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Homilie zu Allerheiligen

von Bischof Dr. Franz-Josef Bode - Osnabrück

Grab im Bistum Osnabrück: Marita Blohm | ©. Striegel
 

Leider verbinden sich mit dem Fest Allerheiligen nicht nur positive Gedanken. Für viele ist es eng mit Allerseelen verbunden. Und sofort fallen einem Todesfälle in der Familie ein, Gräber, Herbst und Novemberstimmung. Wem doch die Feier der Heiligen in den Sinn kommt, der sieht dann „die Schar, die niemand zählen kann“ (Offb 7, 9), das namenlose Heer von Idealgestalten der Vergangenheit, die uns nicht mehr viel zu sagen haben. Dazwischen wie in einem Wachsfigurenkabinett einige auf Sockeln hochgestellte Persönlichkeiten, Nikolaus zum Beispiel oder Hildegard von Bingen. Und dann wird an Allerheiligen auch noch das Evangelium der Seligpreisungen gelesen (Mt5, 1–12a), ein durchaus eindrucksvoller Text, der aber doch irgendwie unwirklich rüberkommt. Die verheißene Seligkeit scheint in den alltäglichen Härten des Lebens nicht wirklich zu helfen. Im Gegenteil: Sie ist vielen eher eine billige Verströstung auf den Sankt-Nimmerleins-Tag. Also: Eine nicht mehr tragende Vergangenheit und eine zu weit entrückte Zukunft können dem Fest seine Mitte nehmen.

Dazu passt es, dass die einen es längst aufgegeben haben, sich großartig Gedanken über die Wirklichkeit zu machen: „Lass es laufen, wie es läuft; wir können eh nichts ändern.“ Nicht selten steigert sich das bis hin zu Verzweiflung und Depressionen. Dazu passt auch, dass sich andere der Vermessenheit hingeben: „Wir machen das schon, hier und jetzt. Was kümmern uns Geschichte und Zukunft oder das, was übermorgen sein wird. Wir nehmen alles mit, was geht, ohne Rücksicht auf den Ursprung oder auf künftige Generationen. – Lasst uns fressen und saufen, denn morgen sind wir tot“ (vgl. 1 Kor 15, 32). Und wo stehen wir, also Sie und ich, nun angesichts all dieser Befindlichkeiten? Der erste Johannesbrief gibt eine nüchterne Antwort: „Wir sind Kinder Gottes; wir haben schon etwas von ihm. Wir wissen noch nicht, was kommt, und wir sehen noch nicht, wie Gott eigentlich ist. Aber wir werden es sehen. Jeder, der dies erhofft, heiligt sich.“ (vgl. 1 Joh 3, 1–3)

Wenn das nicht ein großartiger Satz ist: „Jeder, der dies erhofft, heiligt sich.“ Er legt Heiligkeit nicht allein auf irgendetwas Moralisches fest: dass wir eine weiße Weste haben müssen, dass wir uns die Finger nicht schmutzig machen dürfen an der Welt, dass wir asketische Klimmzüge machen müssen. Nein, dieser Satz macht uns kein schlechtes Gewissen, weil wir so  wenig heilig sind. „Sich heiligen“, also heilig werden wollen heißt hier: in all dem Wirrwarr, in all dem Erdrückenden und Entmutigendem, in all der Oberflächlichkeit die Hoffnung nicht aufgeben! Wer das Ziel bei Gott erhofft, heiligt sich! Wer hofft, wird heilig!

Heiligkeit ist also nicht nur die Summe der Verdienste von idealen Menschen der Vergangenheit und auch nicht irgendeine paradiesische Verheißung für die ferne Zukunft, sondern die ganz handfeste Hoffnung, dass es in all unserem Durcheinander, in der oft massiv erlebten Sinnlosigkeit doch ein Ziel gibt und einen Sinn, den nicht wir machen. Insofern sind Heilige auch diejenigen unter uns, die vor Verzweiflung bewahren, die nicht der Vermessenheit verfallen, es käme nur auf uns an. Heilige sind auch die unter uns, die sich von der grassierenden Kultur des Todes nicht unterkriegen lassen und dem Leben trauen. Heilige sind die unter uns, die nicht auf ein Wunder am Ende warten, sondern schon selbst das Wunder mitwirken, weil sie mit anpacken und nicht aufgeben zu hoffen. Heilige sind Menschen, die ausgestreckt auf dem harten und kalten Steinboden der Wirklichkeit noch träumen können wie Jakob von der Himmelsleiter.

Heilige sind Menschen, die die Schritte der Seligpreisungen wagen: die sich nicht vom Habenwollen und vom Reichtum einlullen lassen, sondern arm sind; die noch trauern können, weil sie sensibel geblieben sind; die sich nicht zur Gewalt hinreißen lassen; die immer neu Gerechtigkeit suchen und Unrecht nicht ertragen; die barmherzig sind, ein Herz aus Fleisch haben (vgl. Ez 36, 26); die durchschaubar und echt sind, reinen Herzens; die den Frieden immer und immer wieder versuchen; die Leid nicht nur vermeiden, sondern es auch durchzustehen lernen. Solche Menschen gibt es Gott sein Dank immer wieder! Leider werden sie zu leicht übersehen.

So ist das Fest Allerheiligen nicht nur die Feier vergangener christlicher Idealfiguren oder schon gar nicht die Projektionsfläche einer unerreichbaren Zukunft, sondern die Feier unserer eigenen ganz geerdeten Hoffnung, die Feier österlicher Hoffnung mitten im Sterben des Herbstes.

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