Friedhöfe in Kassel | Pfarrgemeinde Herz Mariae

Der Hauptfriedhof in Kassel

Auch eine Annäherung...

Der Hauptfriedhof in Kassel • Lichtung
Der Hauptfriedhof in Kassel • Lichtung

Der Hauptfriedhof ist mit 40 Hektar der größte Friedhof Kassels. Nachdem auch in Kassel der alte, innerstädtische Altstädter Friedhof an der Lutherkirche ersetzt werden sollte, wurde der neue Friedhof im Jahr 1843 vor dem Holländischen Tor und damit außerhalb der damaligen Stadtgrenze eröffnet.

Der Altstädter Friedhof war auf dem Gelände des heutigen Lutherplatzes angelegt worden, auf dem erst später die Lutherkirche erbaut wurde. Er war bis zum Ende des Jahres 1848 der außerhalb der Stadtmauern gelegene Hauptfriedhof der Kasseler Altstadt. Auf dem nach der letzten Beisetzung im Juni 1843 geschlossenen Friedhof stehen noch heute einige beeindruckende Grabsteine und Totendenkmäler.

Längs der rechtwinklig angelegten von Eichen besäumten Allee-Achsen des neuen Hauptfriedhofes befanden sich zunächst die „vornehmen“ Gräber; sie wurden im Volksmund „Hochmut-Alleen“ genannt.

Bereits mit der Eröffnung des Friedhofs wurde das Mausoleum in Betrieb genommen. Es ist ein repräsentatives Gruftengebäude mit einer oberirdischen Wandelhalle und unterirdischen Grabkammern.

Die alte Friedhofskapelle, die sich am heutigen Halit-Platz befand, wurde 1943 durch Bomben zerstört und 1950 abgerissen. Sie enthielt wertvolle alte Grabsteine, die mit vernichtet wurden.

Auch eine erst 1926 errichtete Friedhofskapelle mit Leichenhalle, Werkstätten und Verwaltungsgebäude am Ende der Karolinenstraße fiel im Zweiten Weltkrieg Bombenangriffen zum Opfer, wurde aber später auf den alten Grundrissen wieder aufgebaut. Im Jahr 2000 wurde ein Krematorium eingeweiht.

Auf dem Hauptfriedhof sind Einzel- und Familiengräber, Grabfelder katholischer Pfarrer und Ordensschwestern, Gräber gefallener Soldaten sowie Gräber von Zwangsarbeitern zu finden. Aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs gibt es ein Bombenopferfeld als Zeugnis der verheerenden Bombenangriffe und der vielen Opfer.

Heute ist der Friedhof nicht mehr komplett belegt, was dem Trend zu anderen Bestattungsformen, wie etwa im Friedwald, geschuldet ist.

Ein Grabmal soll nicht nur die Erinnerung an den Verstorbenen erhalten, sondern verfügt auch oftmals über einen historischen, handwerklichen und künstlerischen Wert und steht deshalb im denkmalpflegerischen Interessen- und Tätigkeitsfeld. Wird ein solches Grab neu vergeben, entsteht eine Art Patenschaft mit der Verpflichtung der Erhaltung und Pflege des alten Grabsteins. Nur eine einfache Liegeplatte oder eine bescheidene zusätzliche Inschrift auf dem Sockel des alten Grabmals sind erlaubt.

Auf dem Hauptfriedhof befinden sich seit den 1920er Jahren nun 71 Ehrengräber verdienter Kasseler Verstorbener, die durch die Stadt Kassel in Zusammenarbeit mit der Friedhofsverwaltung auf Kosten der Stadt instand gehalten und gepflegt werden. Jedes Ehrengrab ist durch eine Steintafel mit dem Schriftzug „Ehrengrab der Stadt Kassel“ gekennzeichnet.

Grabmal mit dem Symbol für Jesus Christus: X und P
Grabmal mit dem Symbol für Jesus Christus: X und P

Ehrengrab | Carl Herbold

Ehrengrab | Carl Herbold
Ehrengrab | Carl Herbold

So ist beispielweise das Ehrengrab des "Bürgerkönigs" Carl Herbold (* 19. Juni 1796 in Kassel; † 2. August 1866 in Kassel) zu finden. 

