüsse. Mein eigener Urururgroßvater stammte aus Tiflis, das damals zum Iran gehörte. Plötzlich werden Deutschland und Iran Nachbarn, oder genauer gesagt, selbst zwei so fern scheinende Kulturen überlappen und vermischen sich.“ (1) eine deutsche Erziehung kam in „besseren Kreisen“ häufiger vor (neununddreißigster Tag)

Begeistert hat mich das liebevoll gezeichnete Bild Odessas, der Stadt mit kosmopolitischem Geist, den auch die Sowjetherrschaft nicht habe zerstören können. Der Name gehe auf „die griechische Antike als Leitbild“ zurück. Mit einer jüdisch geprägten Gestaltungskraft von Schriftstellern, Künstlern und Musikern. Maßgeblich von italienischen Architekten erbaut, die auftraggebende, deutschstämmige Zarin wollte 1794 Russland zum Westen öffnen, und heute ohne das Flair einer von Billig-Airlines angeflogenen Hafenstadt; andernorts werde das „polyglotte Totenlied“ gesungen (zweiundzwanzigster Tag). Identität, an die man sich erinnern kann. Identität, die man genau dadurch weiterbildet? Der Gründungsimpuls der jüdischen Vordenker lautete: „Vilnius schaut in die Vergangenheit, Odessa in die Zukunft“ (zweiundzwanzigster Tag). Wirkliche Moderne bedeutet im Architekturbegriff, anzuknüpfen an die Tradition, neu zu machen im Wissen um das Alte, und natürlich auch zu schätzen. Selten haben gotische Kathedralen das Romanische komplett entfernt. In der Neuen Nationalgalerie, dem Museum für die Kunst des 20. Jahrhunderts des Kulturforums in Berlin, von Ludwig Mies van der Rohe geplant, 1968 eröffnet, aus Stahl und Glas, findet sich ein antikes Verständnis von Last und Stütze wieder. Daniel Libeskind, Architekt des von Kermani anfangs besuchten Jüdischen Museums und Wiederaufbauer von Ground Zero, vertritt die Architektursprache des Dekonstruktivismus. De-Konstruieren, also Bauteile bzw. Baukörper auseinanderzunehmen und in anderer, ungewöhnlicher Weise wieder zusammenzusetzen, kann nur jemand, der auch zuvor um das Konstruieren wusste.

Und doch: Kermani sind die Übergänge wichtig. So bildet etwa das schwäbische Dorf Göygöl in Aserbeidschan (achtunddreißigster Tag) auch die iranische Architektur des 19. Jahrhunderts ab, die sich so stilrein nur noch in Georgiens Hauptstadt Tiflis findet, „ele­gan­te, ja fi­li­gran an­mu­ten­de Ge­bäu­de aus röt­li­chem Zie­gel­stein, an de­ren Vor­der­front höl­zer­ne Bal­ko­ne mit schlan­ken Säu­len und ver­zier­te Er­ker über die Gas­sen ra­gen.“ Das his­to­ri­sche Zen­trum sehe aus wie Te­he­ran auf Fo­tos des 19. und frü­hen 20. Jahr­hun­derts. Er bedauert, dass es in ganz Iran gibt kei­ne Stadt gebe, „in der die ira­ni­sche Früh­mo­der­ne mit ih­rer ori­gi­nä­ren Ver­schmel­zung ori­en­ta­li­scher Bau­tra­di­tio­nen und eu­ro­päi­scher Ein­flüs­se er­hal­ten ist“. „Te­he­ran ist heu­te ein ge­sichts­lo­ser Mo­loch, der von der ei­ge­nen Grün­der­zeit nur hier und dort ei­nen Pa­last üb­rig ge­las­sen hat“ (zweiunddreißigster Tag). In diesem Fall, so sagte Kermani, einmal an anderer Stelle, das Verfließen der Kulturen eine Bereicherung, auch wenn es gleichzeitig, wie am Schwarzen Meer, eine Quelle großer Konflikte sei. - Es kann an Identitäten erinnern.

