Gruppenstunden | Pfarrgemeinde Herz Mariae

Was und wer sind Heilige? Oder: Wer bin ICH?

Nachklang Allerheiligen | Allerseelen

Besuch des Friedhofs Harleshausen mit den Erstkommunionkindern

Ein wichtiger Teil der Kindheit sind Geschichten, Märchen und Legenden. Kinder sind auf eine natürliche Art imstande, diese zu verstehen und zu verarbeiten.

Kinder spüren, dass sie mittels Sprache, Bildern und Symbolen und somit ihrer Vorstellungskraft eine Antwort auf eine unbewusste, aber immer vorhandene und wichtige Frage bekom­men: Wer bin ICH eigentlich?

Sammlungen von Heiligengeschichten hießen früher „Legenda". Das heißt „was gelesen werden muss". Später wurden die einzelnen Geschichten „Legenden“ genannt. In ihrer ursprünglichen Bedeutung ist „Legende" auch eine kurz gefasste Erläuterung zu Bildern, Architekturzeichnungen und Plänen.

Heute verbindet sich der Begriff meistens mit einem überlieferten Bericht, mit einer besonderen Begebenheit aus dem Leben eines Heiligen.

Wie Märchen und Sagen sind Legenden Volkserzählungen, die zum täglichen Gebrauch im Lauf des Jahres bestimmt sind.

In der Grimmwelt, dem Ausstellungsort in Kassel zum Leben und Wirken der Brüder Jacob und Wilhelm Grimm, ist nun weiterhin, als Ankauf der Stadt Kassel für die Neue Galerie, ein Teil eines documenta14-Kunstwerks zu sehen. Es handelt sich um eine Videoinstallation des Werks „Lost and Found“ der Anthropologin und Künstlerin Susan Hiller. Sie hat Sprachen gesammelt, die vom Aussterben bedroht sind oder bereits ausgestorben sind. So werden im Foyer des Museums 1000 einzelne „ausgestorbene“ Wörter in Dreier-Folgen an eine Wand projiziert, darunter solche wie „unbezwungen, unbiblisch, unbieder…“.

Dieses Werk, darum wohl auch hier ausgestellt, kann als Antwort auf das größte Projekt der Brüder Grimm zu verstehen sein, das Wörterbuch mit seinen rund 120.000 Stichwörtern. Es stellt bis heute das umfangreichste Wörterbuch zur deutschen Sprache dar.

Doch schrieben die Brüder Grimm auch ihre berühmten Märchen. Im Märchen wird der Sieg des Guten über das Böse mit Hilfe von Symbolfiguren beschrieben. Die Brüder Grimm benutzten ihre „eigenen“ Wörter…

Dem gegenüber stehen Legenden, Heiligenlegenden. Hier geschehen einzelnen Menschen „Wunder". Aber nicht zufällig, um belehrt zu werden und anschließend belehren zu können wie im Märchen, sondern weil diese überlieferten Ereignisse ihrem Charakter entspringen. Eine Legende ist eine Art Biografie, die oft ein Schlüsselerlebnis, aber immer eine persönliche Wahrheit enthält. So benutzt eine Legende vielleicht auch veraltete „Unwörter“. Wie steht es z.B. um das Wort „nobel“? Wenige Wörter wie dieses, finde ich, können die Gesinnung eines Heiligen so gut beschreiben. Und das eingangs erwähnte Wort „unbiblisch“? Heilige sprechen sich konkret gegen das Unbiblische aus, weil sie gezielt in die Fußstapfen Jesu treten.

Werden solche Wörter wieder gehört, und machen wir uns bewusst, dass sie nicht Grimms Wörter der Märchen sind, sondern dass es spezielle Wörter auch für die Heiligen gibt, so kehren diese durch sie unter die Lebenden zurück. Allerheiligen! Immer alle Heilige! Denn die Wörter artikulieren die ganz speziellen Erfahrungen und Wahrheiten jener besonderen Menschen.

Heilige besitzen ein unendliches Vertrauen auf Gott. Die Belohnung für dieses Ver­trauen ist das Wunder.

Vor allem Kinder lauschen diesen Wundern der Legenden immer noch mit großer Begeisterung, denn sie beschreiben, allen gesellschaftlichen Verände­rungen zum Trotz, das Wesen des Menschen, sich selbst, als Antwort auf: „Wer bin ICH?“. - Wie möchte ich gerne sein?

„Heilig“ heißt nicht fehlerlos, sondern „Gott gehörig", bei Gott, nun in der Aura Gottes, wie wir mit den Kindern auf dem Friedhof feststellen. - Und nahe bei unseren bereits verstorbenen Angehörigen. Die entzündeten Lichter sind Symbole unseres Gedenkens der Toten, deren Seelen ewig weiter "leuchten". Alle Seelen - Allerseelen!

Heilige sind beispielhaft, nicht unerreichbar vollkommen, aber bestrebt, mit Schwächen, Versuchungen und Widersprüchen fertig zu werden. Deshalb braucht es keinen erhobenen Zeigefinger, um Kindern Heilige als Vorbilder vorzustellen.

Heiligkeit ist übrigens keiner sozialen Schicht vorbehalten, ist auch keine Frage der Bildung. Josef war Zimmermann, und die heilige Elisabeth wurde als Prinzessin geboren, bevor sie den Armen half. Der heilige Hieronymus wollte denken und wurde einer der vier großen Kirchenväter; der heilige Franziskus hatte das „Anpacken“ und vor allem das Vorleben zum Ziel. Der heilige Philipp war mittels Spaß und freundlicher Ironie beispielhaft.

Wer sich mit dem Leben von Heiligen beschäftigt, wird nicht nur ihren unerschütterli­chen Glauben, sondern auch ihren Mut bewundern, den Mächtigen, oft auch innerhalb der eigenen Glaubensgemeinschaft, Widerstand zu leisten und Ungerechtigkeit zu bekämpfen. Deshalb sind sie immer und immer wieder aktuell.

Aufrichtigkeit, Erbarmen mit Hilflosen, Toleranz und Treue sind keine veralteten Tugenden. Heiligenlegenden gehören zu den Geschichten, und Märchen natürlich auch, die einem helfen, sich selbst kennen zu lernen, die einem Mut und Vertrauen in die eigenen Kräfte geben.

Darüberhinaus sind sie eine allen verständliche Glaubensbotschaft. - Gott hat viele Namen.

Christine Striegel