Impulse | Pfarrgemeinde Herz Mariae

Brot statt Böller?

Der Komet von Paris | Licht am Himmel...

Jedes Jahr stellt sich, zumindest meiner Familie, wieder die Frage: Müssen Böller wirklich sein? Unter dem Motto „Brot statt Böller“ ruft die Hilfsorganisation "Brot für die Welt" seit Anfang der 1980er Jahre dazu auf, einen Teil der Geldsumme, die ansonsten für Feuerwerkskörper in der Silvesternacht ausgegeben wird, für die Entwicklungshilfe zu spenden, seit 2010 ergänzt durch die Zeile „Teilen macht Freude“. Im Vordergrund der Aktion steht nicht mehr nur der Verzicht auf das Feuerwerk, sondern die Idee des Teilens aus Anlass der Silvester-Feierlichkeiten. Denn: Warum ist uns das Licht am Himmel so wichtig?

Paul Klee, Der Komet von Paris, 1918, Zeichnung, aquarelliert, 20,8 × 10,6 cm, Staatliches Puschkin-Museum für Bildende Künste, Moskau
Paul Klee, Der Komet von Paris, 1918, Zeichnung, aquarelliert, 20,8 × 10,6 cm, Staatliches Puschkin-Museum für Bildende Künste, Moskau

Die Zeichnung „Der Komet von Paris“ von Paul Klee (1879 - 1940, Maler und Kunst-Theoretiker) ist in der Mitte seines Schaffens entstanden.


Das Bild zeigt einen Seiltänzer, der hoch über der Stadt Paris, erkennbar an der Silhouette des Eiffelturms, balanciert. Um seinen Kopf herum schwirrt ein Komet. Das Bild ist nun 100 Jahre alt - vergleichbare Zeiten?, stammt also aus dem Jahr 1918, dem Jahr des Endes des Ersten Weltkriegs. Für die Menschen damals ein utopisches Jahr; denn sie fragten sich, wie ihr Leben, sowohl ihr persönliches als auch ihr allgemeines, nun weitergehen sollte. Eine Zeit der Visionen begann, die auch ihren Ausdruck in Kunst und Architektur fand. Die „Klassische Moderne“ sollte ein Aufbruch werden, die Wahrheit hinter der Wirklichkeit mittels Abstraktion zu finden.


Doch zurück zum Kometen. Wofür stand er? Ein Komet ist ein außergewöhnliches Ereignis und steht zwischen Himmel und Erde. Er symbolisiert, beispielhaft für „1918“, die „Zwischenstellung“. Zum einen erscheint eine „neue Welt“ am Horizont, die Hoffnung auf eine bessere Zukunft macht, mit Raum für Ideen und Visionen. – Zum anderen und demgegenüber steht da die Wirklichkeit mit den Tatsachen der Zeit. Die Silhouette von Paris am unteren Bildrand versinnbildlicht so den harten Boden der Realität, auf den man, insbesondere ein Seiltänzer, stürzen kann, wenn man sein Gleichgewicht auf der Suche nach dem „Mehr“ nicht findet. 

Das „Mehr“ sind die Träume und die Hoffnungen, auf deren Suche auch die vier Mäuse in unserem Krippenspiel waren, die nicht wie die anderen für den Winter Körner und Nüsse, sondern Sonnenstrahlen, Farben, Wörter und Noten sammelten. Diese Gaben brachten sie später dem Jesuskind dar. Der Seiltänzer im Bild steht also in der Mitte zwischen den Ideen und Visionen einerseits und der Wirklichkeit, in der Struktur und Form des „modernen“ Eiffelturms der Weltausstellung von 1889 dargestellt, andererseits.


Es besteht für den Akrobaten (und für uns) immer die Gefahr abzustürzen. Oder man schafft es eben, oben zu bleiben, am Licht, und seine persönlichen Träume zu verwirklichen, wie die Mäuse im „Spiel“. Denn das ganz besondere Licht, so haben wir es wieder in der Weihnachtsgeschichte erfahren, war der Stern von Betlehem, der Stern der Verheißung und der Hoffnung.


Wieder zum Bild: Auf der Stirn des Seiltänzers prangt ein Davidstern, mit einem Schweif. Der Davidstern, auch die Verbindung zwischen Altem und Neuem Testament, wird gern als symbolische Darstellung der Beziehung zwischen Menschen und Gott interpretiert. Das nach unten weisende Dreieck besagt: Der Mensch hat sein Leben von Gott erhalten. Das nach oben weisende Dreieck soll sagen: der Mensch wird zu Gott zurückkehren. Und der Schweif? Auch der Stern von Betlehem wird meistens mit einem Schweif dargestellt, allerdings auch jeder Komet, schließlich „Schweifstern“ genannt. Er ist ein kleiner Himmelskörper, der in den sonnennahen Teilen seiner Bahn einen leuchtenden Schweif aus Gasen entwickelt.


