Impulse | Pfarrgemeinde Herz Mariae

Albrecht Dürer: * 21. Mai 1471 in Nürnberg | † 6. April 1528 daselbst 

Könige!

Bezeugen... Was macht der Ochse im Bild?


Im Wohnzimmer meiner Großmutter hing eine Reproduktion der „Betenden Hände“ (auch: „Studie zu den Händen eines Apostels“, der Zeuge der Himmelfahrt Mariens ist) von Albrecht Dürer. Ein beliebtes Bild. Als Kind hat es mich fasziniert. Das Original der Tintenzeichnung von 1508 befindet sich in der Albertina in Wien. Es handelt sich um eine Teilstudie für ein Altarbild.

Sehr bekannt ist auch „Der Feldhase“ von 1502, eine Naturstudie als Aquarell mit Deckfarben und Weiß. Die Bilder sind vergleichbar; künstlerisch meisterhaft dargestellt und als Motiv, eben auch für ein Kind, sofort erfassbar.


Beide Bilder vermitteln Geborgenheit - und Vertrauen.

6. Januar

Am sechsten Januar feiern wir das Epiphaniasfest, das Hochfest der Erscheinung des Herrn. Es ist das älteste Fest der Kirche. Früher galt der sechste Januar als Jahresbeginn und markierte das Ende des Winters. Ab dem vierten Jahrhundert wurde das Fest durch das christliche Fest der Epiphanie ersetzt. Nach der Kalenderreform von Papst Gregor XIII. verlegte Papst Innozenz XII. den Jahresbeginn vom sechsten auf den ersten Januar. 

Eigentlich ist es das Fest der Geburt Jesu, der Menschwerdung Gottes, des Kindes in der Krippe, das in dieser Welt erschienen ist. - Epiphanie bedeutet Erscheinung.
In Deutschland verlagerte sich der Schwerpunkt dann, beginnend im 13. Jahrhundert in Köln, auf die Geschichte von den Drei Weisen aus dem Morgenland. Dadurch besteht ein engerer Bezug zum Hochfest der Geburt Christi, Weihnachten.
Als Heilige Drei Könige oder Weise aus dem Morgenland bezeichnet die Weihnachtsgeschichte des Matthäusevangeliums (Mt 2) sogenannte „Sterndeuter“, auch „Magier“ (im griechischen Ausgangstext Μάγοι, Magoi). Sie folgten dem Stern von Betlehem, der sie zu Jesus führte. Im Neuen Testament werden sie nicht als „Könige“ bezeichnet, und es gibt keine Angabe über ihre Anzahl. Auch, ob sie auf Kamelen ritten, sondern vielleicht auf Pferden, ist nicht belegt.
Sowohl in Jerusalem, beim König Herodes, den sie fragten: „Wo ist der neugeborene König der Juden? Wir haben seinen Stern aufgehen sehen und sind gekommen, um ihm zu huldigen“ (Mt 2,2), als auch in Betlehem, werden sie, prächtig gekleidet sollen sie gewesen sein, für Aufsehen gesorgt haben.


Die Legenden um die „Könige“, die im dritten Jahrhundert ihren Anfang nahmen, sind in der Kunstgeschichte häufig dargestellt und auch interpretiert.


Anbetung der Könige – des Königs oder: Der Reihe nach

Anbetung der Könige, Albrecht Dürer, 1504

Öl auf Nadelholz, 100 x 114 cm, Uffizien, Florenz

Anbetung der Könige, Albrecht Dürer, 1504, Öl auf Nadelholz, 100 x 114 cm, Uffizien, Florenz

Die Anbetung der Könige wurde von Friedrich dem Weisen für den Altar seiner Schlosskapelle in Wittenberg in Auftrag gegeben. Es gilt als eines der wichtigsten Werke von Albrecht Dürer und stammt aus der Zeit zwischen seiner ersten und zweiten Italienreise (1494 bis 1505). Höchstwahrscheinlich gehörte es zum zentralen (verlorenen) Mittelteil eines Polymichs (mehrflügeliger Altar) des Jabach-Altares, der nach der Kölner Familie Jabach benannt ist. In den Seitenflügeln wird die Geschichte Hiobs erzählt. Sie sind, getrennt, nach Frankfurt und Köln gelangt. Zwei weitere Tafeln, die Vier Heilige auf Goldgrund darstellen, befinden sich in München. Das Kurfürstentum Sachsen hatte das Gemälde 1603 Kaiser Rudolph II. gestiftet. Ein Austausch mit der Darstellung im Tempel von Fra Bartolomeo im Jahr 1793 brachte die Anbetung der Könige aus einer Wiener Galerie in die Uffizien nach Florenz.

Szene – mit Balthasar

Maria ist in tief azurblauen Gewändern dargestellt – sowohl im Alten als auch im Neuen Testament gilt Blau als himmlische Farbe und steht für den Glauben und für die Treue; ein weißer Schleier bedeckt ihren Kopf, und eine dünne goldene Kordel, mit einer Schleife versehen, ist um ihre Hüften geschlungen. Sie streckt das in einen unteren Zipfel ihres Schleiers gehüllte Christuskind dem ältesten der drei Könige entgegen: Balthasar, dem Greis. - Die Unterscheidung von drei Lebensaltern der Heiligen Drei Könige kam im 12. Jahrhundert auf. Sie sind Sinnbild für die Lebensstufen, die der Mensch durchläuft. 