So wirft sich Kermani am achtunddreißigsten Tag vor, dass er bisher zu selten die Freundlichkeit der Menschen der östlichen Welt erwähnt habe. Als er in der Markthalle des kleinen Städtchens Bardu, Aprikosen, Kirschen und eine Tüte Nüsse kaufen will, wird didkutiert, ob man einen Gast überhaupt Geld abnehmen dürfe, die Gastfreundschaft wird um so selbstverständlicher, je ärmer die Menschen seien, geradezu beschämend! – Und das im Gebiet des schwersten Konflikts (um Berg­ka­ra­bach) im Osten, zwischen Ar­me­ni­en und Aser­bai­dschan, der inzwischen so lange andauere, nämlich über dreißig Jahre, dass Grenzen, die die Richtung des Nachbarn markierten, nicht mehr wahrgenommen würden. „Es gab auch in Deutsch­land Fle­cken auf der Land­kar­te, Zo­nen­rand­ge­bie­te hie­ßen sie, die fern je­der Rou­te und je­des In­ter­es­ses wa­ren.“ - Da muss ich daran denken, wie freundlich die Menschen der ehemaligen DDR uns nach dem Mauerfall entgegenkamen

Zurück zum Nicht-Erinnern

Baku: In der staat­li­chen Er­in­ne­rungs­po­li­tik be­ginnt die Ge­schich­te des mo­der­nen Aser­bai­dschan nach Kermani we­der mit der De­mo­kra­tie von 1918 noch mit der So­zia­lis­ti­schen So­wjet­re­pu­blik 1920 oder der er­neu­ten Un­ab­hän­gig­keit 1991, son­dern erst 1993 mit der Wahl Ge­jdar Ali­je­ws zum Staats­prä­si­den­ten. Orte, an de­nen die Er­in­ne­rung sys­te­ma­tisch ver­hin­dert wer­de, gebe es un­zäh­li­ge in Aser­bai­dschan, sagt ihm Sa­bi­na Shikhlinskaya, eine Vi­deo­künst­lern, die sich in ih­ren Ar­bei­ten mit der jün­ge­ren Ge­schich­te ih­res Lan­des beschäftigt. Ehemalige Schlachtfelder und Mauern, die verdecken sollen, was nicht genehm ist, auch das Nichts. „Ich er­klär's mir () so, dass man ein­fach nicht in den Ho­ri­zont schau­en soll.“ Mit der Künstlerin besucht er mehrere Ausstellungen, eine ka­sa­chi­scher Ge­gen­warts­kunst, vom Belgier Björn Geldhof organisiert, die sich of­fen und pro­vo­kant mit der Ge­schich­te des Lan­des aus­ein­an­der­setzt. Vieles lasse sich auf Aser­bai­dschan über­tra­gen – es kämen nicht nur Kunstbeflissene, erfährt Kermani; denn der Krieg in Bergkarabach könne hier niemals thematisiert werden.

Das Ge­jdar-Ali­jew-Zen­trum der ira­kisch-bri­ti­schen Ar­chi­tek­tin Zaha Ha­did 2012 – sie ist 2014 früh verstorben und war, wie Libeskind, ebenfalls Dekonstruktivistinent­ - findet Kermani zwar „atem­be­rau­bend ele­gan­t“. Aber auch hier blende die schlichte Ausstellung die Nie­der­la­ge der ers­ten un­ab­hän­gi­gen Re­pu­blik eben­so aus wie den sta­li­nis­ti­schen Ter­ror; und das Mas­sa­ker in Chod­scha­ly, bei dem 1992 ei­ni­ge Hun­dert Aser­bai­dscha­ner star­ben, zum Ge­no­zid er­klärt. Nun trifft Kermani den – trotz allem - stets freundlich lächelnden Schrift­stel­ler Akram Ayl­is­li, der in seinem Ro­man „Stein­träu­me“ vom Leid der Armenier berichtet hatte und vom Dorf seiner Kind­heit, Ay­lis, erzählt hatte „in dem Chris­ten und Mus­li­me einst in Freund­schaft zu­sam­men­leb­ten“. Ayli war fortan geächtet und aller Möglichkeiten beraubt. Auf die Frage Kermanis, ob er den Krieg in Bergkarabach mit ei­ge­nen Au­gen ge­se­hen habe: „Ich kann nicht über et­was schrei­ben, was ich nicht selbst er­lebt habe. Al­les, was im Buch steht, habe ich mit ei­ge­nen Au­gen ge­se­hen. Alle ha­ben es ge­se­hen.“ „Was pas­siert mit ei­ner Ge­sell­schaft, wenn sie et­was Schreck­li­ches sieht, man­che so­gar Schreck­li­ches be­ge­hen – und nie­mand dar­über spricht?“ „Sie wird teil­nahms­los. Sie wird apa­thisch. So wie mei­ne Ge­ne­ra­ti­on. Wie mei­ne Kol­le­gen.“ Auf der anderen Seite der Grenze sei es sicherlich genauso. Seine armenischen Freunde, die gehen mussten, vermisst Aylisi. Seine   Steinträume   jedenfalls, so Kermani, würden „ebenfalls zu den Büchern gehören, die man noch in hundert Jahren lesen wird, wenn niemand in der Welt sich mehr an den Präsidenten erinnert“.