So weist dieser zweite Stern wohl darauf hin, dass der Seiltänzer, stellvertretend für uns Menschen, gleichsam wie auf einem Seil, auch zwischen Geburt und Tod jongliert. Er muss die Balance halten, sie aushalten, auf der Suche dessen, worin das Seil seinen Halt findet. Dargestellt ist dieses Seil folglich nicht. Es verliert sich nach links und rechts, sozusagen über Geburt und Tod hinaus. Im Ungewissen, Mystischen oder im GLAUBEN? Ist es gehalten von der unsichtbaren Macht Gottes? Ungewisses will jedenfalls ausgehalten sein, braucht Balance, sonst stürzen wir ab.


Der Kopf des Seiltänzers ist offensichtlich zu groß geraten und zudem gelb koloriert. Ist er so groß, um die „Größe“ der Gedanken darzustellen? Dafür spräche die Kolorierung: Gelb bedeutet Helligkeit, Erleuchtung. Vielleicht ist der Kopf aber auch so groß, um die Schwierigkeit des „Drahtseilaktes“ zu betonen… beschwert und begrenzt in jeder Hinsicht?


Unten also der Raum der Endlichkeit des Lebens, oben die Unendlichkeit. Dazwischen der Seiltänzer in einer hellen „Wolke“. Hier, in der Mitte, scheint sich alles zu begegnen, Raum und Zeit. Ein dunkler Streifen am oberen Bildrand begrenzt das Bild, zieht aber den „Raum“ so nach oben und hebt die Endlichkeit empor. Tiefe und Ausdehnung gibt es nicht wirklich; der „Raum“ ist offen. Er lässt uns ahnen, dass wir auf unserem "Lebensseil" frei, Balance suchend, jonglieren, und dass unser endliches Dasein aufgehoben ist in einem größeren Ganzen, das weder Struktur noch Maß braucht – ein Raum, in dem alles aufgeht und der alles verwandelt – ein Himmel also, der über unserem Leben steht.


Dort können wir eine ganz andere Dimension unseres Lebens erahnen und finden, wie wir hoffen und GLAUBEN.

 

Dafür steht also der Komet. - Nun muss ich an die Michel-Geschichte von Astrid Lindgren denken, vom Mittwoch, dem 31. Oktober, „als Michel sich ein eigenes Pferd anschaffte und Frau Petrell und ganz Vimmerby um den Verstand gebracht hätte“. Die Leute in Småland warteten auf einen großen Kometen, der kommen sollte, just an diesem Tag. Sie hatten allerdings eine „Riesenangst“ vor dem Kometen, der „so plötzlich die ganze Erde in Stücke schlagen und Schluss machen würde, mit allem, was schön war“. Und dies "ausgerechnet" am „Jahrmarktstag von Vimmerby“, so die etwas einfältige Magd Lina. Nun, es ist nicht der Komet, sondern Michel, der auf den hohen Stelzen des Bürgermeister-Sohnes „wie eine Kanonenkugel“ durch das Fenster kracht „und mit dem Kopf genau in die Blaubeersuppe“ fällt. Michel droht nun auch im Angesicht der Bestrafung im Tischlerschuppen, das Feuerwerk zu verpassen, „das größte, das es jemals in Vimmerby gegeben hat“, so Gottfried, der Bürgermeister-Sohn.

Die Geschichte nimmt, wie viele wissen, ein gutes, gar heldenhaftes Ende für Michel, ohne Kometen und für ihn doch noch mit einem Feuerwerk...


Wir haben uns in diesem Jahr einmal wieder gegen Böller entschieden.


Christine Striegel


Nachtrag:


Der Morgenstern ist nach Sonne und Mond das mythologisch bedeutsamste Einzelgestirn. Generell wird als Morgenstern das hellste vor Sonnenaufgang hervortretende Gestirn bezeichnet. Als Morgenstern können vor allem Venus, aber auch Merkur und Jupiter in Erscheinung treten.

In der Kunstgeschichte kommt das Motiv des Morgensterns vielfach vor. So findet sich auch ein dunkel hervortretender Stern in zahlreichen Bildern Paul Klees und kann (auch) als Morgenstern gedeutet werden. "Durch die Verschmelzung zweier Pyramidenformen wird aus dem üblichen Fünfzack ein Hexagramm, das auch in anderen Arbeiten Klees symbolisch für das Morgenland steht" (Katalog zur Ausstellung in Dresden 2014: "Paul Klee. Die Reise nach Ägypten 1928/29", Herausgeber: Galerie Neue Meister, Staatliche Kunstsammlungen Dresden; Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf, April 2014). Im Bild "Der Komet von Paris" wird dies wegen der Konturzeichnung eines Davidsterns besonders deutlich.
"Ausgehend von den neutestamentlichen christologischen Aussagen Offb 22,16  EU und 2 Petr 1,19  EU entfaltet die christliche Tradition vielfach in Form von Hymnen das Bild von Christus als dem Morgenstern." (Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Morgenstern)

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