Balthasar macht den Eindruck, als ob er sein Geschenk, eine goldene Schatulle, eine Hand liegt sanft auf dem Deckel, öffnen will; denn das Kind greift danach – oder: Das Kind will die Schatulle öffnen, und seine Hand möchte sie noch geschlossen halten, um dem Kind vielleicht zunächst noch etwas (darüber) mitzuteilen. Er tritt jedenfalls in Blickkkontakt mit dem Christuskind – oder, um sich zu vergewissern?
Die Geschenke der Könige werden in der Bibel erwähnt, wenngleich die Bedeutung dieser achtungsbezeugenden Gaben nicht erklärt wird. Doch wird Balthasar laut seit dem Mittelalter durchgesetzter Interpretation der Weihrauch zugeschrieben.
Weihrauch dient dazu, aufzuzeigen, dass der Mensch eine Einheit aus Körper und Seele ist. Er soll die Anwesenheit des Heiligen Geistes, des Geistes Gottes, bewusst machen, dem Mittler vom Himmel zur Erde und zwischen Himmel und Erde; entsprechend der Weissagung, dass Gott seinen Geist über alle Menschen ausgießen wird (Joel 3,1–5) und der Erwähnung in der Schöpfungsgeschichte: „Gottes Geist schwebte über dem Wasser“ (Genesis 1,2). Es waren auch einzelne Personen, die nach christlicher Auslegung besonders mit dem Geist Gottes erfüllt waren, wie zum Beispiel Josua (Dtn 34,9). Der Heilige Geist schenkt Gottes Gnade.
Den Juden galt der ruach, der „Geist“, „Wind“ (Ex 14,21), auch „Hauch“, „Atem“ (Ps 33,6; Ez 37,5–14) sich und besonders den Propheten als geistiger Zustand, als eine Stimmung, Haltung und Einstellung (Ex 35,21; Esra 1,1; Haggai 1,14). Die Haltung eines Menschen kann sich übertragen; auf einen anderen Menschen überspringen und in ihn eindringen. Die intensive Geste zeugt vom Wissen und der Erfüllung davon, und der Weihrauch in der Schatulle ist das Symbol und der bezeugte Wille zur Ausbreitung, Bekanntmachung dessen.
So lautet auch der Titel des Gemäldes bloß Anbetung der Könige. Das Attribut „heilig“ fehlt. Die Zugehörigkeit des Geistes zu Gott (Ps 51,13; Jes 63,10f.; Weish 1,5) und nun zum Christuskind versteht sich von selbst. Die wirkmächtige Gegenwart Gottes im Leben der Menschen ist nun anerkannter Teil der göttlichen Trinität, der Dreifaltigkeit, wie im Nicäno-Konstantinopolitanum, dem Großen Glaubensbekenntnis, von der Kirche seit 451 als maßgebend bezeichnet und somit dem tiefgläubigen Albrecht Dürer bekannt.
Deshalb der erwärmte Weihrauch mit seinem duftenden Aroma, der früher bei den Juden verräuchert und heute in den christlichen Kirchen verschwenkt wird. 
Im Tempel in Jerusalem gab es einen speziellen Weihrauchaltar. Der entzündete Weihrauch durfte nicht ausgehen – als Symbol für das ewige Gebet, das zu Gott aufstieg und für die ununterbrochen gepflegte Beziehung zu ihm. 
Die Gabe des Weihrauchs erkennt das Jesuskind auch als denjenigen an, der in der Lage ist, zwischen Gott und den Menschen zu vermitteln. Deshalb der prüfende (und erkennende!) Blick, der in der Anbetung gipfelt: kniend, gesenkten Hauptes.


Dies ist die Handlung, die Hauptszene. Alle anderen Charaktere sind unbeweglich. In Gedanken versunken, wirken sie wie Statisten. Eigentlich bewahren sie noch ihre Hoheit, bis sie "dran" sind - und sich beugen.

Melchior

So schaut der König mittleren Alters mit langem, blondem, lockigem, sorgsam frisiertem Haar, der zwar in der Mitte des Gemäldes steht, nach rechts. Er steht hinter dem Kind: In einer klassischen Krippendarstellung bleibt dieser Platz üblicherweise aus tiefem Respekt leer.

Es handelt sich bei der Darstellung des Melchiors offensichtlich um eine Selbstverewigung Dürers, vergleicht man entsprechend bekannte Bilder. Auf einem Selbstbildnis, das sich im Prado befindet, stellt er sich - siebenundzwanzigjährig - als Edelmann von vollkommener Eleganz dar.* Der Maler stapelt nicht tief - man könnte ihm Narzissmus vorwerfen (dies wurde in der Kunstgeschichte durchaus getan); dennoch möchte er wohl seine eigene „adäquate“, doch tiefreligiöse Huldigung dem Kind gegenüber zum Ausdruck bringen. Es entspricht auch dem neuen Persönlichkeitsbewusstsein des „heranwachsenden“ Renaissance-Künstlers. Dürers Werk bezeichnet den Übergang von der noch mittelalterlichen Spätgotik zur Renaissance (frz. „Wiedergeburt“ (der Antike), eigentlich eher Neugeburt) der Neuzeit; auch wenn er (noch) kein reiner Vertreter der Renaissance ist: Doch seine Selbstbildnisse drücken das ihr innewohnende neue Selbstverständnis, Selbstbewusstsein, - eigenständiges Bewusstsein aus. Dürer gilt als erster, zumindest deutscher Künstler, der sich selbst malte. Er brachte damit die Anfänge der Renaissance nach Deutschland. Allein diese Tatsache schuf vielleicht zunächst Befremden, mit so viel Neuem und revolutionären „Eigensinn“. Die Franzosen ließen diesen neuen Kunststil zunächst gar nicht Einzug halten. Gotische Kathedralen wurden noch im 16. Jahrhundert, lange nach Ende des Mittelalters,  errichtet, wie etwa die Kathedralen von Rennes (16. Jh. bis 1845) oder in Teilen von Tours (13. bis 16. Jh., spätgotisch, aber mit romanischen Teilen des abgebrannten Vorgängerbaus).
Dürer stellt die, weil sie Angehörige der alt-iranischen Priesterkaste waren, „Magier“ genannten Männer in üppiger Kleidung dar, mit kostbaren Juwelen, schönen Kelchen und Schatullen. Indem die so ausgestatteten Könige Jesus Gold schenken, und dies überbringt Melchior, erkennen sie sein Königtum, den höheren König Jesus an. 
Gold war das wertvollste aller Metalle. Es stand für Reichtum und Prestige. 
Melchior überbringt aber auch - traditionell - das Gold, weil es für den einem König gebührenden Weisheitsschatz steht. Die selbst als weise geltenden Männer legen dem Jesuskind Gold zu Füßen, da sie ihn als den glorreichsten König der Welt anerkennen. 