In Kassel herrschten zur Biedermeierzeit schwere Auseinandersetzungen politischer, wirtschaftlicher und sozialer Art. Küfermeister Herbold war bei der kurfürstlichen Regierung wegen seinen politischen Aktivitäten nicht gut angesehen. Ein Augenblick des Zusammentreffens fortschrittlicher liberaler Kräfte mit dem konservativen, oft selbstherrlichen Kurfürsten Wilhelm II ist mit der Übergabe einer Petition von 21 Bürgern unter Führung des Kasseler Bürgermeisters Karl Schaumburg in einem Bild Ludwig Emil Grimms festgehalten. Dieser ist der weniger bekannte Bruder der Märchen sammelnden und Wörterbuch schreibenden Brüder Jacob und Wilhelm. Der Zeichner, Radierer, Maler und auch Professor an der Kasseler Kunstakademie, der noch jüngst mit seinem Bild „Die Mohrentaufe“ von 1841 auf der documenta 14 vertreten war, besaß als künstlerischen, charakteristischen Schwerpunkt die Begegnung mit „Anderen“. Auch Ludwig Emil Grimm (* 14. März 1790 in Hanau; † 4. April 1863 in Kassel) liegt in einem Ehrengrab begraben.

Der Kurfürst stimmte jedenfalls nach eingehender Erwägung dem Gesuch zu. – Carl Herbold schwenkte daraufhin ein weißes Taschentuch am Fenster des Residenzpalais, was bei den wartenden Massen auf dem Friedrichplatz große Freude auslöste. Die Revolution von 1830 brachte in Kurhessen eine Verfassung, 1831 ein Parlament und somit eine Stärkung der Stände.

Baum hinter einer Ruhestätte
Baum hinter einer Ruhestätte

Ehrengrab | Franz Sylvester Jordan

Erhard Heidrich vor Ehrengrab | Franz Sylvester Jordan
Erhard Heidrich vor Ehrengrab | Franz Sylvester Jordan

Der „Vater“ der Kurhessischen Verfassung, (Franz) Sylvester Jordan  (* 30. Dezember 1792 in Omes bei Axams, Tirol; † 15. April 1861 in Kassel), ist ebenfalls mit einem Ehrengrab auf dem Hauptfriedhof vertreten. Der deutsche Jurist und liberale Politiker hatte nach Gymnasialabschluss in München Philosophie, Rechtswissenschaften und Kameralwissenschaften an der Universität Wien und der Universität Landshut studiert und wurde nach Promotion in Recht und in Philosophie Privatdozent in Heidelberg. 1821 wurde er zum Professor für Staatsrecht an die Universität Marburg berufen und amtierte dort auch als Rektor. 1827 wurde er erstmals in eine kurhessische Regierungskommission zur Überprüfung der Gesetzgebung berufen. Er trug maßgeblich zur Erarbeitung der Verfassung von 1831 und damit zur Schaffung der kurhessischen Ständeversammlung bei.

In seiner Funktion als Ständevertreter der Liberalen kam Jordan in Konflikt mit der Landesregierung. 1832 wurde ihm die Ausübung des Abgeordnetenmandats verweigert und er wurde unter Polizeiaufsicht gestellt. Nach Vorwürfen des Hochverrats im Umfeld von Georg Büchner und Friedrich Ludwig Weidig („kurhessische Verhältnisse) wurde er 1843 zu fünf Jahren Festungshaft auf dem Marburger Schloss verurteilt. 1845 hob das Oberappellationsgericht Kassel dieses Urteil auf und Jordan kam frei.

Später, ab 1848, gehörte Jordan noch verschiedenen anderen Parlamenten an (Frankfurt, Fritzlar). Gleichzeitig war er als Bundestagsgesandter Vertreter Kurhessens bei der Provisorischen Zentralgewalt und gehörte bis 1850 zum Schiedsgericht des Erfurter Unionsparlaments.

Seine Beerdigung geriet zu einem Akt des zivilen Ungehorsams gegen die „Staatsgewalt“. Der Beerdigungszug wurde über die Kölnische Sraße umgeleitet, damit die Kasseler Bürger die letzte Ehre erweisen konnten. Der katholische Pfarrer erwies sich als clever. Er habe davon nichts mitbekommen, sei aber auch nur der katholischen Kirche Rechenschaft schuldig. Zudem müssten Predigten nicht schriftlich festgehalten werden und hätten keine dokumentarische Funktion.