Und wieder zum Erinnern

Im Genozid-Museum von Eriwan, das seit 1995 besteht, erfährt Kermani vom Direktor, dass bei der Konzeption der Ausstellung, auch durch die vorherige Auseinandersetzung mit der Holocaust Gedenkstätte Yad Vashem Jerusalems, das Wichtigste sei, „nicht nur an den Verlust zu erinnern, sondern auch zu bewahren, was geblieben ist.“ Die Sachlichkeit der Ausstellung beeindruckt Kermani, und ihm wird klar, im Vergleich zum amerikanisirten Schindler-Museum in Krakau oder dem Turm der Stille in Berlin, dass Information unandingbar ist; denn sie bilde die Grundlage, überhaupt später Gefühle zu entwickeln. Die daraus erwachsene „Einbildungskraft“ ermögliche, nämlich zu erkennen, zu vergleichen und zu verstehen. Yad Vashem hebe beispielsweise den Aufstand der Juden im Warschauer Ghetto hervor, um sie nicht nur als Opfer zu zeigen. Auch das Museum Erians appelliere an die Bereitschaft für das junge Armenien einzustehen. Und, dass das Gezeigte mit dem später folgenden Massenmord des Holocausts in Verbindung steht, wird auch klar. - Moralstudien.

In Eriwan wurde jedenfalls 1965, zu Sowjetzeiten nach Stalin und Chrischtschow natürlich, das Denkmal des Völkermords, das an die Geschehnisse von 1915 erinnert - von der Bevölkerung durch Demonstrationen erzwungen. „Nur ver­folg­te und un­ter­drück­te Völ­ker sind so gute Strom­lei­ter des Schmer­zes. Was ei­nem Ein­zel­nen ge­schieht, ist al­len ge­sche­hen“ zitiert Kermani Franz Werfel, dem im Museum ein besonderer Platz eingeräumt wird, weil er „dem armenischen Widerstand das größte Denkmal (mit seiner Literatur) gesetzt hat.“

Ho­mo­se­xua­li­tät ist kaum geduldet in Ar­me­ni­en, das schließlich ein christ­li­ches Land sei. „Die Bi­bel las­se kei­nen Zwei­fel, dass Ho­mo­se­xua­li­tät eine Sün­de sei, to­des­wür­dig so­gar.“, gibt ein junger Mann Kermani zum Besten im über­füll­ten Me­dia-Cen­ter als Demonstrant vor einer entsprechenden Versammlung.

Allerletzte Etappe: Iran „Ich liebe dich, auch wenn du mich hasst.“

Im Iran angekommen, berichtet der Historiker Rahim Raisnia Kermani von aserbadschanischen Minderheiten – obwohl: Nur die Hälfte der Iraner seien persische Muttersprachler. Kultur und Literatur der Aseris könne nur privat gepflegt werden; doch einige Aseris wünschten sich „lediglich eine vernünftige Autonomie“ innerhalb des Landes, die anderen fühlten sich zur anderen Seite gehörig und plädierten für eine Vereinigung mit Nord-Aserbaidschan. Raisnia hatte dem Schriftsteller Anar, der dem Verband angehörte, dem Akram Aylisli angehört hatte und ausgeschlossen worden war empfohlen: „Unsere Aufgabe (der Schriftsteller) ist es, Feuer zu löschen, nicht, sie, zu entfachen.“ Und zur Antwort bekommen: "„Ich liebe dich, auch wenn du mich hasst“, eine Zeile aus einem alten Volkslied, sei nicht mehr ohne weiteres vorzutragen. „Die Feindesliebe war also auch in Aserbaischan ein Ideal und eine Unmöglichkeit“, so Kermani am achtundvierzigsten Tag. Es gebe eine Art „roter Linien", „Graben“ halt. In Minsk hatte er Musik als Mittel, Grenzen zu überwinden, konstatiert (dreiundvierzigstes Kapitel).