Melchior trägt, entsprechend, Dürers mitteleuropäische Gesichtszüge; denn die drei Könige galten auch als Vertreter der damals bekannten drei Weltteile; so wird Balthasar mit einer asiatischen Herkunft in Verbindung gebracht, Melchior eben mit einer europäischen und Caspar als Schwarzer mit einer afrikanischen.

Caspar – mit der Weltkugel

So ist der dritte König im Bild nicht nur der jüngste, Caspar, sondern klassischerweise auch ein „Mohr“. (Das Wort war durchaus positiv besetzt, der Begriff im Ursprung nicht rassistisch gemeint. Viele Apotheken führ(t)en das Wort im Namen. Es zeigte früher an, dass Arzneien aus dem Nahen Osten importiert wurden, wo die Heilkunst als fortschrittlicher galt als in Europa). 
Caspar blickt, im Gegensatz zu Melchior, in Richtung Bildmitte; aber auch er schaut (noch) eher am Geschehen vorbei, ins Leere. Er wartet, nimmt sich zurück, bis er an der Reihe ist, sein Geschenk darzubringen. Dieses ist: Myrrhe, eine Heilpflanze, mit der Arznei zubereitet wird, überbracht in einem Kelch in Form einer goldenen Kugel, einer Weltkugel, Symbol für den von Gott gesandten Arzt und Heiler („Heiland“) aller Menschen. So ist es auch die Myrrhe, die für Menschsein allgemein steht, und damit auch für die inbegriffene Demut. Dies bedeutet Opfer und Gebet, und die (rein- gesundhaltende) Kraft der Selbstbeherrschung.
„Christus“ bedeutet latinisiert, aus dem Griechischen kommend, „der Gesalbte“, genauso wie hebräisch „Messias“. Myrrhe - sie wird wie Weihrauch aus einem Baumharz gewonnen - wurde verwendet, um einen Leichnam für die Bestattung einzubalsamieren. 
Auch gab man Myrrhe zum Tod durch das Kreuz Verurteilten als Betäubungsmittel – eine persische Erfindung. Von dort kamen die drei Magier. So ist sie auch ein direkter Verweis auf Jesu Kreuzigung. Im Markusevangelium wird berichtet, dass Jesus am Kreuz mit Myrrhe gemischter Wein angeboten wurde (Mk 15,23), den er aber ablehnte.


Die in der Westkirche verbreiteten drei Namen wurden den Heiligen Drei Königen erst in Legenden des sechsten Jahrhunderts zugewiesen. Der Name Balthasar stammt aus dem Hebräischen und bedeutet soviel wie „Gott schütze sein Leben“ oder „Gott wird helfen“. Übersetzungen des Namens aus dem Altsyrischen lauten „Gott schütze den König“. Auch Melchior ist ein hebräischer Name und steht für „König des Lichts“. Der Name Caspar stammt aus dem Persischen und bedeutet ungefähr „Hüter des Schatzes“ oder auch „Schatzmeister“.


Die detaillierte, schmuckhafte Darstellung der kostbaren Goldgefäße lässt, ebenfalls etwas Persönliches, an Goldschmiedehandwerk denken, das Dürer, fünfzehnjährig nach ersten väterlichen Un­terweisungen im Zeichnen und Stechen, erlernt hatte. Entwürfe für schmuckvolle Kelche und Teller mussten feinfühlig gezeichnet, entworfen werden. Mit der Kenntnis der Handhabung entsprechender Instrumente setzte Albrecht Dürer sich in der Folge als Geselle (zwischen 1490 und 1495) in Colmar mit einer Fülle von Holz­schnitten und Kupferstichen auseinander und wurde zum „vornehmsten Künstler“, der „seiner Stadt und ganz Deutschlands seinem Höhepunkt zustrebte“ (vgl. (1)).

Interessanterweise gibt es in der Bibel keinen Hinweis darauf, dass sich die Magier über die bescheidene Behausung Jesu gewundert hätten. Matthäus schreibt lediglich: „Sie gingen in das Haus und sahen das Kind und Maria, seine Mutter; da fielen sie nieder und huldigten ihm.“ (Mt 2,11) Sie befinden sich in einer einfachen Unterkunft. Mehr als bescheidene Verhältnisse: Das Kind ist bei seiner Mutter und ist in eine einfache Decke gehüllt. - Doch die Magier, schmuckbehangen und in prunkvollen Gewändern, verneigen sich, in Dürers Bild, der Reihe nach, und preisen das Kind. 
Die gesamte Menschheit, so zeigt es die goldene Weltkugel, verbeugt sich also vor ihrem König Jesus aus einfachen Verhältnissen - nicht nur arme jüdische Hirten, sondern auch reiche Sterndeuter. Dies baut Hemmungen ab und macht Mut.


Am Sonntag nach Weihnachten stellt die katholische Kirche die Familie in den Mittelpunkt ihrer Verkündigung und möchte sie stärken. Die eine oder andere Familie hat es nicht leicht. Doch die Heilige Familie macht vor, dass nicht das Materielle das Ausschlaggebende ist.

