Impulse | Pfarrgemeinde Herz Mariae

„Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider Deinen Nächsten“

... Das achte der Zehn Gebote oder „Du sollst nicht ´alternative Fakten` schaffen“…

Zum Problem der „gefühlten Wahrheit“ in unserer Gesellschaft

Nicht nur ein neues Kirchenjahr hat mit dem ersten Advent begonnen, sondern am ersten Januar auch das Jahr 2018.

„Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, der uns beschützt und hilft zu leben. (…) Dieser Teil des Gedichtes „Stufen“ von Hermann Hesse wurde in unserem Krippenspiel als Teil der „schönen Wörter“, die die Maus Ada gesammelt hatte, zitiert.

Anfang bedeutet Beginn, Neubeginn. Der Jahreswechsel ist für viele die Zeit, neue, „gute“ Vorsätze zu fassen, etwas ändern zu wollen, vielleicht sich ändern zu wollen. Offenbar gibt man die Hoffnung nicht auf, dass die Umstände wieder/noch besser werden können…

So waren die Zehn Gebote das letzte Thema des Erstkommunionunterrichtes im Advent. – Und das erste Thema im Jahr 2018 waren die (fünf) Kirchengebote.

In unserem Spiel Kommuniopoly, dem Kommunionplakat, das ja an das Spiel ähnlichen Namens angelehnt ist, ist das Gefängnis durch den sogenannten Beichtspiegel ersetzt. Diesen kleben die Kinder später in ihr kleines selbstgemachtes Gebetbüchlein. Er dient als Hilfsmittel bei der Gewissenserforschung in der Vorbereitung auf das Sakrament der Buße. Der Beichtspiegel enthält Fragen zum Leben, die der Selbstprüfung und der Unterstützung des Gedächtnisses dienen. Alles auf der Grundlage der Zehn Gebote, des sogenannten Dekalogs. Sowohl dieser, als auch der Beichtspiegel, es gibt einen speziell für Kinder, finden sich im Gotteslob (29.6, 598.1-4).

Die Zehn Gebote sind biblischer Herkunft. Jesus hat sie einmal so zusammengefasst: Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen und ganzer Seele, mit all deinen Gedanken und all deiner Kraft. Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. (vgl. Mk 12,29–31) Die Zehn Gebote kommen also von Gott und stehen für ein gelingendes Leben. Sie sind Wegweiser für ein Leben aus dem Glauben; wir vergleichen sie im Kommunionunterricht mit Verkehrsschildern und Leitplanken an einer Straße. Ohne sie liefe alles drunter und drüber. Gebote geben Halt und Orientierung und sind Grundlage für unsere eigene Freiheit und die der Mitmenschen. Unsere Gesellschaft braucht Regeln, die nicht zuletzt auf diese Zehn Gebote zurückgehen. Auf ihnen fußt jede Demokratie.

So heißt es beispielsweise im achten Gebot „Du sollst nicht lügen“. Jeder hat vermutlich schon erlebt, dass es schwierig werden kann, wenn man nicht ehrlich miteinander umgeht. Dies schafft Missverständnisse. 

Schon Kinder wissen, wie unsere Kommunionkinder immer wieder bestätigen, dass es alles andere als schön ist, wenn man feststellt, dass man angeschwindelt wird oder dass über einen „falsch Zeugnis“ abgegeben wird. Was ist die Reaktion? Empörung, Verachtung, Trauer, Wut… – je nachdem, um wen es sich gerade handelt und um was es geht. - Man fühlt sich verkannt und missbraucht.  Ge täuscht –  ent täuscht.

Denn:

• Lügen manipulieren. Zum Guten, aber leider meistens zum Schlechten. Wenn man belogen wird, steht man „falsch“ da. Das lähmt. Hoffentlich nur zeitweise. – Oder erfordert einen besonderen Kraftakt, das Richtige herauszustellen…

• Lügen zerstören Vertrauen. „Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht“ (mehr). Dabei ist Vertrauen die Grundlage alles menschlichen Miteinanders: privat und öffentlich. Das heißt: Lügen untergraben systematisch das Fundament unseres Zusammenlebens und –arbeitens.