Kermani wirkt angekommen. Man erfährt noch über „die Mängel der Männer“ von starken Frauen, vom aufständischen Premierminister Mohammed Mossadegh, der 1953 das britische Öl verstaatlichte und vom CIA gestürzt worden war. „Die Bilder des iranischen Ministerpräsidenten, der das Erdöl verstaatlichte und damit den Briten entzog, gingen Anfang der fünfziger Jahre des vergangenen Jahrhundert um die Welt: der renitente Führer eines Entwicklungslandes, das geltende Verträge mit einer Weltmacht bricht, aufrecht im Bett über Papieren sitzend, in Hemd und Pyjamahose aus billigem iranischem Material, wie es die einfachen Leute tragen. Es war sein bevorzugter Arbeitsplatz. Auch Besucher, darunter viele ausländische Emissäre und sogar Minister hat er an diesem Bett empfangen, und das war nicht nur ein Signal, nie mehr vor dem Westen stramm zu stehen, wie es in Iran verstanden wurde, oder die Unverschämtheit eines Irrsinnigen, der Weltpolitik zu spielen versucht, wie es die westliche Presse darstellte, selbst linksgerichtete Magazine wie der Spiegel übrigens, auf dem Titel Mossadeghs Kopf von unten photographiert mit verzerrtem Mund und durch die Perspektive mit riesiger Hakennase wie in der Ikonographie des Nationalsozialismus.“ Anders als die Deutschen verbinden die Iraner mit Amerika nicht die Erfahrung einer Befreiung, sondern der gewaltsamen Unterdrückung. „Mossadegh war krank, er litt an einer seltsamen, nie aufgeklärten Nervenkrankheit, hatte oft Fieber und konnte stundenlang über seine Magengeschwüre sprechen, die kein Arzt richtig diagnostiziert habe. Außerdem hielt er sich von seinem Amtssitz fern, weil dort zu viele Leute mit verdächtigen Interessen auf ihn einredeten. Von so ausgesuchter Höflichkeit er war, wie alle Zeitzeugen berichten, so unangenehm war ihm die Ziererei auf Empfängen und Bällen. Er verachtete die Gespreiztheit der Aristokratie, wie nur ein Aristokrat sie verachten kann. Als Sprößling der Kadscharen kämpfte er während der Konstitutionellen Revolution von 1906 vehement gegen seine eigene gesellschaftliche Klasse, ja, seine eigene Familie. Vor großen Kundgebungen, die er immer wieder einberief, um sich öffentlich zu erklären, wenn seine Gegner intrigierten, fürchtete er sich eigentlich – und das, obwohl er ein so mitreißender Redner war, dass er Hunderttausende zum Weinen bringen konnte. Vor Ergriffenheit fing er dann oft selbst an zu weinen oder sank hinterm Pult ohnmächtig zu Boden. Im Parlament geriet er einmal in solche Wut, daß er aus dem Ehrenstuhl des Regierungschefs die hölzerne Armlehne herausbrach und wild damit herumfuchtelte. „Der Löwe“ nennen ihn die Iraner bis heute wegen seiner Kraft. Dabei klagte er ständig über seine Gebrechen, sein Alter, seine Schwäche, las auf internationalen Konferenzen sein medizinisches Bulletin vor und drohte immerzu, die Last, die sein Amt bedeute, sofort und für immer abzuschütteln - falls man seine Forderung nicht erfülle.