Der Ochse

Dass im Wesentlichen der Ochse und kaum der Esel im Bild zu finden ist, der die Szene bezeugt, passt, und ist sicherlich kein Zufall. Vom Esel kann man nur das Maul erahnen. Albrecht Dürer, nur vier Jahre vor Michelangelo Buenarotti geboren, dem Meister der Hochrenaissance, ist selbst noch dem Erbe der Gotik verhaftet. Die Auseinandersetzung mit dem Thema erfolgt, neben der erzählenden  Geschichte, auch noch orthodox, also (strengen) Regeln folgend. Dies erkennt man beispielsweise am pyramidialen Aufbau des Bildes. Somit stellt der große Kopf des Ochsen ikonographisch geradezu eine Selbstverständlichkeit dar, sind Ochse (und Esel) frühchristlich bis ins Mittelalter, dann allerdings auch mit Maria, so häufig in Krippendarstellungen bzw. Darstellungen mit dem Jesuskind, zu finden; obwohl sie in der Bibel nicht erwähnt sind. Die Prophezeiung des Jesaja besagt: „Der Ochse kennt seinen Besitzer und der Esel die Krippe seines Herrn; Israel aber hat keine Erkenntnis, mein Volk hat keine Einsicht“ (Jes 1,3). 

Ochse und Esel stehen für das Erkennen und Bezeugen der Menschwerdung Gottes, sogar die eigentlich dummen Tiere erkennen und bezeugen. In diesem Fall, im Bild, tritt aber der Ochse hervor. Denn der Kirchenlehrer Gregor von Nyssa und der Kirchenvater Ambrosius von Mailand interpretieren spezieller: Der Ochse steht für das Volk Israel, und der Esel steht für die Heiden: Das Judentum anerkennt zwar seinen Herrn, erkennt ihn aber nicht im Kind, schaut zu, während sich die Heiden in personae der Könige dem richtigen Glauben zuwenden.

Wo ist der Esel?

Denn „weise“ sind sie, die Männer, die „Magier“ die also in der bescheidenen Unterkunft von Maria, Josef und dem Jesuskind erscheinen. Erwähnt werden Männer mit diesen Fähigkeiten schon im Alten Testament. So wurde Daniel, ein jüdischer Adliger, im Exil in Babylon zum Anführer der Magier ernannt, zum „Obersten der Wahrsagepriester, der Beschwörer, Sterndeuter und Zeichendeuter“ (Dan 5,11; vgl. Dtn 2,48; Dtn 4,6); zukünftige Ereignisse werden durch direkte Offenbarungen Gottes vorhergesagt. 

Gelehrte wie die Magier gab es in jeder antiken Hochkultur. Sie beobachteten die Bewegungen der Himmelskörper. Bei den Medern und Persern wurde der König von einer Körperschaft unter Führung der Magier gewählt – in gewissem Sinne waren sie also von Haus aus Königsmacher.

Doch sie waren keine Juden, sondern Ungläubige, zumindest Andersgläubige. Woher also das Wissen, das sich offenbart, die tiefe Erkenntnis? Zunächst folgten sie dem hellen Stern, den auch König Herodes gesehen haben mag. Die Magier könnten dieses Phänomen, ob Komet, Asteroid, Feuerball oder beispiel­lose Gestirnskonjunktion, durchaus mit biblischen Prophezei­ungen über den Sohn einer Jungfrau, der in Bethlehem zur Welt kam, in Verbindung gebracht haben. Jedenfalls schlossen sie daraus, dass ein bedeutender König geboren war - ein Ereignis, das eine Reise - von Persien nach Betlehem waren es mehr als 1500 Kilometer - wert war, und solch teure Geschenke.
Hauptsächlich im heutigen Iran gelegen, war Persien um die Zeitenwende östlich des Römischen Reiches (auf Latein „oriens“, die Richtung der „aufgehenden“ Sonne) Teil des Partherreichs, des Erzfeindes von Rom. Dies unterstützte vielleicht die Neugier auf den anderen König, stellte aber durchaus einen kriegerischen Akt zur Schau: „Als Herodes das hörte, erschrak er und mit ihm ganz Jerusalem.“ (Mt 2,3)

Die Reise führte durch teilweise extrem schwieriges Terrain. Vermutlich brauchte man damals mehrere Monate für diese Strecke. Rechnet man eine gewisse Vorbereitungszeit hinzu, sind die Weisen möglicherweise erst dem Kleinkind Jesus begegnet. Sie nahmen also die Last des Weges auf sich, einer Art Instinkt folgend, - wie Esel, die, wenn sie etwas erledigen „müssen“, es auch erledigen, einfach tun.
Die drei Weisen aus dem Morgenland erkennen und bezeugen, - und beten das Kind an.
Der Esel im Wort Jesajas symbolisiert nach Interpretation der Kirchenväter die Heiden, das „Außen“ (das Nichtreligiöse), während der Ochse mit Israel verglichen wird, das „Innen“ (das Religiöse). Israel glaubt, aber erkennt nicht – schaut zu.

Die gesamte Menschheit soll sich vor ihrem König Jesus verbeugen; denn sogar nichtjüdische Sterndeuter tun dies. Sie machen es vor.


Die Botschaft dessen, dass die drei Weisen die Krippe erreicht haben, ist auch: Egal welcher Nationalität, welchen (Un)Glaubens man (zunächst!) ist. Man wird vom Christuskind willkommen geheißen und empfangen.

Erkennen

Jesus unter den Schriftgelehrten, Albrecht Dürer, 1506

63,4 x 80,3 cm, Museo Thyssen-Bornemisza, Madrid

Jesus unter den Schriftgelehrten , Albrecht Dürer, 1506,  63,4 x 80,3 cm, Museo Thyssen-Bornemisza, Madrid