Ludwig Emil Grimm, Kurfürst Wilhelm empfängt am 15.September 1830 Bürgermeister Karl Schaumburg und die Abgeordneten der Stadt Kassel,1830, Stadtmuseum, Kassel 
Ludwig Emil Grimm, Kurfürst Wilhelm empfängt am 15.September 1830 Bürgermeister Karl Schaumburg und die Abgeordneten der Stadt Kassel,1830, Stadtmuseum, Kassel

Benny Burton

Grab des Benny Burton
Grab des Benny Burton

„Da ruhest Du, Du meines Lebens reinste Freude. Und hingestorben ist mit Dir mein bestes Glück. Empfängt mich einst dein holder Engelsblick, so duld' ich still der Trennung tiefen Schmerz. Denn Wiedersehn hofft mein gebeugtes Herz." Ende der 50er Jahre entdeckten die Eheleute Clara und Paul Hans Bangert diese geheimnisvolle Grabsäule. Nachforschungen ergaben, dass hier der Sohn des englischen Entdeckungsreisenden Richard Francis Burton (1821 - 1890) seine letzte Ruhestätte fand. Die Bangerts und die Burtons verbindet ein Schicksal: Sie verloren jeweils ihren noch jungen Sohn.

Wolf Heinrich Bangert ertrank am 8. Mai 1955 - nicht einmal 27 Jahre alt - an der Mittelmeerküste in der Nähe Genuas. Aus Freude über die mit Auszeichnung bestandene Diplom-Arbeit war der junge Physiker mit vier Freunden durch Italien gereist. Er liegt ebenfalls auf dem Kasseler Hauptfriedhof begraben.

Die Grabstele ist eine Filigran-Arbeit aus Marmor, geschaffen vom Bildhauer Louis Woehli aus Zürich. Sie stellt einen knorrigen Eichenstamm dar.  An einer Schleife hing wohl vormals das jetzt nicht mehr vorhandene Kreuz mit dem Namen Benny Burton - geboren am 10. August 1863, gestorben am 31. August 1877. Auf der Säule befinden sich in Stein gehauene Rosen, ein Tau, das sich um den Baumstamm schlängelt, und ein Anker. Letzterer könnte ein Hinweis auf den Vater sein, der im Dienst der Ostindien-Gesellschaft sowie des Britischen Konsulats gestanden hatte. Er soll, als Mohammedaner verkleidet, nach Medina und Mekka gereist sein, außerdem nach Ostafrika, wo er 1858 mit dem Afrikaforscher John Hanning Speke den Tanganjikasee entdeckte. 1861 bestieg Burton als erster den 4070 Meter hohen Hauptgipfel des Kamerun-Gebirges. 1863, dem Geburtsjahr von Sohn Benny, ging Burton in diplomatischem Auftrag nach Dahomey. Als erster Europäer hatte Burton Harrar besucht, die 1855 Meter über dem Meer gelegene Provinzhauptstadt in Äthiopien.

Dass „Benny“ in Kassel begraben liegt, könnte damit zu tun haben, dass sein Vater auch kurzzeitig  Professor an der Göttinger Universität war. Bei der Kasseler Friedhofsverwaltung ist der Vater von Benny Burton als Plantagenbesitzer vermerkt. Dort, wo die Stele steht, wurde 1891 Caroline von Rabenau, verwitwetete Burton, geborene Ling, beerdigt - vermutlich die Mutter von Benny, die wahrscheinlich die Verse auf dem Grabstein schrieb. Sie starb 49jährig. Fest steht, dass hier 1883 auch Marie Ling aus Wehlheiden beigesetzt wurde, möglicherweise die Mutter Carolines.

zugrunde liegende Quelle: Ein Grab und sein Geheimnis, Manfred Schaake, ads/HNA_KSS_1988-11

Da ruhest Du, Du meines Lebens reinste Freude...
Da ruhest Du, Du meines Lebens reinste Freude...