Tatsächlich hat Mossadegh in seiner langen politischen Laufbahn, die vierzehnjährig begann, als ihn der Kadscharenkönig zum Schatzmeister der riesigen Provinz Chorasan ernannte, und ihn mehrfach ins Gefängnis, ins Exil, aber genauso oft in Ministerämter führte, tatsächlich hat er mehr als einmal kurz entschlossen und auf offener Bühne seinen Rücktritt erklärt, weil ihm etwas nicht paßte, hat sich in seinen türkisfarbenen Pontiac gesetzt und von seinem Fahrer bei Vollgeschwindigkeit zu seinem Landsitz in Ahmadabad bringen lassen, wo er für Wochen nicht einmal das Telefon abhob. Mindestens so groß wie seine Liebe zum Land war seine Kunst, sich Feinde zu machen. Mossadegh war ein Held, wie es in der Politik nur Helden geben kann, aber ein Politiker war er nicht.“ - endgültig

Heute darf das Dorf, in welchem er lebte, nicht ausgeschildert sein; keine einzige Straße nach ihm benannt, mit Demonstranten, die sein Konterfei 2009 hochgehalten hatten, wurde kurzer Prozess gemacht.

Traurig nimmt Kermani zur Kenntnis, dass Iran von Bildung abgeschnitten. Die Informationen zear nicht unterdrückt, das Internet sei frei, aber das Denken lahmgelegt. Auch wenn es alles offenlege. Trotzdem keine Gegenentwürfe mehr, denn solche hätten nur „Unheil angerichtet“ (einundfünfzigster Tag) Und auch das Mausoleum Ajatollah Chomenis erscheint ihm wenig prächtig und uninspiriert. Besonders verehrt scheint Chomeni nichr mehr zu sein, „geliebt () nur (noch) von den treusten Anhängern seiner Revolution. So sei, auf Nachfrage, die Kuppel des Mausoläums nicht aus Gold, sondern „nur ein ganz billiges Material“. Ganz anders beindruckt hat ihn der Friedhof Be­hescht-e Sah­ra, dem so genannten „Pa­ra­dies“ der Pro­phe­ten­toch­ter Sah­ra, „ein Fried­hof, so groß wie eine Stadt, mit Stra­ßen, Bus­hal­te­stel­len, Re­stau­rants, Am­peln, Ge­schäf­ten und Ver­kehrs­schil­dern, nur dass die Le­ben­den aus­schließ­lich Be­su­cher, aus allen Schichten, sind“, „die Grabreihen überdacht wie Parkplätze“, - die Verstorbenen sind jung.

Im Iran – auch wird es zum ersten Mal persönlich, im Bekenntnis zur Freundschaft mit dem Münchner Bildhauer Karl Schamminger. Dieser hatte sich mit der Gestaltung des Imam-Hussein-Platzes befasst. Dieser Bildhauer, anonym zwar, wird in Kermanis Buch „Dein Name“ intensiver vorgestellt. Dessen Frau, so wird es dort beschrieben, ist eine bildschöne und intelligente Iranerin, die an Krebs stirbt und ihre Weisheit bis zur Todesminute nicht verliert. Auch der Sohn dieses Paars fällt dieser grausamen Krankheit zum Opfer.

"Dass auch die jüngere Tochter einmal ihre eigene Kindheitserinnerung am Iran hat, war der wichtigste Grund, vier Wochen in Isfahan zu sein - dass sie die Sprache besser versteht, andere Kinder kennenlernt, schöne Erlebnisse mitnimmt, andere Kinder kennenlernt, schöne Erlebnissemitnimmt. Sie soll nicht nur wissen, dass ihr ein zweites Land gehört (keinem Land sie). (Mit der Familie in Isfahan)

Zum Thema | Ahmet Altan Reisen: „Was ihn am Leben erhält, ist sein Schreiben“

Auf der Frankfurter Buchmesse wurde in diesem Jahr das neue Buch des türkischen Journalisten, Schriftstellers und Intellektuellen Ahmet Altan vorgestellt. Er befindet sich seit zwei Jahren, zu lebenslänglicher Haft unter erschwerten Bedingungen und ohne Aussicht auf Begnadigung verurteilt, in der Türkei in Haft, weil er subliminale Botschaften verbreitet haben soll. Doch vom Gefängnis aus kann er schreiben. - Schon im Titel seines neuen Buchs beschreibt Ahmet Altan seine Situation: „Ich werde die Welt nie wiedersehen.“ (S. Fischer Verlag) Auch Ahmet Altans, auch im Gefängnis, stellt sich und seine Situation in einen größeren Zusammenhang, literarisch, historisch und – politisch.