Im Evangelium des Sonntags nach Weihnachten, vom 30. Dezember `18, ging es um den zwölfjährigen Jesus im Tempel. Es findet sich im zweiten Kapitel des Lukasevangeliums. Nach der Rückkehr aus Ägypten machen sich Maria und Josef und viele andere gläubige Menschen von ihrem Heimatort Nazareth aus zum Passahfest nach Jerusalem auf. Auf dem Heimweg bemerken die Eltern, dass ihr Sohn im Reisetross fehlt und kehren zurück. Drei Tage brauchen sie, um ihn, im Tempel, zu finden. „… er saß mitten unter den Lehrern, hörte ihnen zu und stellte Fragen.“ Maria, zuvor ängstlich. Doch Jesus sagt: „Warum habt ihr mich gesucht? Wusstet ihr nicht, dass ich in dem sein muss, was meinem Vater gehört?“ (Lk 2,41-52) Die Menschen verstehen nicht, doch Maria ist erleichtert.
Dieses Ereignis hat Albrecht Dürer in seinem Bild Jesus unter den Schriftgelehrten festgehalten. Zuvor hatte er es schon zweimal dargestellt, 1496, als Teil eines Altargemäldes im Rahmen der „Schmerzen Mariens“ und 1502 als Holzschnitt. Die Szene ist jeweils so dargestellt, wie man sie sich vorstellt: Jesus in der Mitte, etwas erhöht, und die diskutierenden oder auch gelangweilten Schriftgelehrten um ihn herum. Die Eltern treten, von der Seite, hinzu.
Indes ein wenig bekanntes und interessanterweise wenig beliebtes Werk Albrecht Dürers ist dieses, das nur in fünf Tagen, „opus Qinque dierum“, so hat es der Künstler unter seinem Monogramm vermerkt, entstanden sein soll. Es ist späteren Datums als die Anbetung der Könige, genauer von 1506. Dürer konstatiert zufrieden seine künstlerische Entwicklung bis dahin am 8. September 1506 in einem Brief aus Venedig an einen Freund. Ungefähr zeitgleich hatte er sein Rosenkranzfest vollendet: „Und ich habe auch die Maler alle zum Schweigen gebracht, die sagten, im Stechen sei ich gut, aber beim Malen wüßte ich nicht mit Farben umzugehen. Jetzt spricht jeder­mann, er habe schönere Farben nie gesehen." (2) Dieses Bild bezeichnet Dürer selbst als eine Tafel „desgleichen ich noch nie gemacht habe“ (3).
Dürer hat(te) nämlich hauptsächlich nicht als Maler Weltgeltung erlangt, trotz seiner enormen malerischen Qualitäten, sondern durch seine graphischen Werke: die großen Holzschnitt-Folgen der Apokalypse, vor allem des Marienlebens, der Passion Christi und die Meisterstiche Ritter, Tod und TeufelHieronymus im Gehäus und Melancholie
Bei diesem Bild handelt es sich um ein kleinformatiges, das deutlich „renaisssancehafter“ wirkt als die Anbetung der Könige, schon dadurch, dass es oben wie abgeschnitten wirkt und dadurch das Augenmerk auf die „Szene“ lenkt. Die sieben Figuren wirken wie zueinandergewürfelt und zusammengerückt, was den Augenblick verdichtet. Die perspektivische Verjüngung, sichtbar an den ihre Bücher umfassenden Händen – ihre eigenständige Ausdruckskraft ist typisch für die Renaissance * – gilt für jede einzelne Figur. Doch von einer gefälligen (perspektivischen) Gesamtkomposition kann man nicht sprechen. Denn es gibt keine Hintergrundszenerie, sondern nur Dunkel. Jung und Alt sind nicht dargestellt, weil sie mit Bedeutung versehen sind – wie im anderen Bild, sondern im Rahmen einer präzisen Differenzierung von Typen: Das jugendliche, helle Antlitz Jesu im Kontrast zu den Schriftgelehrten. Die Köpfe der Dargestellten wirken wie karikaturhafte Portraitstudien. Jesus ist übernatürlich dargestellt, die anderen überrealistisch. 
Im Zentrum des Geschehens befindet sich ein Fingerknäuel von vier Händen, um das windmühlenflügelartig die Protagonisten angeordnet sind. Zwei der vier Hände gehören Jesus, der in der vertikalen Bildmitte steht. Seine rechte Hand zeigt vage auf das ihm entgegengehaltene Buch. Oder spielen die Hände mit sich selbst? Resignativ? Jesu Blick weist jedenfalls nicht auf das Buch. Er schaut vor sich hin, versonnen, in sich gekehrt. Jesus wirkt androgyn, mit seinen rötlich gelockten, längeren Haaren, die in der Mitte gescheitelt sind. Sein Gewand ist blau, wie wir es von Maria kennen; es besitzt weite Ärmel und wirft nicht mehr, in spätgotischer Manier, winkelige Falten. Über seiner linken Schulter liegt ein roter Schal - in der Farbe und damit Zeichen der Liebe Gottes. Der Ausschnitt ist weit, rund am Hals, feminin. Man könnte auch sagen, Jesus wirkt engelsgleich.
Drei Bücher sind offenbar wichtig. Eines wird Jesus vorgehalten, und eines ist halb aufgeschlagen, links oben in der Hand eines Mannes, der fragend blickt. Er wirkt verstört. Das dritte Buch ist gehalten vom Mann links vorne. Entweder hat er es ratlos zugeschlagen oder eher: Er hütet es wie einen Schatz. Dieser Mann blickt noch am aufgeschlossensten, aber auch, wie alle anderen, an Jesus vorbei. Sein Buch ist mit einem Lesezeichen versehen, auf dem sich die berühmten Initialen Dürers, das dem A eingeschriebene D, finden. Auf seiner Mütze über der Stirn klebt ein Text, wie ein Etikett. Eine Botschaft? Ein Merkzettel?
Dürer war, vielmehr als Michelangelo, ein Kind der Reformation; der radikalen kirchlichen Erneuerungsbewegung, die 1517 begann und 1648 mit dem Westfälischen Frieden ihr Ende fand. Das Heilige sollte, nicht vom Sockel gehoben werden, aber vermenschlicht werden – schließlich ging es darum, dass Gottes Sohn Mensch geworden ist. 
Reformation, Renaissance, Gegenreformation und die Auseinandersetzung damit gehören - zumindest später - zueinander. So ist Jesus geschlechtsneutral dargestellt, um aufzuzeigen, dass es nicht um den (jungen) Mann Jesus geht, sondern um den Menschen, den Menschgewordenen. Dies spricht zudem für eine Kenntnis von Werken des Renaissance-Künstlers Leonardo da Vinci (1452 bis 1519). Speziell ist da die Mona Lisa, die sogenannte „Gioconda“, weil Ehefrau (madonna) des Francesco del Giocondo von 1502/03 in einem Atemzug mit dem Leonardo zugeschriebenen „Salvator Mundi“ (lateinisch für „Erlöser der Welt“ oder „Heiland der Welt“) von vermutlich 1500 zu nennen. Die beiden haben Ähnlichkeit miteinander. Leonardo weist Jesus ebenfalls feminine Attribute zu.
Dürer findet immer mehr heraus aus dem spätgotischen Geist, ohne dessen Erbe zu verleugnen: die sorgsame Werkmeisterlichkeit des Goldschmieds, der gravieren konnte, verbunden mit der Befähigung, die Figuren sprechen zu lassen, welt­zugewandt und gegenstandstreu bis in Einzelheiten, und doch erhaben, würdevoll und „groß“. 
Die Menschen sind mehr als realistisch gemalt, der eine, rechts neben Jesus stehend, wirkt sehr übersteigert getroffen, geradezu fratzenhaft: wenig Haare, Warze, krumme Nase, schlechte Zähne, faltige Haut: abstoßend. Diese Figur wahrt auch nicht die Distanz zu Jesus; dementsprechend gehören die anderen beiden Hände der „Windmühle“ ihm; sein rechter Zeigefinger ist besserwisserisch erhoben.
So unsympatisch und unnahbar wie diese Figur wirken die anderen nicht. Sie wirken eher hilflos, fragend und unsicher. Beim Gesicht rechts oben im Bild, das aus dem Hintergrund dunkel hervorlugt, kommt noch etwas hinzu; das Augenweiß blitzt hervor als deutliches Zeichen für Argwohn. 
Die Interpretation der Szene im Tempel ist neu. Nicht Jesu Gelehrsamkeit in dem und für das, was „seinem Vater gehört“ zählt; die Geschichte Jesu ist vom anderen Ende her aufgerollt. Die Szene nimmt Argwohn, Misstrauen und was daraus folgen wird, in den Blick: Verfolgung, Verhöhnung und schließlich den Tod: die Myrrhe des zwei Jahre zuvor gemalten Bildes Anbetung der Könige .
Dafür, dass die Geschichte „anders herum“ zu verstehen und nicht Jesu Gelehrsamkeit das Zentrale im Bild ist, spricht noch etwas anderes. Betrachtet man noch einmal Jesu Hände, die auf den ersten Blick „mit sich selbst beschäftigt“ wirken, so erkennt man auch eine Geste des die Argumente an den Fingern Abzählens. So abwesend ist Jesus also nicht, sondern eben eher ratlos. Die Kommunikation hakt. Er war gekommen, um zu hören, zu lernen. Dies erfolgt offenbar nicht - und andersherum scheint ihm auch kein Gehör geschenkt zu werden. Hört man jemandem interessiert zu, blickt man ihn an.