Conrad von Henkel-Gebhardi

Grab des Conrad von Henkel-Gebhardi
Grab des Conrad von Henkel-Gebhardi

Ein wunderschönes Grab ist dasjenige des Admiral Conrad von Henkel-Gebhardi (1860-1923), dem am 7.11.1914 dank Vernunftehe mit Anna Marie von Gebhardi erblicher Adel verliehen wurde. 

Somit wurde ihm eine militärische Laufbahn ermöglicht, die ihn schließlich als Schiffsoffizier und –kommandant auf die „Kaiserliche Werft zu Kiel“ führte. Zuletzt stieg er zum Oberwerftdirektor auf, der auch gelegentlich Kaiser Wilhelm II. durch die Werft geleitete. Die Kaiserliche Werft Kiel war neben der Kaiserlichen Werft Danzig und der Kaiserlichen Werft Wilhelmshaven eine von drei Werften, die für die Marine des Deutschen Kaiserreichs Kriegsschiffe und im Ersten Weltkrieg auch Marineflugzeuge produzierte. Die Werften in Kiel und Danzig bauten als älteste der drei Werften auch für die Marine des Norddeutschen Bundes.

Der Kaiserliche Yacht-Club Kiel, der "exclusivste deutsche Segelsportverein" vermerkte den Adeligen im Jahr 1918 stolz unter seinen Matrikeln.


Dieses Grabdenkmal ist ein Beispiel dafür, dass ihm, um es zu erhalten, eine schlichte Grabplatte des neuen Eigentümers vorgelegt ist.

Kaiserlicher Admiral Conrad von Henkel-Gebhardi
Kaiserlicher Admiral Conrad von Henkel-Gebhardi

Ehrengrab | Carl Eduard Fürer

Gott schaffe mir Recht und führe meine Sache wider das unheilige Volk und errette mich von den falschen und bösen Leuten. Psalm 43, Vers 1

Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat. Psalm 103, Vers 2

Ehrengrab | Carl Eduard Fürer
Ehrengrab | Carl Eduard Fürer

Das letzte Grab, das ich gerne vorstelle, ist dasjenige des Carl Eduard Fürer. Dieser war der erste Pfarrer an der Brüderkirche zu Kassel von 1868 bis 1902. Dessen Familienchronik beginnt mit dem Brückenbaumeister Johann Michael Führer - er schrieb sich noch mit „h" -, und starb 1720.

Carl Eduard Fürer studierte Theologie in Marburg und übernahm zunächst mehrere Stellen als Hauslehrer und Lehrer, zuletzt eine Stelle als Realschullehrer in Elberfeld, bevor er 1859 endgültig eine Pfarrstelle übertragen bekam und später nach Hessen-Kassel wechselte.

Auch Fürer war ein Mann von Courage. So wagte er es, Juden und Christen miteinander zu verheiraten. Die Seelsorge stand im Zentrum seines Tuns; er soll zuletzt für 3.700 Seelen zuständig gewesen sein. Bis zu 1.000 Kinder kamen um 1880 in seine Kindergottesdienste. Predigen war ihm wichtig. Den „Kleinkram“ der Gemeindearbeit soll er allerdings gern dem zweiten Pfarrer überlassen haben.

Vom Dichter Otto Freiherr von Taube als der „Heilige Geist in Zivil“ bezeichnet, wirkte er 34 Jahre in der Altstädter Gemeinde. Fürer war Mitbegründer der „Herberge zur Heimat" und des „Jünglingsvereins für die neue männliche Jugend", aus dem später der CVJM hervorging.

Seine Dienstjubiläen feierte stets die ganze Stadt.

Das geheimnisvolle Grab des Master Sergeant Earl R. Blochberger... - erst vor wenigen Jahren zufällig wiederentdeckt
Das geheimnisvolle Grab des Master Sergeant Earl R. Blochberger... - erst vor wenigen Jahren zufällig wiederentdeckt

Ostungen, d.h. eine Ausrichtung der Toten gen Osten, gab und gibt es übrigens auf dem Hauptfriedhof nicht mehr.

Text: Christine Striegel

mit herzlichem Dank an Erhard Heidrich für die Gewährung von Einblicken in die Bestattungskultur und der Geschichten dahinter, auch der "Prominenten"...,  auf dem Hauptfriedhof Kassel

Fotos: ©.Striegel