• Lügen sind ärmlich. Ist es nicht schwach, wenn einer nicht die Kraft aufbringt, zu dem zu stehen, was er denkt und tut? Wie arm, wenn jemand zum Mittel der Täuschung greifen muss…

„Lügen haben kurze Beine“. Ganz davon abgesehen ist es peinlich, der Lüge überführt zu werden. ;-)

Gesamtgesellschaftlich steht das Unwort des Jahres 2017, „Alternative Fakten“, „für einen gefährlichen Trend“, wie die HNA vom 17. Januar feststellt. Immerhin ist dieser Begriff, der auf US-Präsident Donald Trumps Beraterin Kellyanne Conway im Zusammenhang mit den Zuschauerzahlen bei dessen Amtseinführung zurückgeht, ausgewählt worden. Diese Tatsache müsste natürlich die Verankerung dieses Teils der Zehn Gebote im allgemeinen Wertekanon beweisen; dennoch bietet sie Anlass für besorgniserregende Tendenzen, sowohl im direkten Umgang miteinander als auch in den sozialen Medien, die uns inzwischen zweifellos prägen. Denn der Ausdruck „Alternative Fakten“ stehe „für die sich ausbreitende Praxis, den Austausch von Argumenten auf Faktenbasis durch nicht belegbare Behauptungen zu ersetzen“, so die Jury-Sprecherin, Linguistik-Professorin Nina Janich. Unwahres und unsachliches Miteinander erschweren den Austausch und machen unfrei, weil Meinungsbildung – und die macht den Menschen aus – verhindert wird. Dafür dürfte der amerikanische Präsident Donald Trump, der nun (zu Jahresbeginn auch eine Feststellung) ein Jahr im Amt ist, leider insgesamt ein Beispiel abgeben. „Echte“ (wahre) Auseinandersetzung mit politischen Inhalten scheint eben zu fehlen.

So ist Kunst (Bildende Kunst, Musik, Literatur, Darstellende Kunst) als gesellschaftliches Regulativ sehr wichtig; denn Kunst ist und war stets auf der Suche nach dem Wahren, durch Vermittlung des Schönen, aber auch des Kritischen. Sie kann gleichzeitig auch nur „gedeihen in vollkommener Freiheit...“, ein „Künstler muss als Künstler Anarchist sein" dürfen, so der provisorische Ministerpräsident Kurt Eisner in einer Rede vor dem Nationalrat am 3.11.1918. Dies sagte er kurz nach Ende des Ersten Weltkriegs, vor hundert Jahren. Schon bald sollte die freie, ehrliche Meinungsbildung abgeschafft werden. Wir wissen, was folgte: die dunkle Zeit des Nationalsozialismus.

Von guten Mächten treu und still umgeben,

behütet und getröstet wunderbar,

so will ich diese Tage mit euch leben
und mit euch gehen in ein neues Jahr.