Doch wie wichtig Jesus ist, und unbedingt Gehör finden müsste, macht Dürer dadurch deutlich, dass der Punkt, an dem Zeigefinger der rechten und Daumen der anderen Hand aufeinandertreffen, die exakte Bildmitte ist. Dieses Stilmittel ist wiederum noch eine (letzte) Reminiszenz an die symbolbeladene Gotik.

Warum also die Bücher

Zu Dürers Zeiten wurde der Buchdruck erfunden. Die Erfindung des Buchdrucks Mitte des 15. Jahrhunderts löste ebenfalls radikale Veränderungen aus. Die Reformatoren nutzten das neue Massenmedium, um ihre Schriften zu verbreiten; der Analphabetismus ging durch die massenhafte Verbreitung von Büchern zurück.

Die Menschen verstanden von nun an Botschaften. Buch und Bild bildeten jetzt eine Einheit: Bilder dienten der Illustration. Und umgedreht? Von Reformatoren beauftragte oder sich selbst dazu berufene, reformatorische Künstler brachten verschriftlichte Botschaften in ihren Bildern unter, Versatzstücke von Texten oder auch komplette, wie etwa Auszüge aus dem (reformierten) Evangelium. Die betrachtenden Menschen wollte man „an die Hand nehmen“. Luther und seine Anhänger wollten die Menschen gewissermaßen unterrichten, wie es etwa der spätere - er malte zunächst „katholisch“ – Lucas Cranach der Ältere (1472 bis 1553) auftragsgemäß tat.

Niederdeutscher Meister, GESETZ UND GNADE (SÜNDENFALL UND ERLÖSUNG).  Öl auf Holz, 70,2 x 139 cm

"Allegorie auf den Alten und den Neuen Bund". Im Mittelpunkt der Mensch zwischen den Propheten Jesaja und Johannes dem Täufer

Ähnlich ist Lucas Cranachs Holzschnitt "Das Alte und das Neue Testament" von 1529. - Auch dabei handelt sich um ein anschauliches Beispiel für die von Luther geprägte Ikonographie des Protestantismus in Deutschland.

 

Dürer war zwar während seiner Wanderjahre in Basel nicht nur im Zentrum des Buchdrucks gewesen, sondern die Schweiz galt auch als Zentrum der Reformation: Doch die Schweiz, schon dadurch, dass sie mit dem Tessin die geographische Grenze zwischen Nord (Gotik) und Süd (Renaissance) bildete, war ihm wohl auch Vermittler italienischen Geistes. Im oben zitierten Brief von 1506, aus dem gleichen Jahr wie dieses Bild, beschreibt Dürer schließlich später selbst eine neue Schaffensetappe, seinen neuen Schwerpunkt, nämlich seine für ihn fruchtbare Auseinandersetzung mit der Malerei und weniger mit der Graphik, weil sie ihm neue, „schönere“ Farben bietet.

