Ausrichtung der Pfarrkirche Herz Mariae

Die Ausrichtung der Kirche Herz Mariae

"Westung"

Ausrichtung der Pfarrkirche Herz Mariae

Unter Ostung versteht man die Ausrichtung eines Kirchengebäudes nach Osten, in Richtung der aufgehenden Sonne, um zu Christus, dem Licht der Welt, beten zu können. Zudem gilt der Sonnenaufgang als Symbol der Auferstehung; somit wurden seit dem Mittelalter die Längsachsen der Kirchen danach ausgerichtet. Der Chor mit dem Altar lagen in der Regel im Osten, der Haupteingang entweder im Westen oder im Norden bzw. Süden.

In den frühchristlichen Kirchen lagen allerdings, wie in der Antike üblich, die Frontseite der Kirche im Osten und die Apsis im Westen. Der Eingang war auf der Ostseite, wie im jüdischen Tempel in Jerusalem (auch in der Vision des idealen Tempels in Ez 43,1 EU), um in Richtung des Allerheiligsten zu beten. Erst im 8. oder 9. Jahrhundert setzte sich die Ostung durch. – So hatte die konstantinische Grabeskirche in Jerusalem den Eingang ursprünglich im Ostende.

Zeichnung: © Erwin Reidinger
Zeichnung: © Erwin Reidinger

Die meisten Kirchen waren allerdings nicht strikt in Richtung Osten ausgerichtet, sondern in Richtung der aufgehenden Sonne - was von Europa eher nach Südosten bedeutet. Beispielhaft dafür sind viele große nordfranzösische, gotische Kathedralen. (Dafür ähneln gotische Doppelturmfassaden einer „Stadtbefestigungsarchitektur“, die zwar nicht die Ausrichtung aufnehmen, aber das Motiv des Eingangs zum Himmlischen Jerusalem darstellen.) Da die Sonne nicht jeden Tag an der gleichen Stelle aufgeht, wurde der Sonnenaufgang einem bestimmten Kalendertag zugrundegelegt, meistens der Tag des Patroziniumsheiligen im Jahr des Baubeginns. – Anhand der Ausrichtung alter Kirchen und Synagogen lassen sich folglich die genauen Bau- bzw. Weihedaten ermitteln. So konnte nachgewiesen werden, dass die Achse des Jerusalemer Tempels exakt nach dem Sonnenaufgang am Pessachfest des Jahres 957 v. Chr. ausgerichtet ist. Der 15. Nisan dieses Jahres war nach dem heutigen Kalender der 18. April. (s. Der Tempel von Jerusalem in Raum und Zeit, St. Pölten, 14.06.2013, dsp)

Die Praxis, Kirchen nach heliometrischen Gesichtspunkten auszurichten, endete um das 15. Jahrhundert, weil zunehmend stadtplanerische Gesichtspunkte in den Vordergrund rückten. Zudem kam in der Renaissance und vor allem im Barock in Europa die Tendenz auf, Kirchen auch als Zentralbauten zu errichten.

Dass die Kirche Herz Mariae nach Westen, mit einer Abweichung nach Norden. ausgerichtet ist, ist folglich dem offensichtlichen, formalen, städtebaulichen Grund geschuldet: Der Architekt Joseph Bieling wollte den Eingangsbereich auf die Kreuzung der beiden Hauptstraßen Harleshäuser Straße und Ahnatalstraße ausrichten, um Herz Mariae auch auf Fernsicht mit ihrer Hauptfront repräsentativ zur Geltung zu bringen.

Sonnestand Herz Mariä 15.08.1957

Sehr interessant ist jedoch die genaue Ausrichtung unserer Kirche. Sie besitzt einen Winkel der Abweichung, dem man eine bewusste zuweisen könnte. Dieser Winkel beträgt 20,5° nach rechts Richtung Ost-Nord, bzw. 159,5° nach links Richtung West-Nord.

Könnte auch unsere Kirche zum Sonnenaufgang eines bestimmten Datums ausgerichtet sein? Ja, könnte sie. - Die Auswertung der Luftaufnahme zeigt, dass die Ausrichtung zum Sonnenaufgang des 15. Augusts recht gut passt. - Betrachtet man die Sonnenstände im August, so kommt der 15. August (Aufnahme Mariens in den Himmel: Maria Himmelfahrt) als höchster Marien-Feiertag der katholischen Kirche erstaunlich nahe, nähert sich dann aber noch weiter dem Fest „Mariä Geburt“ am 8. September an: „Voll Freude feiern wir das Geburtsfest der Jungfrau Maria, aus ihr ist hervorgegangen die Sonne der Gerechtigkeit“ (Eröffnungsfest 8. September www.erzabtei-beuron.de). Das Fest leitet sich vom Kirchweihtag der Jerusalemer Kirche her, die der heiligen Anna, der Mutter Marias, geweiht war. Frühe Sonnenstrahlen fallen morgens im August durch die Oberlichter unserer Kirche an entsprechender Stelle, weil „andersherum“ gebaut, ein. Ein Gruß aus dem irdischen Jerusalem.

Wer unsere Kirche vormittags (zum Gottesdienst) im August besucht, sieht, wie dieses Licht Chor und Apsis erstrahlen lässt.

Christine Striegel