Die Kommunionkinder starten regelmäßig mit dem berühmten Gedicht/Gebet von Dietrich Bonhoeffer, das später Lied geworden ist, ins Jahr. Es ist in der Adventszeit 1944 entstanden und zielte auf Weihnachten und die Jahreswende hin. Dietrich Bonhoeffer (* 1906 in Breslau; † 1945 im KZ Flossenbürg) war evangelischer Theologe und am deutschen Widerstand gegen den Nationalsozialismus, auch an Attentatsversuchen auf Adolf Hitler, beteiligt. Im berüchtigten Kellergefängnis des Reichssicherheitshauptamtes entstand dieses Gedicht, das er seinem letzten Brief an seine Verlobte, Maria von Wedemeyer, beilegte. Es stellt eindrucksvoll dar, wie wenig sich Bonhoeffer verlassen fühlte in seiner schweren, ausweglosen Situation, weil er Gott durch Jesus Christus bei sich (und bei allen) als Begleiter und Beschützer sah. Dieses Spüren des Bewahrt-Seins „am Abend und am Morgen“ durch gute „Mächte“ ist etwas, was wir Erwachsene heute nicht weniger brauchen als Kinder. Daraus resultiert nämlich: Das Positive sehen können, nicht das Negative. Wirklichkeiten sehen können, Schönes, Gespräche, Musik, Familie, Freunde, geführt durch die „gute und geliebte Hand“ Gottes. Nicht anklagen, anderes und andere verantwortlich machen, sondern Wahres für sich dankbar wahrnehmen und daraus WAHR handeln und WAHR miteinander umgehen. Auf „gute Mächte“ kann man aktiv reagieren; man kann ihnen Vertrauen entgegenbringen; denn sie sind so etwas wie Mittler zwischen Himmel und Erde; die Kinder dachten da gleich an den Weihnachtsengel… Und an ein Gebet…


Von guten Mächten treu und still umgeben,

behütet und getröstet wunderbar,
Gott ist bei uns am Abend und am Morgen
und ganz gewiss an jedem neuen Tag.

Auch die sogenannten Kirchengebote sind Wegweiser, wie das Leben der Christen im Alltag gelingen kann; allerdings kommen sie nicht von Gott selbst, sondern sind Äußerungen der Kirche, die sich über lange Zeit entwickelt haben. Das fünfte Gebot lautet, kurz gesagt, „Hilf Deiner Gemeinde.“ Im neuen Gotteslob wird darauf hingewiesen, dass die Kirchengebote das Wachstum der Gottes- und Nächstenliebe aller Gläubigen fördern wollen. Auch diese Gebote bieten Orientierung.

In der Kirche St. Ludgeri, einer katholischen Kirche im westfälischen Münster, befindet sich ein handgeschnitztes Bildnis des gekreuzigten Jesus Christus. Es wurde 1929 gefertigt und wurde bei einem Bombenangriff im Jahr 1944 beschädigt, und zwar so, dass die Figur ihre Arme verlor. Auf Beschluss der Kirchengemeinde blieb das Werk nach Ende des Zweiten Weltkrieges in dieser beschädigten Form erhalten. An der Stelle, wo sich zuvor die Arme befanden, ist nun eine Inschrift mit den Worten „ICH HABE KEINE ANDEREN HAENDE ALS DIE EUEREN“ angebracht.

Die zerstörte Christusfigur soll eine bleibende Erinnerung sein. An die furchtbare Zerstörung und vor allem an die Vernichtung menschlichen Lebens durch Krieg, Gewalt und Terror… Jedenfalls beschreibt diese Figur das fünfte Kirchengebot sehr genau: Jesus möchte, so wird es den Erstkommunionkindern erklärt, dass wir ihm unsere Hände zur Verfügung stellen. Das bedeutet, den Menschen, insbesondere der eigenen Gemeinde, zu helfen, um die Gemeinschaft zu befruchten, und nicht zuletzt, um sie zu erhalten: Anpacken, wo man Bedarf erkennt, seinem Gewissen folgend… Denn hier besteht eine Verbindung zum achten der Zehn Gebote Gottes: Nicht „herummäkeln“, gucken, ob andere etwas falsch machen, sondern selber machen, geleitet von dem, wie Jesus es vorgelebt hat! Weitermachen! So kann man die Inschrift auch fortführen. Es gibt dazu ein Gebet:

Christus hat keine Hände, nur unsere Hände, um seine Arbeit zu tun.

Er hat keine Füße, nur unsere Füße, um Menschen auf seinen Weg zu führen.

Christus hat keine Lippen, nur unsere Lippen, um Menschen von ihm zu erzählen.
Er hat keine Hilfe, nur unsere Hilfe, um Menschen auf seine Seite zu bringen.