Auch aus diesem rein künstlerischen Grund verfolgt Dürer ein anderes Ziel als bloße Dogmatik. Denn Dürer hatte zwar eine betriebsame Malerwerkstatt unterhalten – die Graphik ermöglichte ihm dank des Buchdrucks finanzielle Freiheit. Er publizierte sogar im Eigenverlag, und auch malerisch arbeitete er im Selbstauftrag: Ein freier Künstler, kein Kunst-Handwerker. Seine berühmte Signatur, die in seinen Werken zu finden ist, spricht wie schon das Selbstbildnis in der Anbetung der Könige für das Selbstbewusstsein des Künstlers. Doch die Fähigkeit zur individuellen, rein künstlerischen Ausarbeitung eines Themas ist in diesen zwei Jahren nochmal gewachsen.
Reformation in der Kunst bedeutete nicht radikale Zerstörung der Kunst, die natürlich mit dem Bildersturm im 16. Jahrhundert (auch) tatsächlich stattfand. Die „Zerstörung“ demonstrierte aber eher im übertragenen Sinn (wieder) das Zurücktretenlassen des individuellen Verstehens; denn die Reformation wollte den künstlerischen Impetus wieder zurückdrängen, (lediglich) das subjektive Empfinden befördern, um den Glauben zu stärken. – Denn „sola fide (lat.: „allein durch Glauben“, „allein aus Glauben“) lautete der theologische Grundsatz der reformatorischen Kirche. "Er drückt die Überzeugung aus, dass der Mensch allein durch seinen Glauben das ewige Leben erlangt." (4)
Dies ist alllerdings nicht der Fall im Bild Jesus unter den Schriftgelehrten – schon gar nicht bei dem dargestellten Thema, bei dem es offensichtlich um Missverstehen geht. Reformatorische Gründe gibt es für die Darstellung der Schriftstücke also keineswegs. Erläutern sollten sie nicht. Sie können es auch nicht. Denn bis auf die Signatur und „opus Qinque dierum“ ist nichts lesbar.

Grund für das Motiv der Bücher war sicherlich für Dürer auch nicht, seine Bildung zur Schau zu stellen. Dürer war kein Aufsteiger. Sein gleichnamiger Vater übte in Nürnberg erfolgreich den Handwerksberuf eines Goldschmieds aus. Der Pate, Anton Koberger, unterhielt dort die mit Abstand größte Druckerei, und von seinem Schwiegervater Hieronymus Holper erbte er ein bescheidenes Vermögen, das ihm erlaubte, mit seiner Frau Barbara und seinen Kindern, von 18 überlebten drei, in besserer Wohngegend zu leben.


Albrecht Dürer suchte sich seinen Weg „renaissancehaft“ selbst: intellektuell, vergeistigend, schöpferisch.

Mit seinen Kupferstichen und Holzschnitten war die Buchillustration und Buchdruck ohnehin alltäglich. Sein Umgang mit Büchern war in jeder Hinsicht normal.

Bedeutung der Bücher

Juden wurden zu allen Zeiten verfolgt. Jerusalem und auch ihr letzter Tempel wurden durch Nebukadnezar 587 vor Christi zerstört. Sie hatten (nur) ihre Bücher, vielmehr das Buch der Bücher als portable Versicherung bzw. Selbstvergewisserung ihrer Identität. In der Thora sind ihre Gesetze dokumentiert. 

Um das „Volk des Buches“ zum christlichen Glauben zu bekehren, hieß es damals, müsse man zunächst ihre Bücher verbrennen. Wie wir wissen, geschah genau das durch die sogenannte Bücherverbrennung, der Verbrennung ihrer Bücher, in Deutschland am 10. Mai 1933 durch die Nationalzozialisten: Sie wollten die Juden tatsächlich vernichten, weil sie sie als minderwertig betrachteten – „rassisch“ begründet; das Theologische, nämlich der Vorwurf der Kreuzigung Christi, spielte eine Nebenrolle: Wir erahnen kaum den Schmerz, der hier seinen Ursprung findet.
Die Juden klammerten sich an ihre Bücher, und so erklärte sich auch ihre Gesetzestreue. Man denke nur an ihre diätetischen Verordnungen. Der Apostel Paulus klagte darüber im Brief an die Kolosser, dass sie sogar allzu verbissen seien: „Darum soll euch niemand verurteilen wegen Speise und Trank oder wegen eines Festes, ob Neumond oder Sabbat“ (Kolosser 2, 16).
Darum ist Dürer der Ochse im Bild der Anbetung der Könige so wichtig. Er macht aufmerksam: „Der Ochse kennt seinen Besitzer…; Israel aber hat (noch) keine Erkenntnis, …“ (Jes 1,3). 
Die Schriftgelehrten merken nicht, mit wem sie es zu tun haben, nämlich, dass der, (zwar) im Alten Testament angekündigte, Messias in ihrer Mitte steht. 
Die Bücher erhellen nicht, sondern stehen im Wege. Dies hat nichts mit Judenhass zu tun, der im Zusammenhang mit Dürer in der Kunstgeschichte immer wieder diskutiert wird. Solcher ist durch nichts bewiesen, auch wenn Nürnberg zu Dürers Zeit des 15. Jahrhunderts eine mehr als unschöne Rolle spielte bei der Judenverfolgung – Dürer war 28 Jahre alt zu deren Höhepunkt. So sind die fratzenhaft Dargestellten keine Charakterstudien im Hinblick auf das Semitische, auch nicht des einen, sehr stark Überzeichneten.
Im Bild geht es um ein Sujet, ein Thema, nämlich die Blindheit der Schriftgelehrten, denen das Wesentliche verborgen bleibt. So, wie das Judentum zwar seinen Herrn anerkennt, ihn aber nicht in dem Kind erkennt, wissen die jüdischen Gelehrten um die Bedeutung der Bücher, wissen aber damit nichts anzufangen, verstehen nicht ihren Inhalt, bzw. halten an Falschem fest. Das Zettelchen auf dem Haupt des Mannes in der linken Bildhälfte ist zwar nicht lesbar; aber entspricht wohl der damaligen Gewohnheit der Juden, sich die Zehn Gebote „an die Stirn“ zu heften. Wie soll man sie selbst lesen?