Über das Reisen schreibt er: „Die mich hier eingesperrt haben, mögen die Macht dazu besitzen. Doch im Gefängnis festzuhalten, dazu reicht ihre Macht nicht. Auf den Flügeln meiner unendlichen Vorstellungskraft werde ich die ganze Welt bereisen. Außerdem habe ich überall auf der Welt Freunde, die mir beim Reisen helfen. Wobei ich die meisten von ihnen überhaupt nicht kenne. Jedes Auge, das meine Zeilen liest, jede Stimme, die meinen Namen nennt, nimmt mich wie eine kleine Wolke bei der Hand und fliegt mit mir über weite Ebenen, Wälder, Quellen, Meere, Städte und Straßen. Ohne große Worte gewähren meine Freunde mir Gastrecht in ihren Häusern, Sälen und Zimmern. Ich schreibe diese Zeilen in einer Gefängniszelle, aber ich bin nicht gefangen. Ich bin Schriftsteller.“

Christine Striegel

(1) Abendzeitung, München, 12.02.2018

Reise-Etappen Kermanis

Köln
Erster Tag: Schwerin
Zweiter Tag: Von Berlin nach Breslau
Dritter Tag: Auschwitz
Vierter Tag: Krakau
Fünft er Tag: Von Krakau nach Warschau
Sechster Tag: Warschau
Siebter Tag: Warschau
Achter Tag: Von Warschau nach Masuren
Neunter Tag: Kaunas
Zehnter Tag: Vilnius und sein Umland 
Elfter Tag: Über Paneriai nach Minsk
Zwölft er Tag: Minsk und Chatyn
Dreizehnter Tag: In die Sperrzone von Tschernobyl
Vierzehnter Tag: Kurapaty und Minsk
Fünfzehnter Tag: In die Sperrzone hinter Krasnapolle
Sechzehnter Tag: Von Minsk nach Kiew
Siebzehnter Tag: Kiew
Achtzehnter Tag: Von Kiew nach Dnipro
Neunzehnter Tag: An die Front im Donbass
Zwanzigster Tag: Über Mariupol ans Schwarze Meer
Einundzwanzigster Tag: Am Schwarzen Meer entlang nach Odessa
Zweiundzwanzigster Tag: Odessa
Dreiundzwanzigster Tag: Abflug aus Odessa
Vierundzwanzigster Tag: Über Moskau nach Simferopol
Fünfundzwanzigster Tag: Über Bachtschyssarai nach Sewastopol
Sechsundzwanzigster Tag: Entlang der Krimküste 
Siebenundzwanzigster Tag: Von der Krim aufs russische Festland 
Achtundzwanzigster Tag: Nach Krasnodar 
Neunundzwanzigster Tag: Von Krasnodar nach Grosny 
Dreißigster Tag: Grosny 
Einunddreißigster Tag: In den tschetschenischen Bergen 
Zweiunddreißigster Tag: Von Grosny nach Tiflis 
Dreiunddreißigster Tag: Tiflis 
Vierunddreißigster Tag: Tiflis 
Fünfunddreißigster Tag: Nach Gori und an die georgisch-ossetische Waffenstillstandslinie 
Sechsunddreißigster Tag: Von Tiflis nach Kachetien 
Siebenunddreißigster Tag: Von Kachetien nach Aserbaidschan 
Achtunddreißigster Tag: Entlang der aserisch-armenischen Waffenstillstandslinie 251
Neununddreißigster Tag: Mit dem Nachtzug nach Baku 
Vierzigster Tag: Baku 
Einundvierzigster Tag: Baku und Qubustan
Zweiundvierzigster Tag: Abflug aus Baku
Dreiundvierzigster Tag: Eriwan
Vierundvierzigster Tag: Eriwan
Fünfundvierzigster Tag: Zum Sewansee und weiter nach Bergkarabach
Sechsundvierzigster Tag: Durch Bergkarabach
Siebenundvierzigster Tag: An die armenisch-aserische Waffenstillstandslinie und weiter nach Iran
Achtundvierzigster Tag: Über Dscholfa nach Täbris 
Neunundvierzigster Tag: Über Ahmadabad zur Festung Alamut 
Fünfzigster Tag: Ans Kaspische Meer und weiter nach Teheran 
Einundfünfzigster Tag: Teheran
Zweiundfünfzigster Tag: Teheran
Dreiundfünfzigster Tag: Teheran
Vierundfünfzigster Tag: Abflug aus Teheran

Mit der Familie in Isfahan

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