Den Kommunionkindern fiel dazu gleich viel ein, und sie formulierten damit auch Verpflichtungen für uns Erwachsene: freundlich sein – Hilfe anbieten – Mut machen – teilen – Alten und Kranken helfen – Gemeinschaften bilden…  

Das gibt einen anderen Blick für die Menschen, mit denen man es zu tun hat. Manchmal nimmt das einem Streit seine Schärfe. Nimmt es gar die Versuchung, unaufrichtig zu sein?

Die Kirchengebote sind den Zehn Geboten übrigens nicht gleichgestellt. Dennoch gelten sie als verpflichtend und besitzen laut Gotteslob "verbindlichen Charakter" (29.7) mit hilfreichen Weisungen. Es geht ebenfalls um das Verhältnis des Gläubigen zu Gott und zu seinem Nächsten. Die Kirchengebote sollen ein Ansporn für eine gute Lebensführung aus der Perspektive des Glaubens sein. Wer zum Beispiel regelmäßig in den Gottesdienst geht, wie in den ersten beiden Geboten thematisiert, baut wahrscheinlich eine andere Beziehung zu Gott auf als jemand, der nicht zur Messe geht. Wie man Hoffnung aus dem Glauben an Jesus Christus für sein Leben schöpft, erfährt man im Gottesdienst…

Auch wird empfohlen, die österliche Fastenzeit oder die Abstinenztage wie Aschermittwoch oder Karfreitag einzuhalten. Dabei geht es um die wiederkehrende Möglichkeit einer Neuausrichtung seines Lebens, auf Gott hin und seinen Nächsten. So lautet es auch im Evangelium des Dritten Sonntags im Jahreskreis: „Nachdem man Johannes ins Gefängnis geworfen hatte, ging Jesus wieder nach Galiläa; er verkündete das Evangelium Gottes und sprach: Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe. Kehrt um, und glaubt an das Evangelium!“ Mk 1,14-15

Nicht nur unsere Heiligen, sondern auch Persönlichkeiten wie Dietrich Bonhoeffer, Anne Frank, Sophie und Hans Scholl (Mitbegründer der „Weißen Rose“) sind als Vorbilder wichtig. – Sie alle dürfen nicht vergessen und ihre Biographien müssen Kindern vermittelt werden. Sich mit Menschen zu befassen, die so konsequent Regeln befolgt und zu ihren gemacht haben, dient der Charakterbildung: das bedeutet, Böses/Unwahres zu erkennen, Böses/Unwahres zu vermeiden, aber auch auf Böses/Unwahres, wenn es sein muss, zu reagieren, mit Courage, Zivilcourage…

Hier noch eine Anmerkung zu Dietrich Bonhoeffer. Er hätte ein gelungenes Attentat auf Hitler nicht „rechtfertigen“, sondern „verantworten“ wollen. Messerscharf hatte er die Gefahr erkannt, dass eine „Rechtfertigung“ in die Nähe des Unwahren hätte gelangen können, weil „sich rechtfertigen“ etwas mit „sich herausreden“ zu tun hat… 

Demgegenüber: „Schöne Wörter“: Verantwortung übernehmen… in Bewusstsein, mit Rückgrat.

Kinder erfahren auch in Elternhaus und Schule die positive Bedeutung von Regeln und Geboten für ein gutes, aufrechtes Miteinander. Auch für die psychische Entwicklung von Kinden sind verlässliche Orientierungspunkte unverzichtbar.

Erwachsene müssen Kinder in Wort und Tat dabei unterstützen, diese sinnvollen und hilfreichen Regeln einzuüben – mit Hilfe von Geboten, so auch und mit dem Vorleben von Ehrlichkeit. Denn Wahrhaftigkeit bedeutet Glaubwürdigkeit und ist somit Grundlage für Vertrauenswürdigkeit. 

Der kirchliche Raum - wenn nicht dieser, welcher dann? - bildet dazu eine Plattform: Raum zum Leben.

 

Christine Striegel

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