Die geschlechtsneutrale Darstellung Jesu, die für das Menschliche steht, weil sie das "Mannhafte" ausblendet, steht also auch für das Verstehenkönnen, was eine menschliche Eigenschaft ist.

Dürer möchte mit seinem Bild verstehen machen, im Sinne von selbst erkennen machen – so wie es dem Renaissance-Gedanken entspricht.


Doch in erster Linie malte Dürer für sich selbst!

Interessanterweise (oder paradoxerweise?) hat nur die evangelische Kirche Albrecht Dürer einen Gedenktag eingerichtet, den siebten April.

Der Ochse der Krippendarstellungen und auch in der Anbetung der Könige steht auch für das Volk Israel, und manchmal ist er in der Bibel und damit auch in der Kunst mit einem Joch beschrieben, bzw. dargestellt. Dieses symbolisiert das jüdische Gesetz. Der Ochse kann es abwerfen und den Weg aufnehmen zu Jesus. Pflügen kann er mit den Hörnern selbst. Mein Sohn liest zur Zeit meine alten "Karl-Mays". In Winnetou II fand er, wie Winnetou Old Shatterhand konstatierte: "Der Große Geist hat ihm die Kraft des Büffels gegeben, der die Erde pflügt mit seinem Horn."

Christine Striegel


Nachtrag zu Anbetung der Könige

Den Hintergrund des Bildes habe ich nicht genauer beschrieben. Es geht mir um die Szene, das „Dramatische“ im Gemälde. Bei der Figur rechts im Bild könnte es sich um einen weiteren, heimlichen oder verschwiegenen König handeln. Verstohlen scheint er etwas aus seiner großen Tasche ziehen zu wollen. Die Interpretation dieser Person wäre ein eigenes Thema. -
Die Architektur der Ruinen hinter der Madonna ist detailliert dargestellt, wenn auch idealisiert. Die Ruinen erwecken einen Eindruck von Tiefe; der Blick wird von der Bergstadt in die Ferne geleitet. Im Hintergrund also eine Stadt, ganz rechts ein See. Auch dieses Bild stellt eine Entwicklung dar. Die Tiere, die Dürer getreu aus dem Leben zu reproduzieren suchte: Pferde, Vögel vor naturgetreuer Landschaft… Es erinnert an frühere Zeichnungen und Stiche des Künstlers, den „Feldhasen“.

Heinrich Wölfflin (1905): "Sage ich zuviel, wenn ich diese Anbetung das erste vollkommene klare Gemälde der deutschen Kunst nenne? Man sollte es nur einmal sehen im Zusammenhang zeitgenössischer Kunst: wie es seinen Inhalt gleich vollkommen ausspricht, wie selbstverständlich die Motive aufeinander folgen und jedesfür sich vor dem Auge ohne Weiteres auseinanderlegt… Der Hintergrund, so unterhaltend er an sich ist, steht doch bereits in einer notwendigen Verbndung mit den Figuren, er folgt dem Bewegungszug der Gruppe und gibt jeder einzelnen Figur ihre wirksame Folie.“ (3)

Im rechten Seitenflügel des Jabach-Altares hat sich Albrecht Dürer ebenfalls selbst verewigt, als Trommler neben Hiob, dessen Frau und einem Flötenspieler. Dies beweist, dass Dürer es ernst meint mit dem Verstehen und Erkennen: Hiobs Problem: Wo soll man Weisheit finden? Wo gibt es Verständnis?

Nachtrag zu Jesus unter den Schriftgelehrten

* Die „Betenden Hände“ waren eine meisterhafte Auseinandersetzung mit „Händen". Doch hier spielte nicht die innewohnende Expressivität den Ausschlag, den schon das zwei Jahre früher entstandene Bild besaß, sondern wieder die genaue Darstellung -  und das Geistliche darin. Jesus unter den Schriftgelehrten kann als "Geniestreich" gelten.

(1) Dürer | Das graphische Werk; Text: Karl-Adolf Knappe, Verlag Anton Schroll, Wien, 1964
(2) Bildbefragungen, 100 Meisterwerke im Detail, Bildbefragungen. Rainer & Rose-Marie Hagen, Taschen-Verlag, Bibliotheca Universalis,
(3) Große Meister der Kunst: Dürer; Stefano Zuffi, Prestel-Verlag, München – London – NewYork, 2011
(4) Wilfried Joest: Dogmatik. Band 2: Der Weg Gottes mit dem Menschen, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen, 1990

Gedicht

Die heil'gen drei Könige

 

Die heil'gen drei Könige aus Morgenland,
Sie frugen in jedem Städtchen:

Wo geht der Weg nach Bethlehem,
Ihr lieben Buben und Mädchen?
Die Jungen und Alten, sie wußten es nicht,
Die Könige zogen weiter;
Sie folgten einem goldenen Stern,
Der leuchtete lieblich und heiter.
Der Stern blieb steh'n über Josephs Haus,
Da sind sie hineingegangen;
Das Öchslein brüllte, das Kindlein schrie,

Die heil'gen drei König sangen.


Heinrich Heine (1797-1865)

deutscher Dichter

aus: Buch der Lieder | Die Heimkehr | XXXVII

Heinrich Heine, Moritz Daniel Oppenheim, 1831

Nicht nur für den vorwiegend für die Jugend schreibenden Schriftsteller Karl May (1842 - 1912) gehört gewisses Wissen um die Spezies Rind offenbar zum Allgemeingut.
Karl May und Heinrich Heine waren fast Zeitgenossen.

Wenngleich dessen Gedicht eine Wendung ins Lächerliche vornimmt oder zumindest an ein heiteres Kinderlied erinnert, gehört nicht nur Kindergeschrei zum "Krippenidyll", sondern auch ganz selbstverständlich (nur) das Ochsengebrüll.

CS

 
 

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